Früher wurden unverheiratete Paare stigmatisiert. Heute sind sie ein verbreitetes und allgemein anerkanntes Phänomen. Über die Gründe für diesen Wandel sprach der Bamberger Soziologe Hans-Peter Blossfeld in seiner Antrittsvorlesung.
Das Phänomen der nicht-ehelichen Lebensgemeinschaft ist längst Alltag moderner Gesellschaften. Es gilt als Ausdruck einer zunehmenden Pluralisierung menschlichen Zusammenlebens. Dass sich dabei aber in den einzelnen Ländern Europas deutliche Unterschiede ergeben, verdeutlichte der Soziologe Hans-Peter Blossfeld am 5.5. in seiner Antrittsvorlesung.
Mit der Pluralisierung menschlichen Zusammenlebens behandelte Blossfeld, neuer Inhaber des Bamberger Lehrstuhls für Soziologie I und Leiter des Staatsinstituts für Familienforschung (ifb), ein fächerübergreifendes Thema. Diesem näherte er sich mit der methodischen Innovation der Ereignisanalyse. Blossfeld zeigte auf, dass es sich bei nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften um ein relativ junges und innovatives Phänomen handelt. Während vor dreißig Jahren unverheiratete Paare in ganz Europa stigmatisiert wurden, sind diese heute ein grundsätzlich anerkanntes und verbreitetes Phänomen. Dies führte der Soziologe auf einen Wandel im Lebenszyklus zurück.
Langfristige Selbstbindung?
Neben den Erfahrungen der jeweils eigenen Generation spielt heute die Bildungsexpansion eine Rolle für die Gestaltung des Lebenszyklus. Die Folge: ein zunehmend späterer Eintritt ins Berufsleben. Für Blossfeld führt gerade die durch moderne Erfordernisse notwendig gewordene Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse dazu, dass sich junge Menschen aus rationalen Gründen gegen die langfristige Selbstbindung der Ehe entscheiden. Hinzu kommen Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung, die jungen Menschen die Entscheidung zur Familiengründung erschwerten.
Auch der Wohnungsmarkt spielt eine wichtige institutionelle Rolle bei der Entscheidung, eine Lebensgemeinschaft einzugehen. So verwies Blossfeld auf das Beispiel Italiens, wo ein begrenztes Marktsegment gerade für Alleinstehende dazu führt, dass junge Menschen teilweise erst sehr spät das Elternhaus verließen. Eine weitere Rolle in der Planung des Lebenszyklus spielen kulturelle Werte: Je traditioneller die familiären Normen einer Gesellschaft sind, so Blossfeld weiter, desto schwieriger ist die gesellschaftliche Akzeptanz für unverheiratete Paare - was gerade bei der Wohnungssuche Schwierigkeiten bedeuten kann. Als Fazit konnte der Soziologe feststellen, dass das Ausmaß, mit dem nicht-eheliche Lebensgemeinschaften als vorteilhaft gegenüber traditionellen Alternativen wahrgenommen würden, stark von dem kulturellen, strukturellen und politischen Umfeld der betroffenen Menschen abhängt.
International renommierter Fachmann
Dass die Universität Bamberg mit Hans-Peter Blossfeld einen international renommierten Fachmann gewonnen hat, betonte Dekan Prof. Wolfgang Becker. Die eindrucksvolle Internationalität Blossfelds komme in seinem facettenreichen Werdegang und seiner reichhaltigen Forschungsarbeit zum Ausdruck. Blossfeld selbst sieht des sozialwissenschaftlichen Bereich als ein innovatives Exzellenz-Zentrum der Universität Bamberg an. In ihm nehme das Graduiertenkolleg "Märkte und Sozialräume in Europa" eine hervorragende Stellung zwischen Lehre und Forschung ein. Mit seinen zahlreichen internationalen Kontakten und Erfahrungen wolle er die internationale Komponente und den interdisziplinären Ansatz der Bamberger Soziologie stärken.
News Sommersemester 2004 vom 10.05.04