Bricht in Familien Streit aus, leidet zuerst das Wohl des Kindes. "Family Group Conferencing" heißt eine innovative Methode der Kinder- und Jugendhilfe aus Neuseeland. Allan Mac Rae stellte sie in einem Gastvortrag vor.
Was kann getan werden, wenn in Familien das Wohl eines Kindes gefährdet ist? Welche Maßnahmen sollen ergriffen werden, wenn Jugendliche durch kriminelle Handlungen auffällig werden? Wer ist für was zuständig ? der Jugendliche, die Familie oder der Staat in Form von Sozialer Arbeit? In Neuseeland wurde auf diese Fragen eine innovative und erfolgreiche Antwort entwickelt: das Family Group Conferencing. Allan Mac Rae von den Children, Youth an Family Services in Christchurch/Neuseeland stellte dieses Konzept der neuseeländischen Kinder- und Jugendhilfe in einem Gastvortrag am Fachbereich Soziale Arbeit vor. Er ist Leiter aller Family Group Conference Coordinators der Südinsel und darüber hinaus Trainer und Berater für das Konzept bei Jugendhilfeträgern in Thailand, Singapur, den USA und Belgien.
Einladung zur Familienkonferenz
Beim Family Group Conferencing handelt es sich um ein vorgeschriebenes Hilfeplanverfahren, das insbesondere bei Kindeswohlgefährdungen und in der Jugendgerichtshilfe eingesetzt wird. Ein Mitarbeiter des Jugendamtes, der so genannte Family Group Coordinator, lädt zu einer solchen ?Familienkonferenz? ein, wobei diese weit mehr Personen umfasst, als man zunächst erwartet: Das Gesetz, so erläuterte Mac Rae, berechtige die gesamte erweiterte Familie zur Teilnahme sowie jede Person, welche die Familie für hilfreich halte ? also z.B. in Maorifamilien auch andere Stammesangehörige. Ein Kernpunkt des Konzeptes sei es, die kulturell geprägten Regeln und Lebensweisen verschiedener Familien in den Hilfeprozess mit einzubeziehen. So könne eine Family Group Conference z.B. in einem Maoriversammlungshaus stattfinden oder in einer christlichen Familie mit einem Gebet beginnen ? sie könne, wenn von der Familie gewünscht, auch in einer anderen Sprache abgehalten werden. ?Dann holen wir uns eben einen Dolmetscher?, so Mac Rae. Das Konzept des Family Group Conferencing nimmt damit auf die multikulturelle Zusammensetzung der neuseeländischen Gesellschaft Bezug, in der Einwandererfamilien aus den verschiedensten Ländern leben.
Mac Rae erläuterte in seinem Vortrag zentrale Unterschiede in den Hilfen für Familien, die durch den Children, Young Persons and Their Families Act von 1989 möglich wurden. Zuvor sei der Hilfeplan für eine Familie von Professionellen wie z.B. Sozialarbeitern erstellt worden. Nun sei es genau umgekehrt. In jeder Family Group Conference gebe es einen Zeitpunkt, zu dem Sozialarbeiter und Coordinator den Raum verließen. Die Familie habe dann die Möglichkeit, darüber zu beraten, was geschehen solle, und sich für einen Hilfeplan zu entscheiden. Wichtig bei der Umsetzung des Planes sei, so Mac Rae, Klarheit darüber, was wann, wo und unter wessen Beteiligung passieren solle. Darüber hinaus würden mit der Familie Kriterien vereinbart, an denen erkennbar sei, dass der Hilfeplan umgesetzt werde.
Einbezug des gesamten sozialen Netzwerkes
In seinem Vortrag ging Mac Rae immer wieder auf besondere Vorzüge des Konzepts ein. Durch den Einbezug des gesamten sozialen Netzwerkes der Familien und des Gemeinwesens könnten mehr Ressourcen als zuvor nutzbar gemacht werden. Dadurch verselbstständige sich der Prozess: Familien würden in die Lage versetzt, sich selbst und auch anderen Familien zu helfen. Mac Rae machte deutlich, dass das Konzept auch wirtschaftlich sinnvoll sein kann: ?Seit wir Family Group Conferencing in Neuseeland einsetzen, konnten viele Jugendheime geschlossen werden!? Dies stelle für ihn jedoch nur einen positiven Nebeneffekt dar. Viel wichtiger sei es, dass Städte und Gemeinden - und damit letztendlich die Staatsregierung - Informationen darüber erhielten, welche gesellschaftlichen Probleme sich aktuell entwickeln und welche Maßnahmen hierzu ergriffen werden könnten.
Das Konzept des Family Group Conferencing wird mittlerweile auch in Großbritannien, den USA und Skandinavien praktiziert ? in Bezug auf die Beteiligung der Familien am Hilfeplan ist der neuseeländische Ansatz jedoch der konsequenteste. Die Studierenden des Fachbereichs Soziale Arbeit haben durch die intensiven Kontakte nach Neuseeland über Prof. Frank Früchtel die Möglichkeit, das Konzept in Praktika direkt vor Ort kennen zu lernen. Darüber hinaus stellte Allan Mac Rae in Aussicht, zum Thema ?Family Group Conferencing? nochmals nach Bamberg zu kommen: mit einem Rollenspieltraining im Gepäck.
News Sommersemester 2004 vom 12.05.04