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„Es liegt an uns, großzügig zu sein“

Warum wir Zuwanderung brauchen und wie sie gelingt

Von Michael Kerler

Prof. Dr. Reinhard Zintl und Prof. Dr. Dieter Oberndörfer v.l. (Foto: feki.de)

In der Banlieue von Paris werfen Jugendliche Steine, zünden Autos an. Die Eltern der meisten stammen aus dem Ausland, aus Nord- und Zentralafrika. Auch in Deutschland lösten die Vorgänge Unsicherheit aus. Kann Zuwanderung überhaupt gelingen? Der Politologe Dieter Oberndörfer warnt davor, Zuwanderung zu verteufeln.

In einer immer älter werdenden Gesellschaft sei sie unverzichtbar. Wichtig sei es, zu sehen, daß es gute Rezepte gebe, wie die Integration der Immigranten gelingen könne – durch Chancengleichheit, politische Beteiligung und eine offenere Einstellung unsererseits, so Dr. Dieter Oberndörfer, Professor für Politologie der Universität Freiburg, im Rahmen eines Bamberger Vortrags. 

„Zukunft durch Zuwanderung“ – der Titel des Vortrages spiegelte laut Oberndörfer bereits eine Tatsache wider, an der es kein Rütteln gibt. Eine Zukunft ohne Zuwanderung werde es nicht geben. „Wir brauchen die Zuwanderung aus demographischen Gründen“, argumentierte er. Einfache Prognosen führten dies vor Augen: Im Jahr 2050 werde die Bevölkerung in Deutschland von 82 auf 58 Millionen geschrumpft sein. Oberndörfer wandte sich gegen Argumente, daß im Deutschland der Mitte des 19. Jahrhunderts auch nur 40 Millionen Menschen lebten und Schwankungen in der Bevölkerungszahl normal seien. Denn: „Neben der Schrumpfung nimmt das Durchschnittsalter der Gesellschaft zu. Das verschärft die Problematik zusätzlich.“ Im Jahre 2050 werde die Mehrheit über 50 Jahre alt sein. Die Folgen der Schrumpfung und Alterung sind absehbar und bekannt. Prof. Oberndörfer, 1929 in Nürnberg geboren, erinnerte nur an einige: Die Renten sind auf dem heutigen Niveau von der arbeitenden Bevölkerung nicht mehr zu finanzieren, weil jeder einzelne kaum tragbar hohe Beiträge einzahlen müßte, „und im Bereich der Gesundheitspolitik wird es zu Verteilungskämpfen kommen, weil die Kassen nicht mehr leisten können, was medizinisch machbar ist.“

Zuwanderung als wichtiger Faktor

Um der Probleme Herr zu werden, seien verschiedene Ansätze gefragt: Die Erwerbsquote der Frauen müsse steigen, Menschen werden länger arbeiten, auch an einer aktiven Familienpolitik die die Geburtenrate wieder steigen läßt, gehe kein Weg vorbei. Ein wichtiger Faktor aber sei die Zuwanderung. Insbesondere qualifizierten Menschen müßten die Türen nach Deutschland wieder geöffnet werden, da wichtigen Standbeinen der Wirtschaft bereits jetzt oder bald ausgebildete Arbeitskräfte fehlten. Zuwanderung mit Hinweis auf die Arbeitslosigkeit pauschal zu unterbinden, sei falsch. „Sie können aus einem 50jährigen Werftarbeiter, der arbeitslos wird, keinen Maschinenbauingenieur machen“, wählt er ein plakatives Beispiel.

Wenn aber Zuwanderung notwendig wird, was kann man tun, um auch die Integration in die Gesellschaft zu sichern? Prof. Oberndörfer identifizierte drei zentrale Faktoren. „Ein wichtiger Faktor ist, daß die Menschen Berufs- und Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt haben“, das gelte auch für die Einwandererkinder. Deutschland habe in dieser Hinsicht viel falsch gemacht: In den goldenen Zeiten des Wirtschaftswunders habe man sich Millionen Gastarbeiter ins Land geholt, sich aber nicht um sie gekümmert. Die Kinder der Einwandergeneration hätten noch heute im Bildungssystem nicht die gleichen Chancen, und bis in die 90er Jahre gab es keinen Rechtsanspruch auf Einbürgerung.

Keine Einwanderungsgesellschaft ohne Konflikte

Ein zweiter Faktor für erfolgreiche Integrationspolitik sei, die Hinzugekommenen auch am politischen Geschehen zu beteiligen. In jeder Einwanderungsgesellschaft gebe es Konflikte, diese müßten politisch bewältigt werden. Vorbildlich sei dies in den Vereinigten Staaten geschehen, wo Griechen, Polen oder Lateinamerikaner eigenständig ihre Interessen vertreten und wahrgenommen sehen.
Letztlich sei es wichtig, daß die Mehrheitsgesellschaft ihre Einstellung gegenüber den Zuwanderern ändere. Die Toleranz und Offenheit jedes einzelnen sei hier gefragt, wie Oberndörfer insbesondere in der Diskussion mit den rund 120 Besuchern herausarbeitete: „Im Zweifelsfall sind immer noch wir in der Mehrheit, deshalb liegt es an uns, großzügig zu sein.“ Vor ideologisch aufgeladenen Anforderungen wie der Unterwerfung unter eine Leitkultur oder dem perfekten Beherrschen der deutschen Sprache warnte der Freiburger: Daß Sprache allein kein Erfolgsfaktor ist, zeigten die Krawallen in Frankreich. Nordafrikanische Einwanderer sprechen fast alle fließend Französisch.  

Oberndörfer, der auf Einladung der Absolventen des Diplomstudiengangs Politikwissenschaft (BAD e.V.) nach Bamberg kam, war vor seiner Emeritierung 1997 34 Jahre lang Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft der Universität Freiburg. Er forschte zu Wählerverhalten und Nationalismus und gilt als Experte für den Bereich der Entwicklungspolitik. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes ist derzeit Vorsitzender des kulturwissenschaftlichen Arnold-Bergstraesser-Instituts. Prof. Oberndörfer hat auch eine besondere Verbindung zur Bamberger Politikwissenschaft, da bei ihm Professor Hans Rattinger (Lehrstuhl Politikwissenschaft II) und Professor Reinhard Zintl (Lehrstuhl Politikwissenschaft I) promovierten und an seinem Lehrstuhl tätig waren.  

News Wintersemester 2005/2006 vom 06.12.05