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Geld als Schlüssel zum Bildungserfolg?

Privat bezahlte Nachhilfe – ein weit verbreitetes, aber wenig erforschtes Phänomen

Von Katrin Meyerhöfer

Der kleine Elias und der große Mario beim Pauken – aber nicht alle können sich Nachhilfe leisten oder kommen überhaupt auf die Idee, diese in Anspruch zu nehmen (Bilder: Katrin Meyerhöfer)

Der Soziologe Thorsten Schneider beschäftigt sich mit dem Nachhilfesystem in Deutschland

Jeder vierte Schüler in Deutschland hat im Laufe seiner Schulzeit mindestens einmal Nachhilfe in Anspruch genommen. Dennoch sind die Auswirkungen des privat zugekauften Unterrichts für den Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern bisher wenig erforscht. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie eine Studie des Bamberger Soziologen Dr. Thorsten Schneider zeigt.

Es ist Mittwochnachmittag. Elias trifft sich mit seinem Nachhilfelehrer Mario. Mario studiert an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und verdient sich mit dem Nachhilfeunterricht „ein bisschen was dazu“. Seit einem Jahr schon gehen die beiden einmal in der Woche Elias’ Schulstoff durch. Mario hilft dem Hauptschüler bei den Hausaufgaben und bei der Vorbereitung auf anstehende Klassenarbeiten. Außerdem bespricht der Student Dinge noch einmal detailliert, die Elias im Unterricht nicht richtig verstanden hat.

Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. „In Deutschland haben 27 Prozent der 17-jährigen Jugendlichen mindestens einmal in ihrem Leben bezahlte Nachhilfe erhalten“, so Thorsten Schneider. Er hat mit Daten des „Sozio-oekonomischen Panels“ das Phänomen der Nachhilfe als Strategie zur Verwirklichung von Bildungszielen erforscht.

Am häufigsten wird in den Hauptfächern Mathematik, 1. Fremdsprache und Deutsch auf bezahlte Nachhilfe zurückgegriffen. Interessant ist, dass dabei vor allem Hauptschüler Unterstützung im Fach Deutsch in Anspruch nehmen. Realschüler und Gymnasiasten erhalten in diesem Fach seltener Nachhilfe.

Die Nachhilfeanbieter lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Zum einen geben Privatpersonen, zum Beispiel ältere Schüler, Studierende – wie Mario – oder auch Lehrer Nachhilfeunterricht. Zum anderen besteht die Möglichkeit, die Dienste kommerzieller Nachhilfeinstitute in Anspruch zu nehmen. Problematisch dabei ist, dass in beiden Fällen weder die Lehrinhalte und die Lehrmethoden noch die Qualifikation der Lehrenden einer staatlichen Kontrolle unterliegen. Auch ist die tatsächliche Größe des Markts der Nachhilfeanbieter unbekannt, weil private Nachhilfe meist im Bereich der Schattenwirtschaft erfolgt und die Verbreitung von Nachhilfeinstituten ebenfalls nicht deutlich umrissen werden kann. 

Gründe für die Inanspruchnahme von Nachhilfe

Doch wann und warum wird der privat zugekaufte Unterricht in Anspruch genommen? Thorsten Schneider: „Oft wird sie zur Vermeidung einer Klassenwiederholung oder eines Abstiegs aus dem Gymnasium oder der Realschule eingesetzt.“ In der einschlägigen Fachliteratur werden mehrere Punkte als Ursachen diskutiert: Überfrachtete Lehrpläne und das Fehlen von geschulten Hausaufgabenbetreuern sollen häufig eine Überforderung der Schülerinnen und Schüler zur Folge haben, weshalb sie den Schulstoff nicht mehr alleine bewältigen können und Hilfe suchen. Nachhilfe wird aber nicht nur dann beansprucht, wenn eine aktuelle Gefährdung der Versetzung oder des Schulabschlusses vorliegt. Nach Thorsten Schneider könnten Lehrstellenknappheit und hohe Arbeitslosenzahlen zu einem verstärkten Streben nach guten Schulnoten und hohen Bildungsabschlüssen führen. Auch übersteigerte Bildungsaspirationen der Eltern hätten häufig den Gang zum Nachhilfeunterricht zur Folge. Des Weiteren könne es vorkommen, dass die Schüler selbst unzufrieden mit ihren Schulleistungen sind und deshalb eine Nachhilfelehrerin, einen Nachhilfelehrer aufsuchen wollen.

Obwohl es offenbar unterschiedliche Motive und Ziele für die Inanspruchnahme von Nachhilfeunterricht gibt, betont der Soziologe, dass die Entscheidung, Nachhilfeangebote zu nutzen, immer als eine „individuelle, auf Grundlage von Kosten-Nutzen-Abwägungen getroffene Entscheidung“ ist, wobei äußere Umstände diese Entscheidung beeinflussen können. Eltern und Schüler werden dann auf privat bezahlte Nachhilfe zurückgreifen, wenn die jeweilige Bildungsmotivation das Investitionsrisiko übersteigt.  

Ost-West-Unterschiede

Kinder und Jugendliche in Ostdeutschland erhalten viel seltener Nachhilfe als Gleichaltrige im Westen der Bundesrepublik. Thorsten Schneider hat herausgefunden, dass – differenziert nach Ost- und Westdeutschland – die Nachhilfequote im Westen mit 31% doppelt so hoch ausfällt wie im Osten. Hier liegt die Nachhilfequote lediglich bei 15%. Beim Vergleich der alten und neuen Bundesländer fällt außerdem noch ein weiterer Gegensatz auf: Während im Osten am häufigsten Hauptschulschüler Nachhilfe in Anspruch nehmen, sind in Westdeutschland die höchsten Nachhilfequoten bei Schülerinnen und Schülern von Realschulen oder Gymnasien nachgewiesen worden. „Die großen Unterschiede in Bezug auf Nachhilfequoten könnten“, so der Soziologe, „in der ostdeutschen Vergangenheit liegen.“ Zu DDR-Zeiten war es nicht üblich, privaten Zusatzunterricht zu nehmen. Somit haben die heutigen Eltern, die ihre Kindheit und Jugend in Ostdeutschland verbrachten, zu Schulzeiten keine Nachhilfe erhalten. Dies hat zur Folge, dass sie mit Nachhilfe nicht vertraut sind und sie deshalb auch nicht für ihre eigenen Kinder nachfragen.   

Bildungserfolg abhängig von sozialer Herkunft

Seit nunmehr über 40 Jahren beschäftigt sich die soziologische Bildungsforschung mit dem Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulwahl sowie dem Erwerb von Bildungszertifikaten in Deutschland. Die Ergebnisse dieser Studien decken sich mit den Resultaten der internationalen Leistungsvergleiche, die im Rahmen der PISA-Studie durchgeführt wurden. Die Befunde sind erschreckend: Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg sind in Deutschland in starkem Maß von der sozialen Herkunft der Schüler abhängig. In kaum einem anderen europäischen Land ist das Bildungssystem so selektiv wie hierzulande.

Vor allem beim Erwerb höherer Bildungszertifikate kommt dem finanziellen Background eine entscheidende Bedeutung zu. So nehmen in Westdeutschland hauptsächlich Realschüler und Gymnasiasten Nachhilfeunterricht in Anspruch. Der Bamberger Forscher Schneider hat herausgefunden: „Jeder dritte Schüler in Westdeutschland, der ein Abitur anstrebt, greift auf bezahlte Nachhilfe zurück.“ Dabei hat Geld einen großen Einfluss auf die Inanspruchnahme von Nachhilfeunterricht. Private Nachhilfe muss von den Eltern selbst bezahlt werden. So beträgt die Wahrscheinlichkeit für Kinder aus Familien mit einem sehr geringen Einkommen, Nachhilfe zu erhalten, lediglich 17%, während sie bei Kindern aus einkommensstarken Familien bei 36% liegt. „Kinder aus finanziell vermögenden Haushalten sollten deshalb bessere Chancen haben, eine weiterführende Schule erfolgreich zu durchlaufen. Nachhilfe trägt folglich zur Verstärkung sozial bedingter Bildungsungleichheiten bei“, lautet Thorsten Schneiders Fazit.

Weitere Forschung dringend nötig

In den letzten Jahren kam es vermehrt zu hitzigen Diskussionen über das Problem „Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland“. Mit Daten des „Sozio-oekonomischen Panels“ konnte ein Einfluss von privat zugekauftem Unterricht in Form von Nachhilfe auf sozial bedingte Bildungsungleichheiten nachgewiesen werden. „Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass dem Thema Nachhilfe in der pädagogischen und bildungssoziologischen Forschung bisher nur wenig Beachtung geschenkt wurde“, wundert sich Thorsten Schneider. Es gibt auf diesem Gebiet nur eine sehr begrenzte Datengrundlage. Insgesamt sind nur sehr wenige Untersuchungen vorhanden. Hinzu kommt, dass diese wenigen Untersuchungen in der Regel regional begrenzt sind, was zur Folge hat, dass sie keine verallgemeinerbaren Ergebnisse hervorbringen. Es bedarf daher dringend weiterer Forschungsarbeiten. Die beste Möglichkeit, um dem Thema in seiner ganzen Breite gerecht werden zu können, ist dabei laut Thorsten Schneider „eine theoriegeleitete, repräsentative Längsschnittsstudie mit Informationen zu Schulverläufen, Leistungsständen der Schüler, Einstellungen und Erwartungen der Eltern sowie der Inanspruchnahme von Nachhilfe.“

Zur Person

Dr. Thorsten Schneider ist seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie I an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Davor war er beim „Sozio-oekonomische Panel“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin tätig. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Auswirkung sozialer und ethnischer Ungleichheiten auf Bildungschancen. Neben seinen theoretischen Forschungsarbeiten zum Thema hat er auch schon praktische Erfahrungen mit Nachhilfe gesammelt: Als Oberstufenschüler war er ein paar Monate als Nachhilfelehrer für Mathematik tätig.

News Sommersemester 2007 vom 18.06.07