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Glutgefäße, Illuminarien und Wasserkünste

Für uns ist fließendes Wasser selbstverständlich. Im Mittelalter gab es für die Versorgung mit dem lebensnotwendigen Nass eine eigene "Wasserkunst". Ingolf Ericsson über die Versorgung mit Licht, Wärme und Wasser im Mittelalter.

Von Oliver Pfohlmann

?Ich wünsche Ihnen einen gut beleuchteten Nachhauseweg in ein wohl temperiertes Heim!? Mit diesen mit viel Beifall bedachten Worten endete der erste Vortrag der diesjährigen Ringvorlesung des Zentrums für Mittelalterstudien, die dem ?Alltag im Mittelalter? gewidmet ist. Für die Zustimmung der zahlreich erschienenen Zuhörer dürfte nicht allein der lebendige Vortrag von Prof. Ingolf Ericsson, Inhaber des Lehrstuhls für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, verantwortlich gewesen sein. Sondern auch die Erleichterung darüber, nicht im Zeitalter der Gucklöcher, Kienspäne und Zisternen leben zu müssen.

 

Kienspäne aus Kiefernholz

Können wir uns doch heute ein Leben ohne Strom, Heizung und fließendes Wasser gar nicht mehr vorstellen. ?Wie selbstverständlich wir diese Dinge nehmen, merken wir erst, wenn es zu unvorhergesehenen Unterbrechungen kommt und etwa der Strom ausfällt.? Einige Jahrhunderte früher waren die Menschen ungleich abhängiger von dem, was die Natur frei Haus lieferte. ?Gearbeitet konnte in der Regel nur bei Tageslicht werden, sodass die Menschen im Winter weniger arbeiteten als im Sommer.?

 

Wie aber haben sich die Menschen im Mittelalter mit Licht, Wärme und Wasser versorgt? Für Licht in der Wohnstube, die anstelle von Fenstern nur mit Fellen verhängte Gucklöcher besaßen, sorgten meist offene Feuerstellen. Verbreitet waren brennende Kienspäne aus Kiefernholz, die mittels eines Halters auf dem Tisch standen oder in der Wand steckten, oder einfache Öllampen. Wurde besonders viel Licht benötigt, ließen sich letztere auch zu so genannten ?Illuminarien? bündeln, die mehrere Ölschälchen nebeneinander stellten. Wachs- oder Talgkerzen waren zu teuer, um im Volk verbreitet zu sein; sie wurden vor allem im sakralen Raum verwendet.

 

Bier als Volksnahrungsmittel

Die Wärme an den kalten Tagen lieferte zum einen das offene Feuer, das jedoch, wie Ericsson betonte, nur eine schlechte Energiebilanz aufweist. Wer es sich leisten konnte, besaß einen Kachelofen, der die Wärme speichern konnte. In Zimmern, die keine Feuerstelle hatten, wurden so genannte Glutgefäße als eine Art mobile Heizkörper gestellt. Das Prinzip der Fußbodenheizung mittels Warmluft, wie es bereits die Römer zur Perfektion entwickelt hatten, war im Mittelalter kaum bekannt, Warmluftheizungen etwa in Klöstern, bei denen die vom Feuer erwärmte Luft durch Öffnungen in die Räume strömte, dürften dagegen nur mit einer großen Rauchbelästigung funktioniert haben.

 

Problematisch war im Mittelalter die Wasserversorgung. Häufig befanden sich Brunnen direkt neben der Kloake. In Städten wie Lübeck lag das Schöpfrad der örtlichen ?Wasserkunst?, wie solche Anlagen genannt wurden, die das Wasser in die Stadt transportierten, unweit der Stelle, an der die Schlachtereien ihre Abfälle in den Fluss leiteten. Verunreinigungen mit Bakterien und den Eiern von Darmparasiten waren die Folge. Getrunken wurde neben Wasser vor allem Milch und Bier, letzteres war, so Ericsson, das Volksnahrungsmittel dieser Zeit.

 

Buntes Bild vom Alltag im Mittelalter

Der mit vielen Dias von zeitgenössischen Abbildungen, Ausgrabungen und archäologischen Rekonstruktionen anschaulich gestaltete Vortrag machte Lust auf die kommenden neun Veranstaltungen der diesjährigen Ringvorlesung, die sich alle mit dem ?Alltag im Mittelalter? beschäftigen (jeweils montags, 20 Uhr, An der Universität 2, Hörsaal 1). Denn wenn vom Mittelalter die Rede ist, stehen zumeist bedeutende Bauwerke wie Kirchen, Burgen und Klöster; Fürsten und andere wichtige Persönlichkeiten; Kunstschätze; Ritter, Burgfräuleins, Tafelrunden, Minnesänger, Mönche im Mittelpunkt des Interesses. Das Bild vom Mittelalter wird überwiegend von Besonderheiten der damaligen Zeit geprägt. Über die Lebensumstände der großen Mehrheit der Bevölkerung wird hingegen wenig reflektiert. Wenn es um den Alltag geht, muss sogar festgestellt werden, dass nicht einmal der Alltag der ?oberen Zehntausend? in der Forschung eingehend berücksichtigt worden ist. Wie das Tagesgeschäft eines einfachen Bürgers aussah ? beispielsweise in Bamberg ? ist noch weniger bekannt. Welchen Tätigkeiten wurde zum Lebensunterhalt nachgegangen? Wie war das Zuhause eingerichtet, welche Möbel gab es? Wie wurde die Freizeit gestaltet? Wie wurde gesprochen, konnte man lesen und schreiben? Wie waren die hygienischen Verhältnisse, und wie sah es mit der medizinischen Versorgung aus? Fragen, denen in den kommenden Wochen interdisziplinär nachgegangen wird.

 

 

 

News Sommersemester 2004 vom 27.04.04