Auftaktkonzert zu "Sämtlichen Klaviersonaten" von Wolfgang Amadeus Mozart
Kann man jemals der Musik Mozarts überdrüssig werden? Angesichts der Mozart-Vermarktung, die in dessen Jubiläumsjahr die skurrilsten Blüten treibt, mag mancher genug haben von den in immer neuer Verpackung daher kommenden ‚Mozart-Variationen’. Die Reihe „Musik in der Universität“ setzt dennoch auf ein weiteres Großprojekt in Sachen Mozart: die Aufführung sämtlicher Klaviersonaten. Den diese Zweifel beseitigenden Auftakt machte ein Konzert am 4. Mai mit Tomoko Ogasawara am Klavier und Rezitationen von Helga Doerks-Bode.
Den drei gehörten Sonaten (C-Dur KV 279, F-Dur KV 280 und B-Dur KV 281), nach neuester Forschung allesamt niedergeschrieben zu Beginn des Jahres 1775 in München, ist eine gewisse Gleichförmigkeit im Aufbau nicht abzusprechen. Beginnen sie doch alle in heiterer, bis zur Virtuosität reichenden Spielfreude, wenden sich zu einer lyrischen, bisweilen fast melancholischen Kantabilität, um im Schlusssatz humorvoll aufzubrechen. Überraschend, welche Sichtweise Tomoko Ogasawara auf die Kompositionen eröffnete. Kompromisslos fügte sich die Pianistin diesem Muster. Die jeweiligen Mittelsätze bildeten für sie Zentrum und Höhepunkt. Diese lud sie auf mit großer Geste, breitete sich aus, schwärmerisch, dem Jetzt entgleitend, sich erinnernd. Dabei gerieten die Rahmensätze niemals zu bloßen Geläufigkeitsübungen. Ogasawaras brillante Technik leuchtete unerwartete Wendungen und selbst die kleinsten Verzierungen meisterlich aus.
Neben die Klaviersonaten gesetzt waren Briefe von und über Mozart und Auszüge aus Volkmar Braunbehrens’ Lebensbild über den Meister. Pointiert las Helga Doerks-Bode Briefe des kleinen Mozart, ließ dessen Kindersprache erstehen. Im Kontrapunkt zu den neben den Sonaten gehörten allerersten Menuetten (KV 1 a-d sowie KV 5) stellte sie so gewissermaßen das sprachliche dem musikalischen Formulierungsvermögen des Kindes gegenüber. Spricht das Kind wie es komponiert oder sagt es in seinen Kompositionen nicht weitaus mehr, als es sprachlich ausdrückt?
Da bedurfte es keiner Huldigung des ‚Mythos Mozart’ und seinen ‚himmlischen’ Kompositionen, die die Engel allemal vorzögen – so Barth in seinem zitierten fiktiven Dankesbrief an Mozart – die Musik sprach für sich und beantwortete in aller Schlichtheit die eingangs gestellte Frage mit einem klaren ‚Nein’.
Lang anhaltender Beifall für den gelungenen Reiseaufbruch.
News Sommersemester 2006 vom 10.05.06