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Gemeinsam auf dem Weg der Erkenntnis

In der Antike las man kunstvoll inszenierte Dialoge, die auf unterhaltsame Weise belehrten. Für die Philologin Sabine Föllinger bietet die Form des literarischen Dialogs auch heutiger Wissenschaftsvermittlung ungeahnte Möglichkeiten.

Von Konstantin Klein

Wollen wir uns heute über ein bestimmtes Thema informieren, greifen wir meist zu dicken Nachschlagewerken, in denen Zusammenhänge systematisch aufbereitet sind. Diese Art der Darstellung sind wir gewohnt und halten sie für die funktionellste und sinnvollste. Ganz andere Ansichten herrschten in der Antike vor: Nicht die zusammenhängende Erläuterung, sondern die Form des literarischen Dialogs galt als Idealform der Wissensvermittlung. Kennzeichnend für diese Gattung ist das von einem Autor inszenierte Gespräch zwischen mehreren Gesprächsteilnehmern. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese historische oder rein fiktive Gestalten sind. Welche Vorteile der Dialog dem Lernenden, aber auch dem Lehrenden biete, dieser Frage ging Prof. Sabine Föllinger nach. Sie hielt am 19. Mai als neue Professorin für Klassische Philologie mit dem Schwerpunkt Gräzistik an der Universität Bamberg ihre Antrittsvorlesung.

 

Unterhaltsame Belehrungen

Gegenüber der üblichen Form der systematischen Darstellung stellten sich im literarischen Dialog mehrere Faktoren als vorteilig heraus, so Föllinger: Die Grundbedingung jedes Dialogs sei, dass auch der Lernende zu Wort komme. Lehrender und Lernender würden so im Gespräch gemeinsam einen Weg zur Erkenntnis einschlagen, sich sozusagen zusammen auf Wissenssuche begeben. Wird ein Dialog nun von einem Autor schriftlich formuliert, werden für den Leser die Gedankengänge viel leichter nachvollziehbar. Dies eigne sich auch besonders gut für ein breiteres Publikum. Dass Lehrender und Lernender nicht das gleiche Ausgangsniveau haben, bietet dem Autor viel Freiraum, dieses ungleiche Verhältnis flexibel literarisch auszugestalten. Keine andere Gattung könne laut Föllinger besser aufzeigen, dass wissenschaftliche Ergebnisse nur durch die gemeinsame Reflexion mehrerer, verschiedener Menschen zustande kommen könne.

 

Nach diesen theoretischen Ausführungen verdeutlichte die Philologin die Vorteile der Dialogform anhand ausgewählter Beispiele aus der griechischen Literatur. Besonders gut eigne sich das Werk "Oikonomikos" von Xenophon, in welchem in Dialogform Ratschläge zur Hausverwaltung und Landwirtschaft gegeben würden. Eine Sonderstellung nähmen die aristotelischen Dialoge ein. Auffällig beim Platon-Schüler Aristoteles sei, so Föllinger, dass die Dialogstruktur durch längere Monologe und ausführliche Vorworte durchbrochen sei. So werde gerade hier der Spagat zwischen der systematischen Darstellung und der "leserfreundlichen" Form des Dialogs deutlich.

 

Mathematik in Dialogform

Die Form des literarischen Dialogs sei, dies betonte Sabine Föllinger zum Schluss ihrer Ausführungen, keineswegs bloß für die Antike verbindlich. Es gäbe durchaus auch moderne Beispiele für wissenschaftliche Werke, die in Dialogform abgefasst wurden. Nicht nur der Philosophie, gerade auch den Naturwissenschaften eröffne der literarische Dialog ungeahnte Möglichkeiten, so Föllinger mit dem Verweis auf den ungarischen Mathematiker Imre Lakatos. Schüler, die bezeichnende Namen wie Alpha oder Delta tragen, schlüpfen in seinem Werk in die Rolle historischer Mathematiker und ergründen die Tiefen der Zahlenwelten in Dialogform.

 

Nach der Vorlesung bot ein kleiner Empfang in der Universität nun seinerseits den Hörern die Gelegenheit, mit der neuen Gräzistik-Professorin in Dialog zu treten. Denn dass auch bei den alten Griechen viele wissenschaftliche Ideen beim gemeinsamen Gastmahl, dem Symposion, zu Wege gebracht wurden, dies konnte Sabine Föllinger nur nachdrücklich bestätigen.

 

News Sommersemester 2004 vom 24.05.04