Der ehemalige Kriegsreporter Andreas Braun berichtete Bamberger Journalistik-Studierenden
Was bringt Journalisten dazu, in Kriegsgebieten ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Welche Aufgaben haben sie, und mit welchen Problemen müssen sie vor Ort kämpfen? Ein ehemaliger Kriegsreporter gab Auskunft.
Die meisten würden diesen Job für kein Geld der Welt machen, für andere ist die Arbeit eines Kriegsreporters das Größte überhaupt. Für Andreas Braun zum Beispiel. Der Journalist, der Anfang der Neunziger von den Balkankonflikten berichtete, bekennt heute: "Diese Jahre waren für mein journalistisches Leben ein absoluter Höhepunkt".
Auf Einladung von Simone Richter, Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft /Schwerpunkt Journalistik, vermittelte der 46-Jährige mit dem sympathischen schwäbischen Dialekt Bamberger Journalistik-Studierenden, was er bei der Berichterstattung aus Kriegsgebieten als vorrangigste Aufgabe betrachtet: "Für mein Verständnis sollen sich Kriegsreporter vornehmlich mit den Opfern auseinandersetzen." Und weiter: "Es geht nicht um die Faszination des Krieges, sondern darum, was ein Krieg mit den Menschen anrichtet!"
Braun reiste von 1989 bis 1993 im Auftrag der "Stuttgarter Zeitung" regelmäßig auf den Balkan, wo zu dieser Zeit Serben und Kroaten gegeneinander Krieg führten; jeden Monat für jeweils zehn Tage. Dieses regelmäßige Pendeln diente auch als Selbstschutz für Braun: "Damit habe ich immer wieder Distanz zu den schrecklichen Geschehnissen gewonnen und die psychische Belastung in Grenzen gehalten."
Mit seinen Reportagen wollte er vor allem eines erreichen: möglichst unmittelbar die grausame Wirklichkeit des Krieges darstellen, dessen Hintergründe durchleuchten und nicht zuletzt beim Leser in Deutschland Mitgefühl erwecken. Für Braun besteht darin die Funktion eines Kriegsreporters. Die Arbeit der im jüngsten Irakkrieg eingesetzten embedded journalists sieht Braun dagegen kritisch. Er selbst wollte alle Seiten zu Wort kommen lassen und begab sich daher unter Menschen beider Kriegsparteien, um deren Geschichten zu erzählen. Beispielsweise war er bei Flüchtlingstransporten aus Gefangenenlagern vor Ort, für Journalisten eine "klassische Möglichkeit, mit Kriegsopfern zu sprechen." Auch schreckte der "Journalist mit Herzblut", wie er sich selbst bezeichnet, nicht davor zurück, Tschetniks, die berüchtigten serbischen Rebellen, zu interviewen.
Wer als Journalist in Kriegsgebieten arbeitet, muss mit vielen Widerständen rechnen, so Braun. "Es herrschte keine Medienfreiheit, und die Informationsministerien versuchten den Journalisten Trichter aufzusetzen und Propagandahülsen einzuführen." Auch das Militär habe ihm bei der Informationsbeschaffung oft im Weg gestanden. "Man musste sich gut mit ihnen stellen, taktisch vorgehen oder seine Absichten einfach verschleiern", beschreibt Braun sein Vorgehen. "Man läuft als schizophrene Persönlichkeit durchs Kriegsgebiet!" Und muss lernen, auf jeglichen Komfort beim Schreiben zu verzichten: "Sie lernen im Stehen zu schlafen und auch im Kriegslärm Ruhephasen zu finden, um zu schreiben!"
Als Berichterstatter habe er oft buchstäblich zwischen den Fronten gestanden. Als Journalist habe er stets herausfinden müssen, wo die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion, sachlichen Informationen und verfälschten Sichtweisen, nüchternen Fakten und emotionalisierten Erzählungen verlief. Die Gefahr, von einer Seite instrumentalisiert zu werden, sei groß. "Bei jedem vom Krieg Betroffenen entstehen irgendwann Feindbilder, es gibt Opfer in der Verwandtschaft, und der Krieg entwickelt eine Eigendynamik - es passiert alles Mögliche, was die Sinne vernebelt", erläutert Braun die Schwierigkeit dieser Arbeit und unterstreicht: "Man bekommt das Unglaublichste erzählt, um so wichtiger ist es da, bei Zweifeln auch immer wieder nachzuhaken." Denn bei Kriegen sei stets die Wahrheit das erste Opfer.
Oft erfuhr er von den Gefahren für sein Leben, die ihm bei seiner Arbeit mitunter drohten, erst im Nachhinein, bekannte er. Wie gefährlich diese Arbeit ist, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass allein im letzten Irakkrieg 2003 von den etwa 600 "embedded journalists" 16 ums Leben kamen. Verständlich, dass viele Zuhörer die Frage bewegte, was jemanden dazu bringt, als Kriegsreporter zu arbeiten. Für Braun waren dies "neben meiner Motivation, stets die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, vor allem meine Neugier und Abenteuerlust". Auf die Frage nach seiner Familie antwortete er ebenso lapidar wie vielsagend: "Ich habe halt mein Ding durchgezogen!"
Seit 1997 ist Andreas Braun Chefredakteur der Zeitung "Sonntag Aktuell". Heute agiert er vor allem vom Schreibtisch aus, für eigene Geschichten bleibt ihm nur wenig Zeit. Käme er in die Situation, einen seiner Redakteure in ein Kriegsgebiet schicken zu müssen, würde er keinen Militärfachmann aussuchen, sondern "einen guten Reporter, der sich im Umgang mit Menschen versteht, offen und vertrauensvoll auftritt. Es kann auch jemand sein, der vorher nur für Sozialthemen zuständig war."
News Wintersemester 2004/2005 vom 24.11.04