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Gänseklein und Muskelmägen

Am 16. Juni 1904 öffnete das Zimmermädchen Nora Barnacle dem jungen James Joyce beim ersten gemeinsamen Spaziergang die Hosen und damit den Weg zum "Ulysses". 100 Jahre später wurde dieser Tag groß gefeiert - auch in Bamberg.

Von Jürgen Gräßer

In St. George the Martyr, einer Kirche in Bloomsbury, einem Viertel im Zentrum Londons, heiratet im Frühsommer 1956 die junge amerikanische Lyrikerin Sylvia Plath den jungen englischen Lyriker Ted Hughes. Sie heiraten, weil sie sich mögen und ein bisschen wohl auch lieben - bis die Ehe in einem Suizid endet. Warum aber heiraten die beiden ausgerechnet am 16. Juni?

 

Schuld daran ist das Zimmermädchen Nora Barnacle, welches am 16. Juni 1904 beim ersten gemeinsamen Spaziergang durch die Straßen Dublins dem jungen James Joyce die Hosen und so den Weg zum ?Ulysses? geöffnet hat. Denn der wohl bedeutendste Roman des 20. Jahrhunderts spielt eben an jenem Tag (und, was nicht zu vergessen ist, den frühen Morgenstunden des folgenden). Er hat als ?Bloomsday? ? nach dem Helden Leopold Bloom ? Eingang in die (Literatur-)Geschichte gefunden und wird, seit Dekaden schon, von Joyce-Enthusiasten weltweit gefeiert.

 

Bamberg mit Joyce-Tradition

Ganz besonders zur hundertsten Wiederkehr des Bloomsday in diesem Jahr. In Dublin verzehrten tausende von Passanten mit Schweinsnieren belegte Brötchen, Guinness vom Fass wurde auch an gut 50 Literaturdurstige in der Buchhandlung Collibri ausgeschenkt. Auch Bamberg, darauf verwies Geschäftsführerin Heike Heimbach, hat eine Joyce-Tradition. Hans Wollschläger hat in den frühen siebziger Jahren hier in Bamberg ?das schier Unglaubliche zustande gebracht, dieses Werk [Joyce' Ulysses] in ein Kunstwerk deutscher Sprache zu übertragen? (Wulf Segebrecht). In der Folge bildeten sich auch in Bamberg Lesegruppen, die der Dublin-und-somit-Liffey-Odyssee an der Regnitz nachzuspüren trachteten. Und bis heute, aber das nur am Rande, ist der Bamberger Anglist Klaus Peter Jochum fleißiger Beiträger zur in der "James Joyce Quarterly" zusammengetragenen Bibliographie.

 

Jenseits aller dem Wortschatz und dem Anspielungsgeflecht (etwa auf Homers ?Odyssee? und Shakespeares ?Hamlet?) zu schuldenden Schwierigkeiten ist die Lektüre dieser 1015 Seiten (gerade mal 933 sind es in der Penguin-Ausgabe) vor allem auch ein Vergnügen. Appetit darauf machte der Braunschweiger Anglist Viktor Link, der auf Einladung des Bamberger "Centre of British Studies" und der Buchhandlung Collibri nach Bamberg gekommen war. Links Augenmerk galt ?Essen und Trinken im Ulysses von James Joyce?. Angeblich kommen in dem Roman elf ?Appetizer? vor, 48 Entrees, 13 Spezialitäten, elf Menüs, zehn Gerichte der Kategorie ?cheapest lunch in town?, 21 Getränke und 32 Desserts vor. Und das in Dublin, einer Stadt die mehr für ?Irish stew? denn für ihre Gourmetküche bekannt ist.

 

Mit einem Beigeschmack schwachduftigen Urins

Schon beim Frühstück denkt Leopold Bloom an Innereien von Vieh und Geflügel, an Gänseklein und Muskelmägen, Herz und geröstete Leberschnitten. Am liebsten aber, heißt es, ?hatte er gegrillte Hammelnieren, die seinem Gaumen einen feinen Beigeschmack schwachduftigen Urins vermittelten.? Nicht gerade jedermanns Geschmack. Aber nicht alles wird tatsächlich auch verzehrt, sondern spielt sich in den Gedanken Blooms, seiner Frau Molly und von Stephen Dedalus ab, die dem Leser als Bewusstseinsstrom geschildert werden. Auch getrunken wird im ?Ulysses?, das versteht sich, vor allem im ?Zyklopen-Kapitel?. Tee zum Frühstück, in den Pubs und Bars Dublins Bier und Burgunder, am Ende Instant-Kakao.

 

Brot und Wein halten also nicht nur Leib und Seele, sonder auch, wie Viktor Link sehr unterhaltsam gezeigt hat, den Ulysses zusammen, dessen weiteren Genuss er nur empfehlen konnte. Mit einem Augenzwinkern meinte der Braunschweiger Anglist, er wolle die Zeit nach seiner baldigen Emeritierung auch auf den Nachweis verwenden, dass Shakespeare eigentlich Ire gewesen ist. Joyce zumindest wäre gewiss damit einverstanden.

 

News Sommersemester 2004 vom 23.06.04