Franz Joseph Müller von der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" zu Gast bei der KHG
Zigtausend Flugblätter verteilte die Widerstandsgruppe Weiße Rose bis 1943. Die Geschwister Scholl bezahlten für ihren Mut mit ihrem Leben. Die KHG sprach mit Franz Joseph Müller, einem der letzten noch lebenden Mitglieder der Gruppe.
Über zehntausend Flugblätter brachten die Mitglieder der Weißen Rose bis Februar 1943 in Umlauf. Sie wurden unter Lebensgefahr von Menschen verteilt, die meist kurz vor der Schwelle zum Erwachsenenalter standen und nicht wie die meisten anderen die Augen vor dem Unrecht der Nazi-Diktatur verschlossen. Die KHG sprach mit einem der wenigen noch lebenden Mitglieder der Weißen Rose, Franz Joseph Müller. Er engagierte sich damals in Ulm für die Befreiung von "der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die das deutsche Volk je erlebt hat".
"Es gibt noch eine Hoffnung in Deutschland. Und das ist die Weiße Rose" - so sprach 1943 der in die Vereinigten Staaten emigrierte Thomas Mann voller Respekt in einer Rundfunkansprache. Heute ruft das Stichwort "Weiße Rose" bei vielen vor allem das Geschwisterpaar Scholl ins Gedächtnis, das für seine Flugblätteraktionen mit dem Tod durch das Fallbeil bestraft wurde.
Damals gab es viele, die aus Angst vor Strafe und Tod die Augen vor dem Unrecht verschlossen. "Aber es gab ja auch den Hans und die Sophie Scholl. Und es gab uns - die Abiturienten des Ulmer Gymnasiums, die nicht mehr mitmachen wollten", so Franz Joseph Müller. Heute ist er Ehrenvorsitzender der 1987 gegründeten "Weiße Rose Stiftung München", die noch in sieben weiteren deutschen Städten vertreten ist.
Es waren die steinernen Arkadenbögen der Martin-Luther-Kirche in Ulm, die den damals 15-Jährigen schützten, "vor allem, was auf den Trottoirs und Straßen davor vorbeiführte". Drinnen, da war der nordafrikanische Pater, vor dem Müller und rund 40 weitere Jugendliche offen reden konnten. Über Platons Politeia. Über den Schutz vor Tyrannei und das Beste für den Staat. Über Freiheit. Draußen waren der Nationalsozialismus, die Hitlerjugend, Gewalt und Tod. Die altgriechischen Texte, die Müller und seine Schulkameraden in dem humanistischen Gymnasium lasen, zeigten ihnen eine andere Welt. "Wir zogen als Essenz unser "Libere in Parche" - "Leben in Freiheit" ist das Beste. Nicht Leben im Krieg."
Ein weiterer Grund, warum der junge Franz sich in den Nazi-Staat nicht integrieren wollte, war ein relativ simpler und keineswegs politischer: "Die Hitlerjugend war schlichtweg langweilig". Es gab dort nur die Pflicht zu Gehorsam und sinnlose Militärspielereien im Wald. "Es galt der Satz: 'Überlassen Sie das Denken den Pferden, die haben den größeren Kopf' ". Die "groteske Dummheit der Nazis" erkannte Müller nicht nur in diesem Satz, sondern auch in der Heldenverehrung für gefallene Soldaten, an "dem ganzen Pathos und der öffentlichen Lügerei des Regimes". Das provozierte bei nicht wenigen Mitschülern Müllers Widerspruch: "Mit deutscher Gründlichkeit haben sie eine elitäre, hochgebildete Gruppe in unserem Gymnasium zu Nazigegnern gemacht".
Das ansonsten jugendlich stramme "Heil Hitler" zur Begrüßung des neuen "Nazirektors" ging in den Reihen von Müllers Schulkameraden zunächst in einem "undeutlichen Murren" unter. Als die Nazis auch hier Gehorsam verlangten, "sagten wir bald unser "Heil Hitler" mit lauter und kräftiger Stimme" - nur dass diesmal ein "kaum hörbares T hinter dem ersten Wort angefügt wurde."
Der Kontakt zu Hans Scholl sollte Müller zunehmend in den Bann der Weißen Rose ziehen. "Hans war 1941 noch ein Führer in der Hitlerjugend." Doch dann ging der damals 23-Jährige seinen eigenen Weg. Nicht eine Hakenkreuzflagge war es, mit der er seinen Trupp anführte, sondern eine mit angenähten Stoffflicken übersäte Fahne. "Wer durch die Stromschnellen unter der Ulmer Eisenbahnbrücke hindurchschwimmen konnte, durfte einen weiteren Flicken auf diese "Fahne der guten Taten" nähen", so Müller.
Bald nachdem Scholl endgültig aus der Hitlerjugend ausgeschieden war, bekam Müller aus München das zweite Flugblatt der Weißen Rose, das Sophie Scholl in ihrem Koffer nach Ulm geschmuggelt hatte. "Wir strickten ein Netz aus Studierenden und Abiturienten, die deutschlandweit die Flugblätter unter der Hand weiterreichten und in der jeweils eigenen Stadt verbreiteten". Auf der Orgelempore hinter den Kirchenmauern kuvertierte und adressierte Müller zusammen mit seinem später ebenfalls verurteilten Freund Hans Hirzel insgesamt rund 800 Flugblätter.
Heute, knapp 60 Jahre später, löst Müller ein ungläubiges Lächeln aus, wenn er erzählt, wer die ersten drei Adressaten dieser Flugblätter waren: "Wir schickten sie dem Reichskanzler Adolf Hitler, dem Propagandaminister Joseph Goebbels und dem Gauleiter von Baden-Württemberg höchstpersönlich - auch hier mit dem Vermerk "Unterstützt diese Widerstandsbewegung. Verteilt die Flugblätter!"."
Nur dem damaligen Jugendstrafrecht und vielleicht seiner blonden Haarfarbe verdankte es Müller, dass er für diese Tat, die damals als Hochverrat galt, vor dem Volksgerichtshof Roland Freislers lediglich fünf Jahre Gefängnis bekam - für etwas, das heute als selbstverständlich im Sinne der freien Meinungsäußerung gilt. "Für Jugendliche unter 21 durfte damals nicht die Strafe im Vordergrund stehen, sondern Erziehung, Beeinflussung und Einsicht", so Müller. Es war demnach sein Alter, das ihn als "vom Staatsfeind verführter jugendlicher Narr" vor dem Todesurteil bewahrte. Letzteres wartete 1943 auf die älteren Geschwister Scholl und auf weitere Mitglieder der Weißen Rose.
Noch heute spricht der 80-Jährige voller Stolz über die Forderung der Flugblätter nach einem föderalistischen und freien Europa. "Wir hatten eine Vision. Ich selbst habe sie nicht geschrieben, aber ich bewundere, welche unglaublichen Ideen Professor Huber, Hans und Sophie Scholl und die anderen damals schon hatten." Sie beschrieben einen Zustand, der jetzt erst - über ein halbes Jahrhundert später - langsam Wirklichkeit wird. "Vielleicht braucht jedes Land solche Propheten, die in die Zukunft schauen und uns sagen, was für die Menschen gut ist". Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit dürfen dabei nie verloren gehen.
News Wintersemester 2004/2005 vom 03.11.04