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Meister im Spiel mit seiner Identität

Erzählen heißt, eine Identität konstruieren. Thomas Manns Wandlung zum Sprecher der Exilanten spiegelt sich in seiner Josephs-Tetralogie, erläuterte die Bamberger Germanistin Julia Schöll in einem Vortrag. Ihre Dissertation wurde mit dem Görres-Preis 2003 ausgezeichnet.

Von Konstantin Klein

Leser von Thomas Mann deuten seine Werke gern vor dem Hintergrund seiner Biografie. Um das bloße Aufzeigen von Parallelen zwischen Leben und Werk geht es der Bamberger Literaturwissenschaftlerin Julia Schöll in ihrer mit dem Görres-Preis 2003 ausgezeichneten Dissertation Joseph im Exil. Zur Identitätskonstruktion in Thomas Manns Exil-Tagebüchern und -Briefen sowie im Roman Joseph und seine Brüder jedoch nicht. Vielmehr betrachtet sie, wie sie in einem Vortrag in der Bamberger Buchhandlung Görres erläuterte, ausgewählte Gesichtspunkte im Hinblick auf Theorien der narrativen Psychologie. Die als wissenschaftliche Angestellte am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft von Prof. Friedhelm Marx tätige Germanistin untersuchte Thomas Manns Tagebucheintragungen und Briefe aus den Jahren des Exils sowie den Roman Joseph und seine Brüder auf Stellen, an denen Identität rekonstruiert oder neu konstruiert wird.

 

Erzählen heißt, Identität konstruieren

Der Begriff der Identität habe, so Julia Schöll, eine lange geistesgeschichtliche Tradition durchlebt. Jünger hingegen sei die Idee von Identitätskonstruktion und -rekonstruktion. Ausgehend von der anthropologischen Grundannahme, dass der Mensch zeitlebens seine Entwicklung und Beziehung zur Welt als Narration gestalte, also Geschichten konstruiere, erläuterte Julia Schöll den theoretischen Unterbau ihrer Dissertation: Der Akt des Erzählen bedeute die Konstruktion einer Identität, die immer wieder neu produziert werden müsse. So habe jeder Mensch im Laufe seines Lebens mehrere Identitäten, die jeweils nur für eine gewisse Zeit ein kohärentes Bild abgäben. Lebenskrisen beispielsweise könnten Wendepunkte sein, an denen eine Neuorientierung notwendig werde.

 

Die Josephs-Tetralogie, deren dritter und vierter Band im Exil entstanden sind, sei deswegen für die Theorie narrativer Identitätskonstruktionen interessant, da sich Thomas Manns Lebensumstände in der langen Entstehungszeit von 1926 bis 1942 grundlegend gewandelt haben: Der Nobelpreisträger entwickelte sich in Deutschland vom gefeierten Nationalautor hin zu einem von den Nazis verfehmten Dichter. Die damit verbundene Lebenskrise habe, so Schöll, eine Neukonstruktion seiner Identität nötig werden lassen. Vom stillen, skeptischen Befürworter der Republik, verwurzelt im traditionellen System des Kaiserreichs, wandelte er sich spätestens 1936 mit seinem offenen Brief in der Neuen Zürcher Zeitung zum bekennenden Kämpfer gegen Hitler und einem Sprecher der Exilanten.

 

Eine hochstaplerische Identifikation

Zum Exilanten werde jedoch auch die biblische Figur des Joseph, die Thomas Mann zur zentralen Gestalt seiner etwa 1800 Romanseiten macht. Für den jungen Joseph, erklärte Julia Schöll, sei die Welt klar gegliedert, doch sein Leben verlaufe anders als geplant: So müsse er sich, von den Brüdern ?nach Ägypterland? verkauft, als Sklave im Hause des Groß-Eunuchen Peteprê (Potiphar) eine neue Rolle suchen, d.h. sich eine neue Identität konstruieren. Da er durch seine Traumdeutungen auffalle, gelange er an den Hof des Pharaos, wo er, im letzten Band der Tetralogie, eine Mittlerrolle einnehme. Als ?Wirtschaftsminister? sei er für die Getreideversorgung des Reiches verantwortlich und übe sich nunmehr in Bescheidenheit ? eine neue Identität, die er am Anfang seines Lebens keineswegs in Erwägung gezogen habe.

 

Beide, Autor wie Protagonist, seien Meister im Spiel mit ihrer Identität. Mit der Josephsfigur habe Thomas Mann keine einzigartige Romangestalt entwerfen wollen, vielmehr knüpfe sie an die Tradition der Heldengestalten des alten Orients an. Die Figur selbst kenne ihre Vorbilder, imitiere sie, lasse sich in der Identitätskonstruktion von ihnen leiten. ?Eine weitgehende und eigentümlich hochstaplerische Identifikation seines Ichs mit dem dieser Helden ist unterstellbar...?, schrieb Thomas Mann 1927 an Jacob Horovitz. Nach vielen unterschiedlichen Rollen habe sich Joseph am Ende des Romans zum ?Ernährer? entwickelt. Eine Entwicklung, die Julia Schöll ähnlich auch beim Autor selbst feststellt, der bei und mit der Arbeit an der Vollendung der Tetrologie seine neue Identität als Sprecher der Emigranten gefunden und gefestigt habe. Julia Schölls Untersuchung wird im Sommer 2004 in der Reihe Studien zur Literatur- und Kulturgeschichte bei Königshausen & Neumann erscheinen.

 

 

News Sommersemester 2004 vom 26.04.04