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Frömmigkeit nur nach Bedarf?

Pastoraltheologen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz tagten in der Otto-Friedrich-Universität

Von Gertrud Lange

Nicht immer einer Meinung, aber umso vertiefter im Gespräch: Prof. Bucher und Bambergs Erzbischof Dr. Ludwig Schick. (Bild: Gertrud Lange)

Die religiöse Landschaft entwickelt und verändert sich stark. Eine innovative Bamberger Studie half den Teilnehmern des internationalen Symposiums „Quo vadis theologia?“ der Fakultät für Katholische Theologie bei der Fokussierung neuer Herausforderungen.

Die katholische Kirche muss gerade heute die „Zeichen der Zeit“ registrieren – das ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil unbestritten. Aber wie das Neue in der Welt entdecken - und wie sollten Theologie und Kirche darauf reagieren? Mit dieser Frage beschäftigte sich das vom Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Kerymnatik ausgerichtete und international besetzte Symposium „Quo vadis theologia?“ Anfang April an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. 

Im Mittelpunkt der Tagung stand eine innovative Bamberger Studie über Katholiken, die die Kirche und ihre Sakramente nur an bestimmten Wendepunkten des Lebens beanspruchen, sonst aber nicht am Leben einer Pfarrei teilnehmen. Ergebnis von vielen Interviews: Die so genannten Kasualienchristen bilden längst die Mehrheit der Katholiken.
Hervorzuheben an der Studie von Prof. Dr. Joachim Kügler (Bayreuth) und Dr. Johannes Först (Bamberg) mit dem Titel „Die unbekannte Mehrheit: Mit Taufe, Trauung und Bestattung durchs Leben?“ ist aber nicht nur das Ergebnis, sondern das wissenschaftliche Konzept, das die Mitwirkenden entwickelten und das dabei half, die neuen Erkenntnisse zutage zu fördern.

Auf Neues reagieren

Prof. Dr. Rainer Bucher aus Graz widmete sich in seinem Vortrag genau diesen Rahmenbedingungen für Theologie und kirchliches Handeln im Kontext spätmittelalterlicher Religionsformen. Besonders interessiert hörte Erzbischof Dr. Ludwig Schick zu - schließlich, so betonte der Bamberger Oberhirte, gehörten gerade Kirchenleitung und Pastoraltheologie zusammen. Für beide müsse Jesus
Christus das Maß ihres Handelns sein. Und sowohl Bischöfe als auch Pastoraltheologen hätten die vorrangige Aufgabe, zu den Menschen zu gehen. Fakt sei, so Bucher, dass sich die „Nutzungsform von Kirche“ bei den eigenen Kirchengliedern verändert habe. Sie sei für viele Gläubige eines von vielen Angeboten zur Lebensgestaltung. Die „Kasualienfrommen“ zeigten das exemplarisch. Spannend sei nun, nachzuforschen, was jene Getauften überhaupt mit der Kirche verbinden. Um aber über die Feststellung von Tatsachen hinauszukommen, die Neues unter Verwendung alter Kategorien feststellen, sei es nötig, neue Kategorien für das Neue zu finden - „eine veritable Provokation für kirchliche Wahrnehmungsmuster“, wie Bucher zugab. Bei der vorliegenden Studie „Die unbekannte Mehrheit“ sei das Neue, dass die „spezielle Frömmigkeit“ respektvoll wahrgenommen wurde – und nicht als weiterer Beleg dafür, wie groß die Krise innerhalb der katholischen Kirche ist. „Die Menschen entziehen sich der Pfarrei, aber nicht der Kirche“, machte Bucher seine Zuhörer aufmerksam. „Deshalb ist eine neue Sicht der Dinge gefordert.“ Um Neues wahrzunehmen und neue Kategorien für wissenschaftliches Arbeiten zu entwerfen, sind laut Bucher zwei Dinge nötig: Einerseits Aufgeschlossenheit für Neues, andererseits die gute Kenntnis der eigenen Tradition. Mit Blick auf die Tradition der katholischen Kirche brachte Bucher auch seinen Hauptkritikpunkt an den „Kasualienchristen“ an. Diese, so der Grazer Forscher, hätten sich eine eigenständige Form von Kirchenzugehörigkeit geschaffen. „Wir müssen uns fragen, was das theologisch überhaupt bedeutet“, betonte Bucher. „Wie stehen wir eigentlich zu dem, was die Kasualienfrommen mit den Sakramenten machen?“ Für ihn als katholischen Theologen sei dieser neue Umgang mit den Sakramenten ein echtes Problem. Dennoch sei die hohe Zahl der der Kirche fernstehenden Katholiken ein Signal, das nicht übersehen werden dürfe. Hier seien neue, unbekannte Strategien gefordert. „Wir brauchen für dieses Problem neue Lösungen“, appellierte Bucher an die Anwesenden. Nur so könne Kirche wieder handlungsfähig werden. Ein Rezept konnte auch der Pastoraltheologe aus Graz nicht bieten, der die „Praxis oft schon weiter als die Wissenschaft“ sieht. Auf keinen Fall, so Bucher, solle sich das kirchliche Milieu gegenüber der Außenwelt abschotten.

Engagierte Diskussion

Dass die Situation der Gläubigen für Kirche und Theologen wichtig ist, bewies die engagierte Diskussion und die Vorträge im Verlauf der Tagung. Religion, so Prof. Dr. Heinz-Günther Schöttler (Bamberg), komme derzeit ein Maß an gesellschaftlicher Bedeutung zu, welches noch vor wenigen Jahren niemand habe voraussehen können. In der neuen gesellschaftlichen Situation müssten sich gerade die Kirchen bewähren und für die Menschen einsetzen. Die Vorträge sollen demnächst in einem Tagungsband veröffentlicht werden.

News Sommersemester 2006 vom 26.04.06