Zentrum für Interreligiöse Studien feierlich eröffnet - Bundestagspräsident
Kopftuch-Streit, die Rolle der Religion in der EU-Verfassung oder ein EU-Beitritt der Türkei: Die Herausforderung, die die Pluralität der Religionen an die Gesellschaft stellt, wird immer größer. Umso wichtiger sei eine "interkulturelle Kompetenz", betonte Bundestagspräsident Thierse bei der Eröffnung des Zentrums für Interreligiöse Studien.
Zahlreiche Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Kirche, von Judentum und Islam waren erschienen, als am Allerheiligentag in der AULA der Universität Bamberg das Zentrum für Interreligiöse Studien (ZIS) mit einer Festakademie eröffnet wurde. Prominenter Festredner war Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der sich auch gleich eines brisanten Themas annahm: der Pluralität der Religionen als Herausforderung für Staat und Gesellschaft. Mit einem Symposium unter dem Titel "Religiöse Identität(en) und gemeinsame Religionsfreiheit - eine aktuelle Herausforderung pluraler Gesellschaften" begann tags darauf die wissenschaftliche Arbeit des ZIS.
Es seien "epochale" Herausforderungen heutiger Gesellschaften, die das ZIS aufgreife, betonte die geschäftsführende Direktorin des Zentrums, Prof. Marianne Heimbach-Steins, in ihrer Begrüßung. Das zeige der Kopftuch-Streit ebenso wie die Debatte um die Rolle der Religion in der EU-Verfassung oder um einen EU-Beitritt der Türkei.
Es sind vorrangig die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, denen sich das ZIS widmen werde, so Heimbach-Steins. Unter dem Vorzeichen des interreligiösen Dialogs sollen vor allem Gegenwartsfragen aufgegriffen und interdisziplinär erforscht werden. Der neu eingerichtete Masterstudiengang mit eben diesen Zielsetzungen sei bislang bundesweit einzigartig. Das Zentrum könne als Ort der Reflexion und Auseinandersetzung für Wissenschaft, Politik, Religion und gesellschaftliche Kräfte dienen, betonte die Bamberger Theologie-Professorin.
"Pluralität der Religionen - eine Herausforderung für Staat und Gesellschaft" hatte sich Bundestagspräsident Wolfgang Thierse als Titel für seine Rede gewählt. Thierse, der als praktizierender Christ zu DDR-Zeiten seine eigenen Erfahrungen mit diesem Thema hatte machen müssen, bezeichnete das 21. Jahrhundert als das "Zeitalter der Religionen". Nach dem "11. September" stünden Fragen wie die Bekämpfung des internationalen Terrorismus, die Befriedung des Mittleren und Nahen Ostens und die Debatte um die EU-Mitgliedschaft der Türkei im Zentrum der öffentlichen Diskussion, die bis hinein ins tägliche Zusammenleben reiche und eine Herausforderung für die christlichen Kirchen ebenso wie für Staat und Gesellschaft darstelle.
Für Deutschland müsse dabei prinzipiell von einer kulturell und religiös inhomogenen Gesellschaft ausgegangen werden. Die Reaktionen der Einzelnen auf diese wachsende Pluralität seien oft ein Rückzug auf das Traditionelle und Vertraute verbunden mit Abgrenzung und Aggression gegen das Fremde, weil man seine eigene Identität bedroht sieht. Denn für den Wahrheitsanspruch der Religionen sei es, ein "Stachel, der religiösen Überzeugung des anderen dieselbe Dignität zuzumessen wie der eigenen". Besonders gefährlich sei es, so Thierse, wenn in den Debatten die westliche oder die islamische Kultur als monolithische Blöcke erschienen, was gegenseitige Dämonisierungen erleichtere. Diese aber ließen vergessen, "wie fruchtbar sich einst Orient und Okzident in Wissenschaft und Kultur beeinflusst haben".
Thierse betonte denn auch die Heterogenität des heutigen Islam. So stünden neben Gruppen, die eine Verabsolutierung des Religiösen forderten, andere, die eine Vereinbarkeit der Religion mit der Moderne anstrebten. Diese Unterschiede zu benennen, bezeichnete der Bundestagspräsident als eine der wichtigsten Aufgaben des neu gegründeten Zentrums.
Dies zeige sich gerade deutlich in der Debatte um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei. Erfolgreiche Bestrebungen der Türkei, Islam und Demokratie zu vereinbaren, stellten ein deutliches Signal dar, "dass islamische Prägung und eine aufgeklärte, moderne Gesellschaft in einem Staat keinen Widerspruch darstellen müssen". Grundlegende Werte wie Menschenrechte, Toleranz und Religionsfreiheit seien dabei jedoch nicht verhandelbar. Thierse zeigte sich überzeugt, dass ein demokratisierter Islam von sich aus die Werte des Rechtsstaates anerkennen könne. Religion und interreligiöser Diskurs seien notwendig, um die Werte immer wieder neu zu beleben, ohne die ein demokratischer Rechtsstaat nicht auskomme. Ein vollkommen neutraler, laizistischer Staat sei deswegen keineswegs von Vorteil.
Entgegen zunehmender Privatisierungsprozesse von Religion könne die Chance eines offenen Wertediskurses nur dann wahrgenommen werden, wenn die Mitglieder der einzelnen Religionsgemeinschaften auch eine entsprechende Offenheit für den interreligiösen Dialog mitbringen, so Thierse. Dazu sei es notwendig, dass Dachorganisationen wie die türkische Religionsbehörde die in Deutschland lebenden türkischen Muslime unter dem Gesichtspunkt der Religionsfreiheit in die Integration in Deutschland entlassen.
Ein großer Teil der Angst vor anderen Kulturen resultiere aus Unwissenheit, so der Bundestagspräsident. Es müsse deshalb die Aufgabe von Schulen und Universitäten sein, interkulturelle Kompetenz als eine Schlüsselqualifikation der Zukunft ausreichend zu vermitteln. Nur wer bereit sei, auch für die eigene religiöse Identität einzutreten, sei fähig, sich mit den Leistungen anderer Religionen respektvoll auseinanderzusetzen. Anzustreben sei dabei laut Thierse eine fächerübergreifende Beschäftigung mit der Gegenwartskultur anderer Regionen und Kontinente. Das Bamberger Zentrum für Interreligiöse Studien sei deshalb "ein Forschungsprojekt von beträchtlicher gesellschaftlicher Relevanz", wobei gerade die Bamberger Infrastruktur die Interdisziplinarität gewährleiste. Ein künftiges Lehrangebot der Judaistik bezeichnete Thierse dabei als besonders begrüßenswert; Heimbach-Steins versicherte, dass ein solcher Ausbau des Zentrums in Planung sei.
Nach dem Grußwort von Rektor Prof. Dr. Dr. Godehard Ruppert, der die Bedeutung des Zentrums innerhalb der Struktur der Bamberger Universität hervorhob, kamen die Anwesenden in den Genuss einer besonderen Form von interreligiösem Dialog: Metin Demirel, Ya`akov Rubinstein und ein Ensemble der Kantorei Sankt Stephan unter der Leitung von Ingrid Kasper trugen religiöse Lieder vor, die einen Einblick in die jüdische, christliche und islamische Kultur gewährten.
News Wintersemester 2004/2005 vom 08.11.04
www.zis.uni-bamberg.de