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"Lieber früher investieren als später regenerieren"

Bei den Antrittsvorlesungen der Pädagogen Prof. Dr. Faust und Prof. Dr. Roßbach

Von Julia Kargl

"Ich denke, also bin ich." (Bild: Photocase)

Die Pädagogen Prof. Dr. Gabriele Faust und Hans-Günther Roßbach zusammen mit Rektor Prof. Dr. Dr. habil. Godehard Ruppert (Bild: Kargl)

Wie kann man Kindern bereits im Kindergarten und der Grundschule eine ihren individuellen Lern- und Arbeitsansprüchen gerechte Ausbildung ermöglichen? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigten sich die Pädagogen Prof. Dr. Gabriele Faust und Hans-Günther Roßbach in ihren Antrittsvorlesungen.

Wie kann man Kindern bereits im Kindergarten und der Grundschule eine ihren individuellen Lern- und Arbeitsansprüchen gerechte Ausbildung ermöglichen? Und was wurde in dieser Richtung bereits getan bzw. was könnte getan oder verbessert werden? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigten sich die Pädagogen Prof. Dr. Gabriele Faust und Hans-Günther Roßbach in ihren Antrittsvorlesungen am 28. Juni vor großem Publikum: Kollegen, Vorgesetzte, Freunde, Familie und Studenten füllten den großen Hörsaal des Markushauses bis auf den letzten Platz.

Die neue Schuleingangsstufe

Gerade in Zeiten der Pisa-Studien, wo in den Medien immer wieder die Forderung gestellt wird, Kindergarten und Schule besser aufeinander abzustimmen, beschäftigen sich auch Pädagogen mit möglichen Reformen im Bereich des Schuleingangs. Das Modell der "Neuen Schuleingangsstufe", das in den 1990er Jahren in 14 deutschen Bundesländern eingeführt wurde, stellt einen ersten Schritt in diese Richtung dar.

Wie dieses Modell funktioniert und ob es sich nach 15 Jahren Probelauf als sinnvoll erweisen konnte, behandelte Prof. Dr. Gabriele Faust in ihrer Antrittsvorlesung unter dem Titel "Die neue Schuleingangsstufe - eine bundesweite Bilanz". Faust, die seit 2002 den Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Bamberg leitet, hat bereits einige Erfahrung mit diesem Projekt, da sie u.a. von 1998-2004 in der zentralen Projektgruppe des hessischen Schulversuchs "Integrativer Schulanfang" tätig war.

Das Konzept der "Neuen Schuleingangsstufe" ist relativ einfach: Alle schulpflichtigen Kinder und auch noch nicht-schulpflichtige Kinder, deren Eltern eine frühzeitige Einschulung wünschen, werden gleichzeitig eingeschult. Sie kommen in die so genannte Schuleingangsstufe, die die ersten beiden Klassen der Grundschule umfasst. Die Kinder bilden somit eine jahrgangs- und fächerübergreifende Lerngruppe. Denn dies soll "die gegebene Heterogenität erhalten, während die unterschiedlichen individuellen Bedingungen als Bereicherung für das gemeinsame Lernen angesehen werden", erklärte Faust. Etwas Besonderes sei aber auch, dass die Verweildauer in der "Neuen Schuleingangsstufe" ein bis drei Jahre beträgt. Kinder, die schnell lernen, kommen demnach nach Ende des Schuljahrs in die dritte Klasse, Kinder die langsamer lernen, bleiben in der bestehenden Klasse. Die heterogene Zusammensetzung erfordere allerdings nicht nur eine flexible Verweildauer, sondern auch eine sozialpädagogische Förderung sowie einen hochdifferenzierten Unterricht.

In einer Bilanz zeigte Prof. Faust, dass es für die neue Schuleingangsstufe zwar eine gewachsene Akzeptanz gibt, und dass sich bereits in einigen Bundesländern alle Schulen mit dem neuen Modell vertraut machen müssen. Aber insgesamt gesehen ist die konkrete Umsetzung des Konzepts in Deutschland 'mangelhaft'. Ein Aspekt dabei sei, "dass ein Großteil der Schulen auf die übergreifende Schulanfangsklasse verzichtet, oder das Konzept zwar anwendet - aber ohne die nötigen Rahmenbedingungen". Das Hauptproblem sei, dass diejenigen Schulen, die dieses Modell eingeführt haben, es zwar "erproben aber nicht prüfen". So fehlen konkrete empirische Untersuchungen, die genaue Ergebnisse aufführen und eine Überarbeitung des Reformmodells ermöglichen. Dadurch entsteht ein Qualifikationsdefizit, dem Prof. Faust mit der Forderung begegnete, derartige Reformmodelle nur im Rahmen einer Evaluierung und einer systematischen Erforschung durchzuführen.

Dieser Meinung war auch Prof. Dr. Roßbach, der seit 2002 Inhaber des Lehrstuhls für Elementar- und Familienpädagogik an der Universität Bamberg ist. Denn auch in seinem Vortrag, den er im Anschluss an Prof. Fausts Vortrag hielt, musste Roßbach feststellen, dass alle neuen Konzepte nichts nützen, wenn es keine regelmäßigen Evaluierungen und dementsprechend empirische Untersuchungsergebnisse gibt.

Der Kindergarten als Bildungsinstitution?

Wie die Schulen geraten auch die Kindergärten immer wieder in die Kritik: Mal fördern sie die Kinder individuell zu wenig, mal bilden sie nicht genug. Gerade beim schlechten Abschneiden deutscher Schüler im internationalen Vergleich wird immer wieder der Ruf laut: "Lieber früh investieren als später regenerieren". Doch wie könnte und müsste eine derartige Investition aussehen? Damit beschäftigte sich Prof. Dr. Hans-Günther Roßbach, der Pädagogik, Psychologie und Soziologie an den Universitäten Bonn, Köln und Münster studiert hat, sehr ansprechend in seiner Antrittsvorlesung: "Der Kindergarten als Bildungsinstitution - eine Bestandsaufnahme".

An oberster Stelle steht bei einer Kindergartenreform die Investition in die Bildung. Außerdem stehen eine bessere Förderung benachteiligter Kinder und eine Stärkung der Familie im Vordergrund. Im Zuge des Projekts BIKS, in dem sich Dozenten der Universität Bamberg mit der Wirkung von Familie und Umwelt auf die Bildung kognitiver Fähigkeiten eines Kindes und deren Auswirkungen auf die spätere Schulzeit beschäftigen, untersuchte Roßbach die Qualität von Kindergärten. So konnte er zeigen, dass eine gute Qualität des Kindergartens im praktischen Sinne positive Auswirkungen auf die Entwicklung hat, was Untersuchungen belegen. Im analytischen Sinn bleibt allerdings offen, was genau sich positiv auswirkt, seien es individuelle Förderung, spezielle Förderung z.B. im Bereich von Sprachen, oder gar die Feinfühligkeit der Erzieherinnen. Dies bedarf noch weiterer Untersuchungen. Auch das Projekt KIDZ (Kindergarten der Zukunft in Bayern) soll die Auswirkungen des Kindergartens auf die individuelle Persönlichkeit untersuchen. Teilnehmer dieses Projekts kommen im Kindergarten in so genannte KIDZ-Gruppen, die von KindergärtnerInnen, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen und GrundschullehrerInnen betreut werden. Dabei sollen bereichsspezifische Förderangebote, etwa die Vermittlung früher mathematischer Kenntnisse, schließlich eine Verkürzung der Grundschulzeit ermöglichen. Die Entwicklung der KIDZ-Gruppen-Kinder soll im Zuge einer systematischen Überprüfung dieses Experiments bis in die Grundschule und von dort bis zur nächst höheren Schule verfolgt werden.

Doch bis es so weit ist, werden noch einige Jahre ins Land gehen. Daher fordert auch Prof. Roßbach schon jetzt eine umfassenden Bildungsberichterstattung und die Einrichtung eines Bildungspanels. Denn es fehlen immer noch Zeugnisse vom individuellen Bildungsverlauf eines Kindes vom Elementarbereich bis zur Weiterbildung im Erwachsenenalter. Ein Schritt in diese Richtung sei die Verankerung der empirischen Bildungsforschung im Vor- und Grundschulbereich als Profilelement der Universität Bamberg, das den Studenten schließlich, bestärkte Roßbach, auch bessere Berufschancen ermöglichen würde. Zum Abschluss bedankte er sich bei allen Zuhörern, allen voran bei seinen beiden kleinen Töchtern, die bei der Vorlesung mit dabei sein durften.

Ein voller Erfolg

"Der Abend ist für mich ein voller Erfolg!", resümierte Prof. Faust beim anschließenden Sekt-Empfang, vor allem das große Interesse von allen Seiten, seien es Familie, Freunde, Kollegen oder Studenten, habe sie besonders gefreut. Neben vielen Studenten waren auch einige "Prominente" im Publikum anwesend, so etwa der Bundesvorsitzende des VBE (Verband Bildung und Erziehung) Dr. Ludwig Eckinger, der als Ehrengast extra aus Berlin angereist war. Auch viele Kollegen von den bayerischen Lehrstühlen bzw. Professuren für Grundschulpädagogik, etwa aus Nürnberg, München oder Bayreuth, hatten den Weg nach Bamberg gefunden sowie Kolleginnen und Kollegen fachfremder Lehrstühle, "die nicht auf jeden Vortrag gehen", freute sich Faust. Insgesamt also ein Abend, der einmal mehr bewies, dass Forschung alles andere als trocken und langweilig sein muss. 

News Sommersemester 2005 vom 14.07.05