Jahrzehntelang war Eberhard Schmitt in Bamberg die Koryphäe auf dem Gebiet der europäischen Expansion. Bei seiner Verabschiedung fragte Fachkollege Hermann Hiery: Warum haben die Azteken nicht Paris erobert?
Als ?Kapitän der Entdeckerkaravellen? beschrieb Dr. Thomas Beck, AOR beim Lehrstuhl für Neuere Geschichte, Prof. Eberhard Schmitt, als er ihm die Festschrift ?Barrieren und Zugänge: Die Geschichte der europäischen Expansion? überreichte. Zwischen Scylla und Charybdis, zwischen der unreflektierenden Autoritätsgläubigkeit und dem blinden Skeptizismus sei Schmitt stets sicher hindurchsegelt. Bei der feierlichen Verabschiedung am 17. Mai in der Dominikanerbibliothek versammelten sich viele ehemalige und noch immer aktive Kollegen Schmitts, Ehrengäste und zahlreiche Studierende.
?Politische Dinge besser machen?
Universitätsrektor Prof. Godehard Ruppert, der 1974 selbst bei Schmitt in der Vorlesung, damals an der Universität Bochum, saß, hob vor allem dessen Verdienste um die Profilbildung des Faches Geschichte hervor. In seinen Forschungsschwerpunkten habe Schmitt Einmaliges in Deutschland und Europa geleistet: ?In Bamberg studiert man nicht die Geschichte der europäischen Expansion, man studiert europäische Expansion in Bamberg.? Das Geheimnis seines Erfolges sei die wechselseitige Befruchtung von Forschung und Lehre gewesen, die ihn zu äußerster wissenschaftlicher Produktivität angeregt habe. Schmitts ?Hauptantriebsfeder? sei, wie er es selbst einmal formuliert habe, ?eine Art kategorischer Imperativ: die politischen Dinge besser zu machen als die gescheiterte Generation meiner Eltern und Großeltern.? Mit der Bitte, doch seine Forschungen als Privatmann fortzusetzen, überreichte Ruppert dem scheidenden Professor die Münze ?350 Jahre Academia Ottoniana? zum Dank für dessen Verdienste um Forschung, Lehre und die Universität. Als Dekan der Fakultät GGeo charakterisierte Prof. Ingolf Ericsson seinen scheidenden Kollegen mit den Worten: ?Zurückhaltend, ruhig, sachlich, kompetent, stets freundlich und humorvoll?. Ericcson dankte Schmitt dafür, dass er der Fakultät 28 Jahre lang die Treue gehalten und so den Forschungsschwerpunkt Expansionsgeschichte dauerhaft an die Universität Bamberg gebunden habe.
?Die Demokratie belehren, ihre Sitten läutern?
Einen Überblick über Schmitts facettenreiches Leben vermittelte Schmitts Doktorvater und Staatsminister im Ruhestand Prof. Dr. Dr. hc. mult. Hans Maier. Von ihm stammte auch jene Maxime, die sich Schmitt zu Eigen machte: ?Die Demokratie belehren, ihre Sitten läutern.? Schon seine Promotion ?Repräsentation und Revolution. Eine Untersuchung zur Genesis der kontinentalen Theorie und Praxis parlamentarischer Repräsentation aus der Herrschaftspraxis des Ancien Régime in Frankreich? von 1968, die noch immer als ein Standardwerk gelte, habe seinen Ruf begründet. 1972 wurde Schmitt auf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum berufen, 1976 wechselte er an die Universität Bamberg. Zwei Jahre später organisierte er ein Symposion zur Geschichte der französischen Revolution, das in der aufgeladenen Atmosphäre des Kalten Krieges zu einem Aufeinanderprallen der ?bürgerlichen? und ?materialistischen? Geschichtsauffassung geraten sei. Die Ereignisse seien so brisant gewesen, dass sich sogar Verfassungsschutz, CIA und Stasi dafür interessiert hätten, so Hans Maier.
Schmitt habe sich immer darum bemüht, jene Ideologiebarrieren niederzureißen, die die Forschung lähmten. Deswegen habe er 1987 sein Amt als bundesrepublikanischer Vertreter der "Commission internationale pour l´histoire de la Révolution française", das er seit 1975 innehatte, niedergelegt, erklärte Hans Maier. Seit den achtziger Jahren sei Schmitts zweites großes Forschungsfeld zunehmend in den Vordergrund getreten: die vergleichende Überseegeschichte. Hier habe Schmitt ein ideologiefreies Feld betreten, auf dem er vornehmlich mit Quellen arbeiten konnte. Diese intensive Forschung schlug sich in einem bis jetzt fünf Bände umfassenden Standardwerk ?Dokumente zur Geschichte der europäischen Expansion? nieder. Und wie so oft lachte auch in diesem Fall dem Tüchtigen das Glück: Eberhard Schmitt bescherte es den Nachlass des fränkischen Konquistadors Philipp von Hutten. Die Briefe und Aufzeichnungen von Huttens, der 1511 nur wenige Kilometer von Bamberg entfernt geboren wurde, sind die ältesten Zeugnisse eines Deutschen in Amerika. 1999 schließlich wurde die ?Forschungsstiftung für vergleichende europäische Überseegeschichte? gegründet, die seit 2001 ein eigenes Jahrbuch herausgibt.
?Die Expansion ist ein zweischneidiges Schwert?
Den Festvortrag zum Thema ?Die Europäisierung der Welt. Historische Probleme einer schwierigen Zuordnung? hielt der Vorsitzende des Fördervereins der Forschungsstiftung, Prof. Dr. Hermann Hiery. In ihm versuchte der Inhaber des Lehrstuhls für Neueste Geschichte an der Universität Bayreuth die schwierige Frage zu beantworten, warum gerade die Europäer die Welt ?entdeckten? und nicht beispielsweise die Azteken Paris eroberten.
Die Antwort scheint zunächst auf der Hand zu liegen: Zu groß war die militärische, technische und nautische Überlegenheit der Europäer. Doch relativiere ein Blick nach Asien diese Überlegenheit. Indien beispielsweise sei technologisch den Europäern ebenbürtig gewesen, doch habe es keine ausgeprägten maritimen Expansionsbewegungen gegeben, sondern nur eine südlich greifende Landnahme auf den Subkontinent. Und die Chinesen seien den Europäern sogar bis ins 16. Jahrhundert weit überlegen gewesen. Das Schießpulver wurde von ihnen bereits im 10. Jahrhundert entdeckt und spätestens seit 1044 militärisch verwendet. Und tatsächlich unternahm das China der Ming-Dynastie ab 1405 eine gigantische transmaritime Expedition, die in ihren Ausmaßen die der Europäer bei weitem übertraf. Der Erfolg war gigantisch: Im Westen erreichten die Chinesen Callicut, Mocambique und umrundeten möglicherweise sogar das Kap der guten Hoffnung, im Osten näherten sie sich Australien an. Es gibt sogar Spekulationen, wonach Chinesen 1421, also gut 100 Jahre vor Magellan, die Welt umsegelt haben.
Doch diese Unternehmungen hatten - im Gegensatz zur europäischen Expansion - keine bleibende Bedeutung für die Weltgeschichte. Da ein Blitzeinschlag in den Kaisertempel als bedrohliches Vorzeichen gesehen wurde, wurden die chinesischen Fahrten abrupt abgebrochen, und das technische Know-how ging im Laufe der Zeit verloren. Dies zeige den von den unterschiedlichen Religionen herrührenden Unterschied zwischen der europäischen und der chinesischen Expansion, betonte Hermann Hiery. Während in China die Abhängigkeit vom Aberglauben groß gewesen sei, habe in den europäischen Staaten das Christentum die wissenschaftliche Neugierde gefördert. Für Hiery war dieser Gegensatz einer der Gründe für den dauerhaften Erfolg der Europäer.
Geschichte der französischen Generalstände in Arbeit
Andere Gründe für die europäische Dominanz sah Hiery darin, dass die Eroberer von vielen Ureinwohnern als göttliche Wesen verehrt wurden und dass sie ihre Herrschaft rücksichtslos durch Furcht und Terror festigten. Außerdem seien die Europäer vergleichsweise wenig anfällig für Krankheiten gewesen: Während in Europa der ständige Kontakt mit Hausvieh wahrscheinlich eine Grundresistenz gegen zahlreiche Keime bewirkt habe, sei das Halten von Tieren in vielen der neu entdeckten Territorien unüblich gewesen.
Was aber ist von dieser ?Europäisierung der Welt? geblieben? Für Hiery haben die Entdeckungen einen Prozess in Gang gesetzt, der damals die Lebensgewohnheiten beider, der Entdecker wie der Entdeckten, drastisch geändert habe (meist jedoch zum Nachteil letzterer) und der bis heute die weltpolitischen Vorgänge bestimme. Somit schloss der Referent: ?Die Expansion ist ein zweischneidiges Schwert.?
Zu guter Letzt ergriff der Gefeierte selbst das Wort. Er wolle weiter forschend tätig sein, erklärte Eberhard Schmitt und kündigte eine Geschichte der französischen Generalstände an; auch arbeite er an der Fortsetzung der Edition zur Überseegeschichte. Als Unilehrer sei er zwar nun ?ausrangiert, doch soll bald der Tag der Freiheit kommen? - ein Hinweis auf das die Feier abschließende, unter Mitwirkung seiner beiden Töchter aufgeführte, Stück aus Mozarts ?Zauberflöte?.
News Sommersemester 2004 vom 24.05.04