Was ist die Aufgabe einer Universität? Prorektor Prof. Zintl betonte bei der Begrüßung der Erstsemester: Neben der ?privaten? Wissensvermittlung hat die Hochschule auch eine gesellschaftliche Verpflichtung.
Seit einigen Tagen schon irren sie mehr oder minder orientierungslos durch die Gänge der Otto-Friedrich-Universität, suchen die Mensa oder Räume mit so ominösen Bezeichnungen wie ?0.09a?: die neuen ?Erstis?, Studenten im ersten Semester. Am vergangenen Montag fand die offizielle Begrüßungsveranstaltung im Keilberth-Saal der Konzert- und Kongresshalle statt ? mit erstaunlich politischen Untertönen.
?Gern auch für den Rest ihres Lebens?
Natürlich gab es auch die bekannten Willkommensreden: Wie schön es doch sei, so viele neue Studierende begrüßen zu dürfen, wie sehr man ihre Ängste und Sorgen kenne, und dass Bamberg ein paradiesischer Flecken Erde sei. Oberbürgermeister Herbert Lauer beschrieb die Schönheit der Weltkulturerbe-Stadt abschließend sogar derart malerisch, dass er im nächsten Atemzug gleich das Angebot nachschob, nach abgeschlossenem Studium dürften die neuen Studierenden ?gern auch für den Rest ihres Lebens? in Bamberg wohnen bleiben.
Doch schon Rektor Prof. Dr. Dr. Godehard Ruppert war in seiner eröffnenden Begrüßung auf die ?zunehmend schwierigeren Rahmenbedingungen? des deutschen Hochschulsystems eingegangen, vermied allerdings geschickt das heiße Eisen Studiengebühren. Das holte Thomas Lörner, Vertreter der Studierenden, nach und kritisierte die möglicherweise bereits zum kommenden Wintersemester anstehende Erhebung von Erststudiums-Gebühren als ?Etablierung einer völlig neuen Art von Bildung und Studium?.
Zur zahlenden Kundschaft degradiert?
Indem die Studierenden von ?Mitgliedern der Universität? zur zahlenden Kundschaft degradiert würden, leide die gesamte Wissenschaftlichkeit der Hochschulen: ?Studieren muss sich dann in erster Linie an Ordnungen und strikten Semestervorgaben ausrichten, während individuelle Interessen nicht mehr entfaltet werden können?, befürchtet der Studierendenvertreter.
Da das kontrovers diskutierte Thema nun bereits angerissen worden war, nutzte Festredner Prof. Dr. Reinhard Zintl es zur Überleitung auf seinen Vortrag unter dem Titel ?Die Uni: Dienstleistungsbetrieb oder Gelehrtenrepublik??. Die Entscheidung zwischen diesen Alternativen scheint auf den ersten Blick leicht: ?Gelehrtenrepublik klingt leicht kitschig und ziemlich verstaubt, Dienstleistung jedoch modern und effizient?.
Lob der Urteilskraft
Schnell machte Zintl jedoch klar, dass das ?Gut Bildung? mehr ist als ein frei handelbares Privatgut im Sinne einer Qualifikation, die in erster Linie der Person selbst nützt, sei es in Form von Lebenserfahrung oder auch ganz materiell besserer Arbeitsmarkt- und Karrierechancen. So wichtig dieser Aspekt auch sei: Über ihn hinaus soll durch die Universität etwas bereitgestellt werden, ?das eine Gesellschaft insgesamt kennzeichnet ? etwa ein möglichst hohes allgemeines Bildungs- und Qualifikationsniveau, möglichst gerechter Zugang zu Bildung, auch die Unterstützung als tragend erachteter Züge der Kultur, also ein Beitrag zur gesellschaftlichen Integration?. Dies sei, im Unterschied zum erstgenannten Aspekt, dem Privatgutaspekt, der Kollektivgutaspekt der universitären Dienstleistung.
Dieser zweite Aspekt jedoch, beklagte der Politikwissenschaftler, käme in der aktuellen Bildungsdebatte allzu häufig zu kurz. Weiter führte er aus, dass ?Bildung? zu abstrakt sei, um anonymen Studentenmassen wie am Fließband verabreicht zu werden. Wichtiger als Wissen seien bestimmte Fähigkeiten, die es dem Einzelnen erst ermöglichten, mit diesem Wissen umzugehen, ein Kompetenzbündel, das Zintl mit dem aufklärerischen Begriff der "Urteilskraft" kennzeichnete.
?Holschuld? der Erstis
Abschließend gab Zintl den neuen Studierenden noch den Rat mit auf den Weg, von ihrer ?Holschuld? ausgiebig Gebrauch zu machen ? und alle allzu einengenden Lehrkonzepte strikt abzulehnen: ?Sie dürfen bestimmte Formen von Didaktik, die darauf zielen, Sie zu sehr an die Hand zu nehmen, ruhig als Beleidigungen Ihrer Intelligenz auffassen?. Und noch etwas erbat er sich: ?Halten Sie für schlecht nicht diejenigen, die schwierig und anspruchsvoll sind; auch nicht diejenigen, die gelegentlich etwas unbeholfen sind. Halten Sie für schlecht diejenigen, die ihren eigenen Stoff nicht mögen und die Ihnen nicht mit dem Respekt begegnen, der sich gehört!?
Dass das Studium keine staubtrockene Angelegenheit ist, sondern ?nebenbei? jede Menge Spaß machen kann, erfuhren die neuen Kommilitonen übrigens auch im angrenzenden Hegelsaal: Dort stellten sich zahlreiche Bamberger Vereine und Uni-Gruppierungen mit eigenen Ständen vor. Und die Bamberger Band ?Footwarmers? traf, dem mächtigen Applaus nach zu urteilen, auch ganz den Geschmack der ?Erstis?.
News Wintersemester 2004/2005 vom 27.10.04