Im Seminarbetrieb deutscher Unis geht es nicht um Wissensvermehrung, moniert der amerikanische Politologe John Bendix nach seinen Bamberger Erfahrungen. Im Interview erklärt er: "Das Ziel der Studenten ist es, dem Professor das abzuliefern, was er erwartet. Selbstdenken ist hier offenbar nicht geschätzt."
Herr Prof. Bendix, Sie haben sich entschieden, in diesem Semester eine für deutsche Studenten neue Lehrmethode anzuwenden. Statt Referat und Hausarbeit werden zwei Aufsätze geschrieben und eine Podiumsdiskussion geführt. Was missfällt Ihnen an dem hier üblichen Scheinerwerb?
"Die Ausarbeitung eines Referats mit anschließender Hausarbeit über das gleiche Thema führt dazu, dass die Studenten zu wenig oder zu punktuell und spezialisiert lernen. Aus einem Seminar kommen sie am Schluss mit Detailwissen über eine Theorie oder ein Fallbeispiel heraus ? den Rest verschlafen sie, weil es keinen Zwang gibt, den anderen Referenten zuzuhören oder sonst etwas zu lernen oder zu schreiben.
Ich fand es im letzten Semester himmeltraurig, wie die Studenten dasaßen und sich keine Notizen machten, auch wenn die Referenten einen herrlichen, umfassenden Überblick über ein Thema zum Besten gaben... Sie verstehen nicht einmal, dass diese Notizen ihnen bei einer späteren Prüfungsvorbereitung dienlich sein könnten!"
Welche Ziele wollen Sie mit Ihrer Methode erreichen?
"Ich will die Studenten zum einen dazu bringen, mehr zu schreiben als sonst. Wie sollen die Studierenden auf die Anfertigung einer 100-seitigen Diplomarbeit vorbereitet werden, wenn das Längste, was sie bislang geschrieben haben, 12 oder 15 Seiten waren? Zum anderen fordere ich die Studenten auf, nicht nur zu lesen, sondern auch nachzuvollziehen, wie ein Autor zu seinen Ergebnissen gekommen ist oder was man aus einem Buch ziehen könnte, wo es Verknüpfungen zu anderen Themen im Fach gibt. Dabei geht es mir weniger darum, richtige Antworten zu finden, sondern zum Nachdenken, zum Selbst-Denken anzuregen. Die Studenten sollen zumindest so tun, als seien sie Sozialwissenschaftler."
Ist für diese Lehrmethode Frontalunterricht, wie er in Deutschland auch an den Universitäten typisch ist, geeignet?
"Nein. Die Ergebnisse werden zu einem großen Teil in Gruppen erarbeitet. Das ist viel besser, als ein reiner Vortrag durch den Dozenten. Stehe ich vorne und rede, wird alles still, wie in der Schule: Der Lehrer redet und man hat zuzuhören. Sobald in Gruppen gearbeitet wird, komme ich mir dagegen vor wie in einem Zimmer voller Sperlinge oder Schwalben - ein frohes Geschnatter, und das höre ich gerne. Außerdem lernen die Studenten mehr dabei."
Was ist Ihrer Meinung nach der größte Unterschied zwischen einem Studium in den USA und hier in Deutschland?
"An amerikanischen Universitäten müssen die Studenten viel mehr lesen. Ich selbst war am Anfang meines eigenen Studiums schockiert ? in der ersten Woche, wohlgemerkt ? als ich feststellte, dass mein Lesepensum pro Woche über 1.000 Seiten beträgt. Die Erwartungen an amerikanischen Colleges sind um einiges höher als hier, und die Studenten verhalten sich dementsprechend. Vielleicht lesen sie nur die Hälfte ? aber sie wissen, Lesen gehört dazu, und sie tun es.
Hierzulande verkriechen sich alle in die Bibliotheken, schustern ihre Präsentationen ganz alleine zusammen, und präsentieren sie einem gelangweilten Publikum. Was hier zählt, ist nicht das Lernen oder die Vermehrung von Wissen, sondern das Ziel der Studenten ist es, dem Professor das abzuliefern, was er erwartet. Das führt zu Unmündigkeit und Einschüchterung. Selbstdenken ist hier offenbar nicht geschätzt. Demnach wird von den Studenten dann auch nur das rezipiert, was ohnehin schon über ein Thema gesagt wurde. Die Studenten meinen, damit sei die Arbeit getan. Damit geht sie meiner Meinung nach aber erst los.
Den größten Unterschied zwischen dem Studium in Deutschland und den USA hat aber Judith Shklar, Politologin in Harvard, in einem Artikel in der ZEIT formuliert: 'Bei euch wollen sie euch beweisen, was ihr alles nicht wisst. Wir hier wollen wissen, was ihr könnt.' Besser könnte ich es nicht ausdrücken ?"
News Sommersemester 2004 vom 21.07.04