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Elementarformen der Werkstatt

Hanns-Josef Ortheil eröffnet Poetikprofessur 2007

Von Martin Beyer

Mit dem Romanvirus infiziert: Hanns-Josef Ortheil, der Poetikprofessor der Universität Bamberg 2007 (Bild: Peter von Felbert)

Anschauung am Objekt: Ortheil zeigt dem Publikum eines seiner Notizbücher (Bilder: Pressetselle)

Das gehört auch zu den „Umgebungen“ eines Autors, das Signieren von Büchern nach getaner Arbeit

Wie es in seinem Arbeitszimmer aussieht, hat Hanns-Josef Ortheil noch nicht verraten. Aber die Vermutung liegt nahe, dass sich Bücher, Notizen und sonstige Aufzeichnungen bis zur Decke türmen. Ortheil hat sich dem „enzyklopädischen Roman“ verschrieben – bei der Eröffnung der Poetikprofessur am 14. Juni gab er erste Einblicke in seine Arbeit.

Der kleine Hanns-Josef Ortheil war krank. Er litt an einem seltenen Virus, der ihn daran hinderte, die vom Deutschlehrer gestellte Aufgabe zu lösen: Es sollte eine Kurzgeschichte geschrieben werden, etwas Kleines, mit einem Anfang und einem schnellen Ende. Aber Hanns-Josef fand kein Ende. Er schrieb immer weiter, bis er abbrechen und drei Punkte hinter den Aufsatz setzen musste. TO BE CONTINUED statt FINIS. Was war das für eine Krankheit, die ihn auch unbefriedigende Romanenden umschreiben ließ, und wenn man schon einmal dabei war, konnte man doch auch noch das eine oder andere Kapitel...

Der Romanvirus

Rückblickend ist es für Prof. Dr. Hanns-Josef Ortheil, der neben seiner Arbeit als Schriftsteller in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus lehrt, kein Rätsel mehr: Er litt schon früh an einem Romanvirus. Und diese Krankheit, wenn man so will, hat ihn bis heute nicht losgelassen, ja, sie hat ihn sogar fest im Griff, denn Ausflüge in andere Gattungen leistet sich Ortheil so gut wie nie. „Es gibt keine Lyrik von mir, ja nicht mal den Versuch eines Gedichts“, sagte Ortheil schmunzelnd. Der diesjährige Poetikprofessor der Universität Bamberg, der seine „Amtszeit“ am 14. Juni antrat, sieht bei einer Reihe von Schriftstellern eine bestimmte Disposition zum Roman, die eine „gefräßige, monströse Gattung“ sei. Es brauche bestimmte Charakterzüge, um die lange Leidenszeit einer Romanarbeit durchzustehen, es brauche aber auch die Affinität zum Material, zum Suchen und Finden von Details, eine Art Sammelwut. Ortheil nahm, wie immer, wenn er eine Anekdote erzählte, die Brille ab und berichtete von einem Gespräch mit Ernst Jandl und seinem Neid auf die Tatsache, dass dieser nie länger als einen Tag an einem Gedicht arbeiten konnte. Dies steht einem Romanautor leider nicht zu, er muss stets langfristig arbeiten und denken.

Begriffsklärungen

Ortheil näherte sich in der Folge sehr systematisch dem Gegenstand seiner Vorlesungen, dem Roman, und der Rede über die Entstehung von Romanen, also der Poetik, überhaupt. Mit mehr als einem Augenzwinkern sprach er vom Ergebnis seiner Dissertation, mit der er „das Apriori“ des Romans herausfinden wollte. Wichtig sei jedenfalls, dass der Roman eine prinzipiell offene Gattung darstelle, die eine ganz eigene Dynamik entwickeln könne, „eine Anziehungskraft, aber auch eine Spaltfähigkeit bis hin zur Atomisierung des Materials.“

Ortheil benannte verschiedene Arten von Romanen, den großen enzyklopädischen Roman, den szenischen Roman und den „pubertären“ Roman, dabei handelt es sich vor allem um Erstlingswerke von jungen Autoren. Die große Romanform sei für Autoren unter 30 Jahren kaum zu bewältigen, denn es fehle dann noch an Lebenserfahrung und Wissen, eine Ausnahme seien natürlich „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann.

Auch bei der Annäherung an sein Poetikverständnis ging Ortheil sehr systematisch vor, er nannte hier verschiedene Formen, neben der programmatischen Poetik unter anderem die heimliche Poetik, die für ihn am wichtigsten ist. Heimliche Poetik? Das bedeutet für Ortheil, dass man Spuren nicht nur sucht, sondern auch festhält, ohne damit eine Programmatik zu verfolgen. Er selbst pflegt drei verschiedene Arten von Aufzeichnungen, Notate, Chroniken und Tagebücher, das sind für Ortheil die „Elementarformen der Werkstatt“. Jeder Tag wird festgehalten, in „romanfreien Zeiten“ ohne ein konkretes Ziel, und dennoch scheint es in der Rückschau immer so zu sein, als würde er auch mit diesem Material die Romanarbeit vorbereiten. Ortheil zeigte dem Publikum einige Beispiele seiner Aufzeichnungen, so hielt er ein großformatiges Tagebuch hoch, in das er neben seinem eigenen Text auch Zeitungsartikel und Fotos einklebt.

Die Rolle des Vaters und Don Giovanni

Ortheil zitierte diesbezüglich noch Edgar Allen Poe, der einen literarischen Text, etwas überspitzt formuliert, mit der „Präzision einer mathematischen Berechnung“ schreiben wollte. Ortheil legte es aber nicht nur auf eine Entmythisierung des Autors an, er leistete sich einen Ausflug in seine Kindheit und erklärte damit, wie er zu dieser beinahe manischen Sucht zum Aufschreiben kam. So war es sein Vater, der ihm auf Spaziergängen immer wieder die Natur erklärte, immer wieder Pflanzen und Tiere benannte und ihn mit entsprechender Lektüre eindeckte. Spazieren gehend und später reisend die Welt erfahren und ausmessen: Das Vorbild des Vaters soll hier ausschlaggebend gewesen sein.

Wie sich die noch ziellose Materialarbeit zu einem konkreten Romanthema verdichten kann, führte Ortheil abschließend am Beispiel seiner drei Künstlerromane „Faustinas Küsse“, „Im Licht der Lagune“ und „Die Nacht des Don Juan“ vor. Aus einem harmlos touristischen Pragbesuch entwickelte sich eine fieberhafte Spurensuche, im Fokus stand das Jahr 1787. Mozart reiste mit seiner Frau nach Prag, um seine Oper „Don Giovanni“ aufzuführen, die allerdings noch gar nicht beendet war. Neben dem Textdichter Lorenzo da Ponte hielten sich auch Casanova in Prag auf, der selbst Szenen zu der Oper schrieb, dazu eine Sängerin, in deren Landhaus sich Mozart einige Zeit aufhielt. In Ortheils Kopf begann es zu rumoren, eine Konstellation war da, „Räume, die noch begehbar sind“, dazu offene Texte von Mozart und Casanova, die doch eigentlich, wie es der Schüler Ortheil schon tat, zu Ende geschrieben werden müssten. Die Notate Ortheils änderten sich, entwickelten nun Szenen, zeichneten Räume. Die Elementarformen der Werkstatt arbeiteten auf Hochtouren, die Romanarbeit begann.
Davon wird Hanns-Josef Ortheil in den drei nächsten Vorlesungen weiter berichten, denn eines hat sich seit Ortheils Kindheit nicht verändert: Ihn hat das Romanvirus fest im Griff.

Vorlesungen, Kolloquium und Publikation

Donnerstag, 21. Juni
Planen und bauen – Die Architektur des Romans

Donnerstag, 28. Juni
Skizzieren und schreiben – Die lange Arbeit am Roman

Donnerstag, 5. Juli 2007-06-15
„Ich sah sie...“ – Der Liebesroman und seine Gesetze

– jeweils um 20.00 Uhr An der Universität 7, Raum 105

Das Kolloquium „Kunst erzählen. Das literarische Werk Hanns-Josef Ortheils“ findet statt am Freitag und Samstag, 6. und 7. Juli im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia.

Aufsätze zum Werk des Poetikprofessors von 2005, Uwe Timm, sind mittlerweile im Wallstein-Verlag erschienen:
Erinnern, Vergessen, Erzählen. Beiträge zum Werk Uwe Timms. Hg. von Friedhelm Marx unter Mitarbeit von Stephanie Catani und Julia Schöll. Göttingen: Wallstein 2007 [= Poiesis. Standpunkte zur Gegenwartsliteratur 1].
ISBN-10: 3-8353-0117-9
ISBN-13: 978-3-8353-0117-7
€ 24,00 (D)

Weitere Informationen finden Sie [ hier...]

News Sommersemester 2007 vom 15.06.07