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Im Westen viel Neues

Ingo Schulze las im Rahmen von "Literatur an der Universität"

Von Julia Grimminger

"Neue Leben"

Ingo Schulze signiert (Fotos: Grimminger)

In den Jahren nach der Wiedervereinigung galt er als der „Ost-Autor“ schlechthin. Dann wurde es still um Ingo Schulze. Nun, sieben Jahre später, meldet er sich mit einem umfangreichen Roman zurück: „Neue Leben“ schildert die Wende, wie der ostdeutsche Redakteur Enrico Türmer sie erlebt.

Enrico Türmer fragt sich: „Auf welche Art und Weise kam der Westen in meinen Kopf und was hat er da angerichtet?“ Schon als Kind sind seinen Phantasien keine Grenzen gesetzt: Spielzeug mit Brillanten besetzt, unterirdisch beheizte Straßen und eigentlich alles aus Gold – so muss es im Westen sein. Dann kommt die Wende und der Sprung in ein neues Leben. Ingo Schulze zeigt Enricos Weg in neue, nicht unproblematische Lebensmuster. Anhand von Briefen an Freund Johann, Schwester Vera und Journalistin Nicoletta Hansen, übrigens Bambergerin, erzählt Enrico seine Geschichte, die vom fiktiven Herausgeber Ingo Schulze kommentiert wird. 

Die „Analogien der Lebensläufe“ legen „viel persönliche Erfahrung“ nahe, vermutete der Veranstalter Prof. Dr. Friedhelm Marx. Dass es sich größtenteils um erlebte und nicht erfundene Geschichte handelt, wird deutlich, als Schulze in Erinnerungsbriefen die Geburt des Schriftstellers Enrico Türmer schildert: Als Kind will er das schreiben, was andere sich nicht zu sagen wagen – nämlich dass der Westen besser sei. Am Rednerpult ist der Autor seinem Protagonisten sehr nahe und wirkt deshalb umso authentischer. Das zu sagen, was andere sich nicht trauen, ist ihm ein leidenschaftliches Bedürfnis.
Drei Adressaten ermöglichen es, die Geschichten zu variieren und Neues auszuprobieren. Aber immer mit Charme, Witz, Ironie - und Herzblut. Ein in jeder Hinsicht kritisches Thema wird so süffisant ummantelt, ohne den Kern zu verdecken: Enricos tiefe Verunsicherung in einer kapitalistisch bestimmten Welt und die Befreiung von seiner eigenen Vergangenheit.

An neuen Möglichkeiten „überfressen“
Bei Tante Trockel und Schwarzwälder Kirschtorte kommt Enrico die Erkenntnis, wofür sich das alles gelohnt haben könnte: „Als ich mich gemeinsam mit dieser dickbäuchigen, verhutzelten Alten über die Reste der Torte hermachte, fühlte ich mich auf eine unerwartete Art und Weise frei, ja, befreit von allem Druck, aller Hetze, allen Ansprüchen. Eine wundersame Ruhe hielt Einzug, ein Frieden, den ich der Wirkung des Alkohols zuschrieb.“ Oder: Man kann sich an neuen Möglichkeiten auch „überfressen“ – nur köstlicher umschrieben.

Am Ende bleiben Fragen offen: Marx vermutet in „Neue Leben“ Einflüsse von E.T.A. Hoffmann, vor allem die gestalterische Idee. Ingo Schulze: „E.T.A. Hoffmann ist für mich Kronzeuge. Auch Bamberg ist nicht zufällig – Hans Wollschläger spielt eine Rolle.“ Thomas Mann habe ihn für die Novelle im Anhang, die auf die Bewahrung der Bürgerlichkeit zielt, mit seinem altertümlichen Ton inspiriert.
Eine Zuhörerin ärgerte sich über die Kommentare des Herausgebers. „Der Herausgeber ist eine Figur wie alle anderen auch“ erklärte Schulze. Als Herausgeber sei er „sauschlecht“, wichtig sei, dass er Türmer Fehler nachweisen könne und der Roman auch so seinen Fixpunkt verliere. So wünscht sich der Autor seinen Leser: „Es kommt auf den Beobachter an, welches Resultat dabei rauskommt.“ Aber nicht ohne ein gesundes Maß Neugier: „Mich interessiert das schon – wie kommt man durch das Buch?“ So hat an diesem Abend nicht nur das Publikum, sondern auch der Autor an Eindrücken gewonnen: „Ich lerne auf der Lesereise mein eigenes Buch kennen“.

 

News Wintersemester 2005/2006 vom 02.12.05