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Erzeugen und Nachvollziehen von Sinn

Internationales und interdisziplinäres Symposium über "Rationale, performative und mimetische Verstehensbegriffe"

Von Felix Rückner

Was verstehen wir an der Kunst und was nicht? Und welche Rolle spielt das Aufführen, Inszenieren und Betrachten von Musik, Theaterstücken oder Bildern? Ein Kongress widmete sich den Verstehensbegriffen in den Kulturwissenschaften.

Der Bamberger Kongress zu Verstehensbegriffen in den Kulturwissenschaften näherte sich der Thematik aus verschiedenen Richtungen: Was versteht man an der Kunst und was nicht? Und welche Bedeutung kommt dem Aufführen und Inszenieren von Musik, Theater oder Bildern zu? Einführend spielte Natalia Solotych am Klavier Claude Debussys "L´Ile joyeuse", dem ein Bild Antoine Watteaus gegenüber gestellt wurde - "L´Embarquement pour L´Ile de Cythère". Bezogen auf diesen Kontrast formulierte Veranstalter Martin Zenck, Professor für Historische Musikwissenschaft, die für die folgende Diskussion wichtige Frage, was die eine Kunst von der anderen verstehen kann.

Verstehen, Nicht-Verstehen

Vor diesem Hintergrund hatten die Referenten ihre Vorträge einer von drei Sektionen des Kongresses zuzuordnen. Die Sektionen ergaben sich aus der zugrunde gelegten Strukturierung des Verstehensbegriffes in einen rationalen, einen performativen und einen mimetischen. In der ersten Sektion "Rationaler Verstehensbegriff und Sinn-Apriori" wurden Untersuchungen über den Sinn angestellt, der - unter der Voraussetzung eines Sinn-Apriori - durch den thematischen Diskurs beim Komponieren oder die Einschreibung eines inneren Zustandes in das Werk durch das schaffende Subjekt erzeugt werden kann. Das Sinn-Apriori ist also einerseits ein im Text ruhender Zustand, dessen potenzieller Sinn erst aktualisiert werden muss, kann sich darüber hinaus aber auch auf die Ebenen der Produktion/ Reproduktion und Rezeption von Sinn beziehen.

Hans-Thies Lehmann (Theaterwissenschaftliches Institut, Frankfurt am Main) sprach als einer der ersten Referenten von einem auf das Lernen eines Nicht-Verstehbaren bezogenen Sinn-Apriori, welches sich im Theater vorwiegend über die Geste vermittelt. In dem grundsätzlichen Nicht-Verstehen, das Dieter Mersch (Institut für Philosophie, Universität Potsdam) in fünf philosophischen Thesen entwickelte oder auch der beispielhaften Veranschaulichung eines Verstehens von moderner Literatur bezogen auf Thomas Mann und James Joyce (Friedhelm Marx, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Universität Bamberg) wurden verschiedene Herangehensweisen an die sich auf der Ebene der "rationalen Verstehensbegriffe" ergebenden Probleme evident.

Ein performativer Verstehensbegriff dagegen sieht traditionell die Bedingung für ein Vermitteln von Sinn in der Aufführung, also der körperlichen, gestischen und mimischen Darstellung von Kunst. Diese These kann heute jedoch nicht mehr aufrechterhalten werden - betrachtet man z.B. Musik von John Cage, bei dem die Offenheit der "Partitur" das Performative vorsieht, oder von Luigi Nono, die erst in einem bewegungslosen Stillstand ihr Ideal erreicht. Die verschiedenen Zustandsarten der Musik (statisch oder augenblickshaft) verbunden mit grundlegenden Formbegriffen dieser Kunst sowie die Musik als Bewegung der Zeit in der Zeit waren Aspekte der in dieser Sektion folgenden Vorträge. So wurde hier die sich in der Historizität vollziehende Wandlung eines Verstehens durch das Inszenieren von Mozarts "Don Giovanni" thematisiert, das zwischen entstehungsgeschichtlicher Konvention des Liebesdiskurses und aktueller Promiskuität steht (Olaf Schmitt, Theaterwissenschaften, Frankfurt am Main). Jörn Peter Hiekel (Hochschule für Musik, Dresden) stellte darüber hinaus die Frage, welcher Kategorie des Verstehens die politische Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart zuzuordnen ist und welche Mittel angewandt werden, um einem potenziellem Missbrauch vorzubeugen.

Verstehen durch Überzeichnen und Überschreiben

Die dritte Sektion diskutierte daraufhin einen Prozess, in dem Verstehen durch Nachahmung, über ein Nachvollziehen oder auch durch Überzeichnen und Überschreiben erfolgen kann. Dabei übertragen sich, beruhend auf der mimetischen Responsivität, vom Objekt aus bestimmte Affekte auf den Betrachter. Der Musik kommt dabei freilich nur eine vermittelnde Funktion zu, da sie nicht das Objekt selbst, sondern lediglich transformierte Empfindungen imitiert, die ein (objekthafter) Gegenstand auslöst. Das Dirigieren, Interpretieren, ja sogar die Notation selbst sind nur Übersetzungen, also mimetische Ausübungen einer bestimmten Vorstellung. Eine solche Art des Verstehens durch Übermalung oder Rekomposition muss beispielsweise in Kompositionen Strawinskys mit angedacht werden, in denen frühere Epochen und Werke eine entscheidende Rolle spielen (Tobias Resch, Historische Musikwissenschaft, Universität Bamberg).

Weitere Vorträge dieser Sektion behandelten unter anderem das Rätselhafte einer musikalischen Poetik bei Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze (Thomas Nytsch, Historische Musikwissenschaft, Universität Bamberg) sowie das Verstehen eines Nicht-Verstehbaren des Holocaust anhand der Lyrik Ingeborg Bachmanns und Paul Celans in der Reflexion der Malerei von Anselm Kiefer (Elisabeth Oy-Marra, Neuere Kunstgeschichte, Universität Mainz) und in der Musik Luigi Nonos (Martin Zenck). In den Ausführungen Max Peter Baumanns (Ethnomusikologie, Universität Bamberg) wurden zudem Musik und Rituale außereuropäischer Kulturen in einer spezifischen Hoquetus-Technik vorgestellt, welche die Ausdrucksform eines dialogischen Verstehens darstellt.  

News Sommersemester 2005 vom 05.04.05