Anhaltende Verunsicherung wegen Bologna - Hochschultagung der Deutschen Gesellschaft
Werden kleinere Fächer ein Opfer des Bologna-Prozesses? Diese Frage stellten sich auch die Volkskundler und Ethnologen bei ihrer Hochschultagung in Bamberg.
Wie weit die europäische Einigung schon fortgeschritten ist, zeigt sich nicht nur an der gemeinsamen Währung und den verwaisten Grenzübergängen. Auch die Hochschullandschaft ändert sich im Zuge des Bologna-Prozesses grundlegend. Europäisch vergleichbare Studiengänge und -abschlüsse werden geschaffen, die ein übernationales Studium erleichtern und den frühen Einstieg ins Berufsleben ermöglichen sollen. Auch sollen die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse stärker interdisziplinär ausgerichtet sein. Besonders die kleinen Fächer befürchten jetzt, dass dieser Umwälzungsprozess, der sich stark am Ökonomie-Prinzip orientiert, zu ihrem Nachteil ausfallen wird.
So stand auch die diesjährige Hochschultagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde vom 11. bis 13. November ganz im Zeichen von Bologna, auch wenn ihr Titel "Studien- und Arbeitsfeld Kultur. Prospektionen von innen und außen" lautete. Zugleich feierte die Gesellschaft ihr 100-jähriges Bestehen. Zu der Tagung in Bamberg, zu der der Lehrstuhl für Volkskunde und Europäische Ethnologie eingeladen hatte, waren die Fachkolleginnen und Fachkollegen aus allen deutschsprachigen Ländern sowie aus Norwegen angereist.
Wie der erste Tagungstag zeigte, ist man nicht nur hierzulande, sondern ebenso in der Schweiz und in Österreich besorgt, dass im Rahmen der Modularisierung der neuen Abschlüsse fachspezifische Ansätze verloren gehen. Führt die Verbreiterung der Ausbildung dazu, dass sie zugleich an Tiefe verliert? Profitieren werden von einer weiter gefächerten Studienordnung mit Volkskunde als Modul voraussichtlich Studierende, die später beispielsweise im Medienbereich tätig sein wollen. Gewährleistet müsse jedoch bleiben, dass der wissenschaftliche Nachwuchs in einem vertieften Studium ausgebildet werden könne - so die einhellige Meinung der Teilnehmer.
Zugleich müsse das Fach jedoch mehr zum Partner der Wirtschaft werden und die Ausbildung auch an deren Bedürfnissen orientieren. Gerade die Medien eröffnen neue Berufsfelder für Experten der Europäischen Ethnologie. Beim Prozess der europäischen Integration könnten gerade Volkskundler einen Beitrag leisten, das Verständnis für andere Kulturen zu schaffen, und aufzeigen, nach welchen kulturellen Mustern wir reagieren und urteilen. Ethnologen könnten helfen, Kulturkonflikte und Parallelgesellschaften zu vermeiden. Leif Pareli vom Norwegischen Volkskundemuseum zeigte in seinem Vortrag, wie dies konkret aussehen kann. Die Besucher einer Ausstellung über pakistanische Einwanderer konnten durch die Präsentation der Lebenswelt der Immigranten - die sich zur Überraschung der meisten nicht stark von der der Norweger unterscheidet - für deren Probleme und Integrationsschwierigkeiten sensibilisiert werden.
So war der Grundtenor der Veranstaltung, dass die augenblickliche Verunsicherung der Fachvertreter auch eine Chance sei, die Volkskunde als ein Fach des europäischen Zusammenwachsens zu etablieren und ihm eine wichtige Vermittlerrolle zuzuschreiben. Dennoch sollte der Bolognaprozess mehr von einer inneruniversitären Diskussion begleitet sein und die momentane Unsicherheit von der Politik beseitigt werden.
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News Wintersemester 2004/2005 vom 14.12.04