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Interreligiosität beim Wort genommen

Die Heiligen Schriften im Blickpunkt einer Ringvorlesung

Von Rainer Schönauer

Der gehörnte Mose von Michelangelo in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli (Bild: Lora Beebe/Wikimedia/cc-by-sa)

Klaus Bieberstein bei seinem Vortrag über das Alte Testament (Bild: Rainer Schönauer)

Wo liegt der Ursprung der Mosegeschichte? Was hat es mit der Redewendung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ auf sich? Wie legen Juden die Heilige Schrift aus? Klaus Bieberstein eröffnete die Ringvorlesung „Einführung in die Heiligen Schriften und ihre Gegenwartsbedeutung“ und gab erste Antworten.

„Zwischen Gesetz und Gnade. Die Geschichte der Mosegeschichte“ lautete der Titel der Vorlesung, mit der Prof. Dr. Klaus Bieberstein am 19. Oktober den Startschuss für die Ringvorlesung „Einführung in die Heiligen Schriften und ihre Gegenwartsbedeutung“ gab. Koordiniert wird diese Veranstaltung vom Zentrum für Interreligiöse Studien (ZIS).

Der Inhaber des Lehrstuhls für Alttestamentliche Wissenschaften und zugleich Dekan der Fakultät Katholische Theologie sieht das Ziel seiner Vorlesungen (Programm s. unten) in der Aufklärung über das Alte Testament. „Im heutigen Alltagsverständnis ist das Alte Testament mit ‚Gesetz und Strafe’ negativ, das Neue Testament hingegen mit ‚Liebe und Gnade’ positiv konnotiert. Da ich diese Gegenüberstellung aber für absurd halte, habe ich mir vorgenommen, genau diese Problematik und dieses Klischee aufzugreifen und zu thematisieren.“

Bieberstein nannte auch ein Beispiel für das Problem der historischen Fixierung und Aktualisierung der Bibelinhalte: Thomas Mann habe in seiner Erzählung „Das Gesetz“, die 1943 in englischer Sprache publiziert wurde, die Gestalt Mose und seine Verkündigung im Hinblick auf Hitler und das Dritte Reich aktualisiert. Der Referent fügte hinzu: „Vielleicht meint man, man müsse zwischen dem, was in biblischen Zeiten ‚wirklich’ war und jenem, was ein Autor des 20. Jahrhunderts daraus gemacht hat, unterscheiden.“ Dies sei jedoch problematisch, da der historische Kern, wie auch die Frage, wer Mose wirklich war, nicht mehr greifbar seien.

Mose als Mittel zum Zweck

Bieberstein versuchte zwar eine innerbiblische Datierung des Exodus und belegte zunächst, dass die heutige Verortung des Heiligen Berges Sinai aus christlicher Zeit stamme und womöglich falsch sei. Er erklärte ferner, dass der zunächst für hebräisch angenommene Name „Yahwe“ in Wirklichkeit aus dem Arabischen stamme und „er weht“ bedeute – was darauf schließen ließe, dass der Gott Jahwe zunächst ein Wettergott gewesen sei, der dann mit der Befreiung aus Ägypten zu einem Kriegsgott umgewandelt wurde.

Doch Bieberstein kam es weniger auf die genaue Dokumentation der geschichtlichen Begebenheiten an, als vielmehr darauf, dass der Leser versteht, dass „alle biblischen Texte schon tagespolitische Aktualisierungen und vor allem Funktonalisierungen dieser Figur des Mose vom 8. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. sind.“ Sprich: Die Mosegeschichte wurde nicht grundlos als rein dichterisches Produkt verfasst, sondern sollte sowohl religiösen, vor allem aber politischen Zwecken dienen.

„Als das Nordreich Israel 722 v. Chr. von den Assyrern erobert wurde, begann in Jerusalem der Widerstand gegen die Besatzer zu wachsen. So wurde in der Zeit um 670 v. Chr. die Mose-Erzählung als eine Art Widerstandsliteratur verfasst“, erläuterte Klaus Bieberstein in der Folge. Denn die Begebenheiten rund um Moses Geburt seien keine jüdische Erfindung, sondern basierten auf der assyrischen Sargon-Legende, die vom Machtaufstieg Sargons I. (2340 bis 2284 v. Chr.) berichtet. Wie auch Mose war Sargon I. nichtehelicher Herkunft und wurde deswegen von seiner Mutter in einem mit Bitumen abgedichteten Schilfkästchen am Flussufer abgelegt, wurde später gefunden, adoptiert und großgezogen. 

Während sich in Sargon I. aber eine Göttin verliebte und dies als Legitimation seiner Herrschaft diente, wird Mose zum Befreier eines ganzen Volkes auserkoren. Klaus Bieberstein dazu: „Die assyrische Kriegspropaganda wird in der Mose-Geschichte karikierend aufgenommen und zu einer antiassyrische Gegengeschichte umgedreht.“

Vasallenverträge als Vorbild für Deuteronomium

Auch die angeblich von Jahwe gegebenen und von Mose verkündeten Gesetze und Gebote hätten ihr Vorbild in der assyrischen Kriegspolitik, würden sich aber gleichzeitig gegen sie richten, führte Bieberstein aus. Die Assyrer pflegten nämlich den von ihnen unterworfenen Herrschern so genannte „Vasallenverträge“ aufzuzwingen und damit zur Loyalität zu verpflichten.
Betrachte man nun das Deuteronomium (5. Buch Mose) und konzentriere sich auf dessen Gliederung, „dann fällt auf, dass die Abschiedsrede des Mose, im Ganzen wie im Detail, frappierend an die Vasallenverträge erinnert.“ Damit versuchten die Juden auszudrücken, dass sie bereits einen Vasallenvertrag mit Jahwe geschlossen hätten, dem sie in erster Linie verpflichtet seien.

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Die Ringvorlesung „Einführung in die Heiligen Schriften und ihre Gegenwartsbedeutung“ findet alle zwei Wochen donnerstags um 18 Uhr An der Universität 2, Raum 133, statt. Eine detaillierte Übersicht über Themen und Referenten finden Sie [hier...]

News Wintersemester 2006/2007 vom 27.10.06