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Klingende Mystik

Finnische Spätromantik und französische Moderne beim Studentenkonzert

Von Martin Rucker

Der junge Dirigent Pietari Inkinen bei der Arbeit (Bild: Julian J. Rossig)

Außergewöhnliche Programmgestaltung zu erschwinglichen Kartenpreisen: Mit diesem Konzept veranstalten die Bamberger Sinfoniker seit 2004 jedes Semester ein Konzert speziell für Schüler und Studenten. Am 13. Januar war es wieder soweit.

Beim ersten Studentenkonzert in diesem Jahr unter der Leitung des jungen finnischen Dirigenten Pietari Inkinen führten die Bamberger Symphoniker Werke von Jean Sibelius und Oliver Messiaen auf. Das Konzept ging wie immer auf, die Bamberger Konzerthalle füllte sich am 13. Januar restlos mit zumeist jüngeren Zuhörerinnen und Zuhörer.

Die Stimmen der unendlichen Natur

Eine detaillierte Einleitung über das Leben und Werk des Komponisten Messiaen (1908 – 1992) vermochte den Verstehenshorizont für das erste Orchesterwerk zu eröffnen. Messiaen, Sohn eines Anglisten und einer Dichterin, wuchs in Grenoble in einer von Poesie geprägten Atmosphäre auf. Musikalisch wirkte besonders die Klangsprache des Impressionisten Claude Debussy nachhaltig auf ihn ein. In Kriegsgefangenschaft in Görlitz komponierte er sein berühmtes Kammerwerk „Quartett an das Ende der Zeit“. Nach dem Krieg begann der sich selbst auch als Ornithologe bezeichnende Messiaen, systematisch Vogelstimmen seiner Heimat und fremder Länder zu notieren, musikalisch zu verwerten und sie somit im Sinne eines Dialoges in seine Werke einzugliedern. Außerdem studierte Messiaen altgriechische und indische Rhythmen sowie die Klangfarben traditioneller indonesischer und japanischer Orchester.

Seit seiner Kindheit prägte ihn eine tiefe Ehrfurcht vor den Mächten der Natur. Er meinte, dass keine noch so bedeutende menschliche Erfindung und technische Errungenschaft gegen die Naturkräfte siegen könne. Dieses Empfinden sowie ein unerschütterlicher katholischer Glaube prägten das über acht Dekaden reichende Gesamtwerk dieses durchwegs existenzbejahenden Künstlers.

Abgrundtief traurig und mit großer Liebe

Das von Messiaen zur Aufführung gebrachte Werk trägt den Titel „Les Offrandes oubliées“ („Die vergessenen Opfergaben“). Markant ist der dreiteilige Aufbau des Stückes. Das groß besetzte Orchester ließ kraftvolle Klänge erwarten. Einfühlsam wurde der von den Streichern dominierte einleitende Trauergesang vorgetragen. Die tragisch anmutenden Dissonanzen wurden von warmen Holzbläsern gespielt, im Großen und Ganzen glaubwürdig, doch fehlte es ein wenig an der innigen Süße der Liebe, die der leidende Jesus am Kreuz empfunden hat. Doch selbst in den Partien mit vielschichtiger, oft asymmetrischer Rhythmik, meisterte das Orchester den rasanten Mittelteil mit klarem Einsatz; unheimlich einnehmende Musik als Sinnbild für die Hast und den Wahn, die einen überkommen, sobald die von Jesus mit seinem Tode hinterlassenen Gaben vergessen werden.

Eindrucksvoll grell kamen selbst die in extrem hohen Lagen notierten Violinpartien zum Ausdruck. Im dritten Teil, der an den ersten anknüpft, konnte der Zuhörer aufatmen. Warme Streicherklänge, weniger dissonant und trauernd als zu Beginn, erschienen wahrheitsgetreu. Fast jenseitig zeigt das Werk schließlich Jesu Barmherzigkeit.

Komponist des nationalen Zusammenhaltes

Von den Sagen und Mythen seines Heimatlandes ließ sich Jean Sibelius (1865 – 1957) beeinflussen. Er ist seinerzeit der wohl berühmteste Musiker Finnlands gewesen. Nach ersten Erfolgen bekam er ein Stipendium für ein fortführendes Musikstudium. Es wurde von der finnischen Regierung später in eine lebenslange Rente umgewandelt. Fern von der Hektik der finnischen Hauptstadt lag sein Waldhaus, das er über 50 Jahre bewohnte, und das zu einem Treffpunkt für Musiker und Künstler wurde. Der Schwerpunkt seines Schaffens lag in der symphonischen Musik. Pietari Inkinen leitete die zweite Sinfonie in D-Dur. Sie entstand um 1901 in einer Zeit, in der die Souveränität Finnlands durch Russland bedroht wurde. Viele Finnen verbanden mit dieser Sinfonie eine Art nationale Festigung. Das Werk wurde schnell sehr populär, was sicher auch an seinem pathetischen Charakter liegt.

Lebendig brachte das Orchester die einleitenden Takte des ersten Satzes herüber. Schön auch die ruhigeren tänzerischen Sequenzen in den Holzbläsern und der Aufgriff durch die Hörner, sowie der anschließende Kontrast in den Violinen. Beim genauen Hinhören konnte man im zweiten Satz die düsteren Themen des Fagotts etwa in der Mitte vernehmen, nach dem Komponisten ein Motiv des Todes. Dabei wirkte der vom Orchester sauber durchdachte Übergang zu ruhigen gesanglichen Abschnitten wie ein Christusmotiv.

Sehr konzentriert präsentierte das Orchester die vielen dynamischen Abstufungen im lebhaften dritten Satz. Fünf Paukenschläge führen in eine Reprise vorangegangener Themen, welche direkt in den raumausfüllenden mächtigen Schlusssatz mündet. Hier bestimmt ein hymnenartiges Thema das Geschehen, welches beinahe wie ein Ohrwurm hängen geblieben ist. Das Orchester führte in das pathetische ausladende Finale, das vom Publikum unmittelbar mit begeistertem Applaus gewürdigt wurde. Alles in allem ein sehr einfühlsamer und werkgetreuer Vortrag.

News Wintersemester 2006/2007 vom 19.01.07