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Die Suche nach dem "Richtigen"

In vielen Romanen des 19. Jahrhunderts gilt der Ehebruch der Frau als Zeichen beginnender Emanzipation. Männliche Untreue wurde dagegen nur selten dargestellt ? sie galt als normal.

Von Viktoria Jerke

?Prüderie ist die schlimmste Form von Geiz?, sagte schon Wilhelm Busch. Diesem Motto folgend, behandelt in diesem Semester eine Ringvorlesung die großen Ehebruchromane der Weltliteratur. Insgesamt neun Vorträge behandeln Werke wie "Das Dekameron" oder "Effi Briest". Den Auftakt machte die in Stuttgart lebende Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Hannelore Schlaffer, die derzeit in München Neuere deutsche Literaturgeschichte lehrt, am 27. April mit ihrem Vortrag über ?Liebesheirat, Ehebruch und die erotische Revolution des 19. Jahrhunderts?.

 

Vor dem 18. Jahrhundert war die Ehe, so Schlaffer, in Romanen fast ausschließlich der Schlusspunkt der Handlung. Der Ehebruch, immer vor dem Gatten vertuscht und verheimlicht, war Gegenstand von Komödie und Tragödie, und die Figur des gehörnten Ehemannes eine der Witzfiguren der Gesellschaft. Erst im 19. Jahrhundert wandelte sich der verheimlichte Ehebruch zu einem öffentlichen. Die Untreue der Frau galt jetzt dem Lesepublikum als Anzeichen für Individualisierung und Emanzipation. Aber für diese Individualität wird die Frau in der einschlägigen Literatur in der Regel bestraft, meist mit dem Tod.

 

Erotische Revolution

Die ?erotische Revolution? des 19. Jahrhunderts, die den Frauen eine Sexualität und die damit verbundene erotische Kraft zubilligte, veränderte Schlaffer zufolge auch die literarische Sichtweise. Liebe galt jetzt nicht mehr als das Gegenteil von Vernunft, denn die individuellen Wünsche standen nun im Vordergrund. Diese Entwicklung bedeutete nicht nur eine Emanzipation der Frau, sondern auch eine des Mannes. Eine Entwicklung hin zum ?Ehestiftungsroman? lässt sich dagegen in der englischen Literatur beobachten. Vor allem Jane Austen machte die Suche nach dem ?Richtigen?, in dem sich Pflicht und Neigung glücklich vereinen, zum zentralen Thema ihrer Werke.

 

Die Ehe selbst ist nie Mittelpunkt jener Romane, denn ohne Ehebruch, so Schlaffer, war sie als Sujet den Lesern schlicht zu langweilig. Durch die Beschäftigung mit der Untreue wächst auch zunehmend das Interesse an den Beweggründen für eine solche Tat. Nicht selten wird der Ehebruch als eine ?Notwendigkeit des Innersten? dargestellt, da die von den Autoren geschilderten Ehefrauen gelangweilt, einsam und von der Verständnislosigkeit des Gatten zermürbt sind. Anders als die Medizin und Psychologie dieser Zeit beschäftigten sich damit einzig die Autoren mit dem Seelenleben der Frauen und griffen so der psychologischen Erforschung der Seele vor.

 

Männliche Untreue galt als normal

Bleibt die Frage, wie die Literatur des 19. Jahrhunderts einen Mann auf die Untreue seiner Gattin reagieren lässt, zumal dann, wenn die Öffentlichkeit ebenfalls davon erfahren hat. Hannelore Schlaffer führte die großen Romane Tolstojs und Fontanes an: Nur aus dem Bedürfnis nach Rache lehnt in "Anna Karenina" der Betrogene eine Scheidung ab und macht sowohl ein Leben seiner Frau mit dem neuen Mann als auch ihre Rückkehr in die Gesellschaft unmöglich. In "Effi Briest" tötet er den Liebhaber seiner Gattin im Duell, weil er sich traditionellen Idealen verpflichtet fühlt. Das Mitgefühl, das der Leser anfangs für die Ehebrecherin empfindet, verkehrt sich, betonte Schlaffer, zu einer starken Anteilnahme am Schicksal des Betrogenen. Denn dieser sieht sich durch den Ehebruch seiner Frau nicht nur gezwungen, ihr Leben zu zerstören, sondern auch sein eigenes.

 

Zentrales Thema der regen Diskussion, die sich im Anschluss an den amüsanten Vortrag zwischen der Rednerin und den Zuhörern entwickelte, war der in der Literatur nicht beachtete Ehebruch seitens des Ehemannes. Für die Literatur, so Hannelore Schlaffer, war der Ehebruch des Gatten uninteressant, da dieser als ?normal? und gesellschaftlich ?anerkannt? galt. Und so musste die Literaturwissenschaftlerin abschließend feststellen, dass in jedem Fall die eigentliche ?Tragik des Mannes im Sittlichbleiben? besteht, was mit viel Gelächter und Applaus quittiert wurde.

 

News Sommersemester 2004 vom 03.05.04