Die erste Generation hatte Angst, in der Fremde verloren zu gehen, die zweite spaltet sich in liberale und orthodoxe Positonen. Der Sozialanthropologe Werner Schiffauer vergleicht die Entwicklung des transnationalen Islam mit der des Diasporajudentums.
Die Universität Bamberg war Prof. Werner Schiffauer bereits gut vertraut, der Sozialanthropologe aus Frankfurt/Oder hatte hier zwischen 1989 und 1993 verschiedene Lehraufträge über die Anthropologie türkischer Dörfer und Städte inne. Sein Vortrag am 6. Mai mit dem Titel "Vom Exil zur Diaspora. Transnationaler Islam in Europa" markierte den Beginn des Bayerischen Orientkolloquiums, eine Kooperationsveranstaltung der Universitäten Bamberg und Erlangen/Nürnberg, die jedes Sommersemester in Bamberg stattfindet.
Auch wenn sich seine Ausführungen speziell auf den Islam der zweiten Generation sunnitischer Arbeitsmigranten bezog, so konnte Schiffauer nicht umhin, vorweg die Ausgangsbedingungen der ersten Generation, zum überwiegenden Teil türkische Gastarbeiter, kurz zu umreißen. Aus dem festen Dorfverband herausgelöst, so Schiffauer, kam es in der Anonymität der deutschen Großstädte zu einer regelrechten Religionspolarisation. Während für einige der Glauben an Bedeutung verlor, stellte der neue Freiheitsgewinn für die meisten eine wahre Katastrophe dar. Keine soziale Kontrollinstanz wie bislang die Dorfgemeinschaft blickte nun auf die Migranten, die befürchten mussten, in der Fremde "verloren zu gehen", erklärte Schiffauer.
"Kaltes" Deutschland
Daneben kam es zu einem allgemeinen Sinnverlust: Man fragte sich, ob es sich gelohnt habe, das Heimatland der Fremde zu opfern. Eine Frage, die oftmals mit der Metaphorik eines "kalten" Deutschlands verbunden war. Später, mit dem Familiennachzug, kam außerdem noch die Sorge hinzu, die eigenen Kinder an die fremde deutsche Umwelt zu verlieren. All dies förderte gezwungenermaßen eine neue Frömmigkeit: Die Moschee als sozialer Treffpunkt ließ einen wieder Gemeinschaftsgefühl erleben und bot den Kindern, die am Wochenende am Koranunterricht teilnahmen, ein vertrautes Umfeld.
Aus diesen Kleingruppen formierten sich unter dem Vorsatz, die ausländischen Muslime in der deutschen Öffentlichkeit zu vertreten, bald größere Organisationen. Sie stehen im Forschungsinteresse Werner Schiffauers: Milli Görüs, Süleyman oder die Kaplan-Bewegung, um nur einige zu nennen. Ein großes Problem sieht Schiffauer darin, dass diese Organisationen von der deutschen Öffentlichkeit nie in ihrer Verschiedenheit wahrgenommen wurden. Zwangsläufig wurde nur eine Gruppe als Repräsentant für alle Muslime angesehen - hieraus resultiere die große Aggressivität der Gruppen untereinander, die natürlich alle nach dieser Frontstellung strebten.
Kampf um Anerkennung
Ganz andere Probleme hat Schiffauers Forschungen zufolge nun die zweite Generation: Die Gastarbeiterkinder sehen Deutschland als ihre Heimat an. Hier wollen sie daher ihre Religion heimisch werden lassen und suchen nach Anerkennung. Erschwert werde ihnen dies allerdings durch den massiven Misstrauensdiskurs in der Bundesrepublik. So habe sich im Lauf der Jahre - laut Werner Schiffauer - die Suche nach Anerkennung unaufhörlich zu einem Kampf um Anerkennung gewandelt: Neben dem Recht auf Gleichheit und Gleichwertigkeit werde nun auch das Recht auf Differenz im Gegensatz zur deutschen Bevölkerung eingefordert. Dass sich diese beiden Forderungen gegenseitig behindern, zeigte Schiffauer auf: Die Suche nach Anerkennung erfordert ein Zurückstecken der eigenen Besonderheit; die Forderung von Anerkennung des "Andersseins" wiederum berge das Risiko der Ablehnung in sich.
In diesem Spannungsfeld kam es nun zur Ausbildung dreier Positionen, die Werner Schiffauer mit Adjektiven benannte, die allgemein vor allem im Bezug auf das Diasporajudentum gebräuchlich sind: liberal, orthodox und ultraorthodox. Der Weg der liberalen oder "kulturmuslimischen" Fraktion, der über Assimilierung den Weg zu einem Religionsindividualismus und Wertepluralismus weise, stehe laut Schiffauer im krassen Gegensatz zur orthodoxen oder "wertekonservativen" Gruppe (z.B. Milli Görüs), die durch starke Gruppenorientierung ihr Ziel in der Verwirklichung eines konservativen europäischen Islam sehe. Anfällig sei diese Richtung allerdings für die eine antihegemoniale Position vertretenden Ultrakonservativen, die sich wiederum in revolutionäre (z.B. Kaplan-Gemeinde) und quietistische (z.B. Süleyman) Fraktionen aufspalten.
Orthodoxe Muslime in der Defensive
Langfristig, so Werner Schiffauer, komme dieser separatistische Weg dem Vertun einer großen Chance gleich. Jeglicher Austausch zwischen den Gruppen, aber auch mit der Öffentlichkeit, werde so ausgeschlossen. Erschwerend käme hinzu, dass gerade in heutiger Zeit die Orthodoxen in Deutschland deutlich in der Defensive seien. So könnten viele ihrer Mitglieder nun ihre Positionen nicht mehr offen zeigen und müssten ihre Glaubensvorstellungen in einem religiösen Untergrund ausleben. Mit diesen Ausführungen schloss Werner Schiffauer seinen Vortrag, der trotz oder gerade wegen seiner stellenweise etwas plakativen sozialwissenschaftlichen Topoi das Publikum zu einer angeregten Diskussion vor allem um das Bild des Islams in der Öffentlichkeit bewegte.
In den nächsten Wochen werden noch insgesamt sechs weitere Vorträge im Rahmen des Bayerischen Orientkolloquiums bedeutenden Orientalisten Raum bieten, ihre Forschungsergebnisse einem breiten Publikum zu präsentieren. Die Vorlesungen finden donnerstags im Raum 122 der U5 jeweils um 18.15 Uhr statt. Die Themenpalette reicht dabei von Moscheen in deutschen Städten (Prof. Th. Schmitt, Bayreuth, 24.6. ) über die islamische Kunst des normannischen Siziliens unter Roger II. (Dr. J. Johns, Oxford, 1.7.) bis hin zu ethischen Konflikte im Bezug auf Islam und Biotechnologie (Dr. Th. Eich, Bochum, 22.7.).
News Sommersemester 2004 vom 12.05.04