Ein Gespräch mit dem Shakespeareforscher Kurt Kreiler und Künstlerhausdirektorin Nora Gomringer

Wer steckt hinter Shakespeare? Kurt Kreiler glaubt darauf eine Anwort gefunden zu haben (Foto: Christa Jansohn).
Wie passend, dass es gerade Shakespeare ist, der die beiden Einrichtungen wieder einmal zusammenführt. Oder ist er es gar nicht?
Kreiler: Das ist ja die Frage. Viele von den Interessierten und Forschern werden meiner These nicht a priori zustimmen und denken, dass sei der wiederholte und erfolglose Versuch eines Beweises, dass William Shakespeare aus Stratford nicht die Werke Shakespeares geschrieben hat. Ich bin nicht der Erste, der den Earl of Oxford als Autor benennt – freilich habe ich Argumente.
Kreiler: „Beweis“ ist überhaupt ein schwieriger Begriff in der Philologie. Wenn man kein unterschriebenes Manuskript besitzt, kann man im naturwissenschaftlichen Sinn nicht von Beweis sprechen.
Ich habe Indizien gefunden, die ein geschlossenes und glaubhaftes Bild ergeben: Es gab den Zweifel an Shakespeare aus Stratford als Autor der Werke aufgrund seiner mangelnden Schulbildung. Er konnte unmöglich Italienisch, Französisch, Latein gelesen haben. Er hat als Autor die höfische Sprache glänzend beherrscht. Das hat zu denken geben. Der Zweifel ist sehr alt.
Kreiler: Nein, weil es eine historische Unmöglichkeit ist, mangels eines Studiums diesen Weg zu gehen. Shakespeare aus Stratford konnte auch nicht nach Italien reisen, wie der Earl of Oxford. Das ist ein weiterer Grund, der auf den Earl neugierig machen sollte.
Kreiler: Es ist sehr naheliegend, denn es sind Details in den Stücken vorhanden, die zwingend darauf deuten, dass der Autor Italien kannte.
Kreiler: Ich empfehle den interessierten und auch den fachkundigen Lesern, sich in diesen Stoff soweit einzuarbeiten, dass über meine Interpretationen gesprochen werden kann. Man kann das nur sachlich erörtern und wiederlegen. Das ist bestimmt keine Glaubenssache. Denn es gibt kein historisches Dokument, das den Mann aus Stratford zu seinen Lebezeiten als Schriftsteller benennt. Die erste solche Zuweisung erfolgt nach seinem Tod durch Ben Jonson. Nach Möglichkeit sollte sich die akademische Zunft als ganze damit auseinandersetzten.
Kreiler: Es ist bisher noch überhaupt kein Interesse bei den Anglisten vorhanden, dieses Thema gewissenhaft und erschöpfend zu behandeln. Sie sagen: Mag der Autor sein, wer will.
Kreiler: Der Autor ist tot, aber deshalb ist nicht die These tot. Jede Biographie ist relevant für ein Werk. Es gibt zahlreiche zeithistorische Anspielungen, die man bisher nicht erkannt hat. Wenn man weiß, wer der Autor ist, kann man die Sachen auch erstmals historisch-kritisch edieren. William Shakspere aus Stratford ist nicht als solcher ein Rätsel, sondern er zieht auch sehr viele ungelöste Fragen nach sich, die das Werk betreffen.
Kreiler: Ich bin der Universität nicht verpflichtet, insofern kostet es mich nicht den Mut, den es andere kosten würde, über ihren Schatten zu springen. Zudem bin ich nicht der Einzige, der sich mit dem Thema beschäftigt hat. Ich habe vielleicht nur etwas tiefer gebohrt als andere.
Kreiler: Ja, das ist halt Schmarr’n. (lacht) Es ist ein Gedankenspiel. Günther möchte, indem er einen historischen Sketch ohne Grundlage entwirft, die Oxford-These damit vergleichen und billigt ihr dasselbe Niveau zu. Er sagt implizit, sie sei genauso wenig wahr wie mein Gedankenspiel. Insofern diskreditiert er die Forschung über Oxford durch dieses kunterbunte Spiel – aber er diskreditiert, ohne zu prüfen.
Kreiler: Aber Sie glauben doch nicht, dass Günther seine These ernst meint?
Kreiler: Naja gut, dann brauchen wir darüber nicht zu reden. Wenn er sie ernst nähme, könnte man sagen, niemand wurde so gut bewacht wie die Königin. Darum ist auch die These, dass sie mit diversen Männer etwas gehabt hat, unvernünftig. Es war weder ihre Absicht noch konnte es historische Realität sein. So lang er das schelmisch vorträgt, kann ich gerne mitlachen. Aber im Ernst lasse ich mich darauf doch nicht ein.
Kreiler: Nein. Wir sind mit Informationen so übersättigt, dass das nicht mehr möglich ist. Aber es könnte ein berühmter Mann unter Pseudonym in einer Literaturzeitschrift schreiben und kein Mensch merkt es.
Nora Gomringer kommt hinzu
Gomringer: (lacht) Interessant. Ja in 200 Jahren habe ich darüber ja gar kein „Say“ mehr, insofern wird es mich weniger betreffen. Aber ich hoffe, dass die Forschung mich dann ausgräbt und sich ein Dr. Kreiler der Zukunft um mich und mein Erbe bemüht. Allerdings muss ich sagen, dass durch die Veräußerung des Textes in Publikationsform etwas ganz anderes mit ihm passiert und er sich von mir trennt. Und wir haben jetzt ja auch ein starkes Identitätskonzept: Der Autor ist eben ein Autor. Gerade komme ich aus Island, wo der Autor eigentlich ein Wesen der Allgemeinheit ist und der Text somit Allgemeingut wird. Es hängt davon ab, welche Vorstellung wir in der Zukunft von Identität haben werden.
Da ich aber in 200 Jahren garantiert tot bin, ist es völlig hypothetisch. Vom Jetzt ausgehend, würde ich hoffen, dass das dann jemand klarstellt. Angela Merkel hat viele Sachen gemacht. Ein paar gute. Aber nicht unbedingt meine Gedichte.
Gomringer: Vielleicht Texte aus der Epoche, um das Umfeld der Texte herauszubekommen. Texte sind ja nie kontextlose, sie sind Zeitmarker. Um auf Island zu rekurrieren, zur gleichen Zeit sind ja Texte in anderen Kulturen entstanden. Oder Briefwerke. Gar nicht so sehr um detektivisch tätig zu sein, sondern um eine Art textuelle Topographie herstellen zu können.
Gomringer: Sehr gut! Sie waren für mich jugendprägend. „Macbeth“ war für mich ganz ganz furchtbar wichtig und auch die Sonette; ganz ehrlich natürlich auch, weil jugendlich und schwelgerisch. „Macbeth“ war Schullektüre und dann ging es in ein ganz tiefes Überlegen hinein. Ich bin glückliches Kind einer Zeit, in der sehr gute Shakespeare-Verfilmungen auf den Markt kamen.
Gomringer: Aber hola! Hundert Pro.
Kreiler: Das Leben Oxfords könnte man auf jeden Fall verwenden für einen Film.
Kreiler: Jetzt entsteht ja ein Oxford-Film, aber leider auf einer schlechten Grundlage. Mit einer sehr dilettantischen These, nämlich der Earl sei der Sohn von Königin Elisabeth gewesen, als sie noch nicht Königin war. Später wäre er ihr Liebhaber gewesen.
Gomringer: (grummelt) Grade Elisabeth. Nein. Nein. Nein.
Kreiler: Eine etwas geschmacklose Verfehlung wird das Augenmerk bilden. Das ist nicht gut. Danach wird man sagen, dass war ja alles ein Märchen. Quatsch! Also hat dieser Mann auch nicht die Werke Shakespeares geschrieben. Es wird mit großem Budget von Emmerich verfilmt.
Gomringer: Oh Gott! Das klingt ja ganz schrecklich…
Der promovierte Germanist Dr. Kurt Kreiler ist zurzeit Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia. In seinem Buch „Der Mann, der Shakespeare erfand: Edward de Vere, Earl of Oxford“ (Insel Verlag 2009, 595 Seiten, 29,80€) erklärt er, warum dieser hinter den Werken Shakespeares stecken muss.
Uni-Bamberg News vom 09.06.10