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Gemeinsame Vorstellungskraft

Im 19. Jahrhundert rezipierten sie sich noch gegenseitig: Wissenschaftler wie Charles Darwin und Romanciers wie Charles Dickens. Den wechselseitigen Einflüssen von Naturwissenschaft und Literatur folgte eine internationale Konferenz am Bamberger Centre for British Studies.

Von Jürgen Gräßer

Die erste Auflage war sofort ausverkauft, nicht viel anders erging es den fünf weiteren, die bis 1872 folgen sollten: Mit seiner am 24. November 1859 vorgelegten Abhandlung ?On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life? hatte Charles Darwin die moderne Evolutionstheorie begründet und sich ? zum Schrecken der orthodoxen Geistlichkeit ? von der Schöpfungsgeschichte abgewandt. Den Umwälzungen durch den Darwinismus, aber auch dem Einfluss von Zelltheorie und Bakteriologie auf Vorstellungswelten und Bildersprache der Literatur des langen 19. Jahrhunderts galt eine Konferenz, die Dr. Anne-Julia Zwierlein vom Bamberger Centre for British Studies organisiert hatte.

 

Noch keine Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften

Biotechnologie und Humangenetik zählen heute zu den wichtigsten Wissenschaftszweigen. Ihre Grundlagen liegen im Viktorianischen Zeitalter, in dem sich der Wechsel von einer Naturphilosophie zu einer experimentellen Wissenschaft vollzog. Allerdings wurde die Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften damals noch nicht gemacht. Wissenschaftler wie eben Darwin oder der Zoologe Thomas Huxley und Schriftsteller bedienten sich hinsichtlich Themen, Sprache, Stil und Bildersprache einer gemeinsamen Vorstellungskraft, Romanciers wie Charles Dickens oder George Eliot edierten naturwissenschaftliche Artikel für Zeitschriften.

 

Das interdisziplinäre Symposium versammelte am 14. und 15. Mai namhafte Akademiker ebenso wie erfreulich viele Nachwuchswissenschaftler aus Europa und den Vereinigten Staaten. Klaus Stierstorfer (Düsseldorf) stellte den schottischen Verleger, Buchhändler und Enzyklopädisten Robert Chambers vor, der zusammen mit seinem Bruder William die enorm wachsende Wissensflut zu ordnen versuchte. 1836 legte er die erste umfassende Geschichte der englischen Sprache und Literatur vor, während er mit den ?Spuren der Naturgeschichte der Schöpfung? (1844) Neuland betrat und die Zeitgenossen schockte, indem er Darwins These von der Evolution des Menschen vorwegnahm.

 

Der Chirurg als schöpferischer Halbgott

Dass Darwins Thesen auch auf den europäischen Kontinent ausstrahlten, zeigte Alexandra Karl (Cambridge) anhand von frühen Zeichnungen Alfred Kubins. Im 19. Jahrhundert wurden die Deutschen mit naturwissenschaftlichen, meist illustrierten Magazinen und Enzyklopädien überflutet. Das Bildmaterial reichte von exotischen Arten bis zu jüngst entdeckten Fossilien und neuen schematischen Darstellungen der Entwicklungsgeschichte. Die Naturphilosophie der Romantik wurde allmählich von einer eher empirischen Vorstellung der Natur abgelöst, die auf der Verfechtung von Darwins Abstammungslehre durch Ernst Haeckel und seiner Schüler beruhte. Karl erkannte in Kubins Zeichnungen die visuelle Folge des Darwinismus, da sie Themen wie den Daseinskampf, die Transmutation und Evolution der Arten einführten.

 

Weitere Sektionen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem British Council großzügig unterstützten Symposiums galten der Darstellung von Monstern bei Robert Louis Stevenson (Paul Goetsch, Freiburg) und der Entwicklung des Chirurgen zum schöpferischen Halbgott in Mary Shelleys ?Frankenstein? und den Romanen von H. G. Wells (Jürgen Meyer, Halle-Wittenberg).

 

Kirstie Blair (Oxford) wies den Einfluss von Rudolf Virchows Zellularpathologie, die Krankheiten durch Veränderungen der Zelle erklärt, auf George Eliots ?Middlemarch? (1871) nach. Zusammen mit ihrem Mann, dem Freidenker George Henry Lewes, hatte Eliot (die eigentlich Mary Ann Evans hieß) Virchows Schriften gelesen und mag durchaus in deren Verbindung von wissenschaftlichen Entdeckungen und philosophischen wie politischen Dimensionen Inspiration für ihre Romane gefunden haben.

 

News Sommersemester 2004 vom 24.05.04