Der kanadische Rabbiner Erwin Schild spricht über sein Verständnis von interreligiösem Dialog
„Wenn es Hitler nicht gegeben hätte, wäre ich wohl Professor für Deutsche Literaturwissenschaft geworden.“ Rabbi Erwin Schild, Jahrgang 1920, ist als Jude dem nationalsozialistischem Regime nur knapp entkommen. Nach einem Aufenthalt im KZ Dachau konnte er nach Holland, später nach England fliehen. Mittlerweile lebt der in Mühlheim bei Köln geborene Schild in Toronto und engagiert sich seit Jahren für den interreligiösen, besonders den jüdisch-christlichen Dialog. Viele Besuche in Deutschland führten ihn in das Land zurück, das er einst hassen lernte, dem er aber auch Dank seines Glaubens vergeben konnte.
Das Zentrum für Interreligiöse Studien (ZIS) lud Erwin Schild zu einem Blockseminar vom 7. bis zum 8. Juni nach Bamberg. Titel der Veranstaltung: „Einführung in die Jüdische Theologie“. Den Studierenden des Masterstudiengangs „Interreligiöse Studien“ gab er eine Kostprobe rabbinischer Textauslegung, und anschließend gab es viel Zeit für intensive Gespräche mit diesem außergewöhnlichen Gast.
Nach der Veranstaltung stand der Rabbi Kerstin Schweizer für ein Interview zur Verfügung.
Hätte es Hitler nicht gegeben, wäre ich wohl Professor für Deutsche Literaturwissenschaft geworden. Das mag im Nachhinein vielleicht konstruiert klingen, aber da ist etwas Wahres dran. Je mehr man als Jude aus dem Deutschtum ausgestoßen wurde, desto mehr ging man zum jüdischen Ursprung zurück.
Dabei ist ganz interessant: In der jüdischen Schule wurde letztlich noch deutsches Kulturgut gelehrt, da war noch lesbar, was Deutschland einmal ausgemacht hat. Alle anderen Schulen waren doch in Nazi-Hand. Nach dem Abitur ging ich auf das Jüdische Seminar in Würzburg und betrieb dort eingehend Jüdische Studien. Da entwickelte sich langsam der Wunsch, Rabbiner zu werden. Nach kurzem Aufenthalt im KZ in Dachau bin ich nach Holland entkommen, mit einem Visum dann nach England. Nach Kriegsende wurde ich dann – weil deutscher Staatsbürger – interniert. Das war unglaublich. Da war Dachau ja gewissermaßen noch „verständlich“. Aber nicht die Internierung in England. England war doch die Hoffnung gewesen. Das war schon eine verrückte Zeit. Von Kanada bin ich als Kriegsgefangener aufgenommen worden. Man wurde als Gefangener aufbewahrt, da machte man keine Ausnahmen für jüdische Gefangenen. Ich war zwei Jahre interniert. Erst später begann ich mein Studium an einer Jeschiva in Toronto und wurde Rabbi.
In den frühen 80er Jahren gab es Bemühungen in Köln, sich mit der Geschichte der ehemals dort lebenden, im Holocaust vertriebenen jüdischen Gemeinde zu beschäftigen. Bei Nachforschungen stieß man auch auf meine Daten. Nach einem Briefwechsel gab es die erste Einladung, und so entwickelte sich ein beständiger Kontakt. Im Auftrag des Deutschen Konsuls in Toronto reiste ich schließlich nach Deutschland, um die Lage der jüdischen Gemeinden heute in Deutschland zu erkunden. So ging es nach Köln, Bonn, Frankfurt, München und Berlin. Über einen Beitrag zum Evangelischen Kirchentag 1988 im Rahmen einer Veranstaltung zu christlich-jüdischen Beziehungen kamen dann neue Kontakte hinzu, so die zu einer Pfarrerfamilie in Köln, die sehr engagiert war im interreligiösen, vor allem christlich-jüdischen Dialog. Interessant ist, dass ich selten auf meinen Vortragsreisen in jüdischen Gemeinden zu Besuch bin, aber in vielen Einrichtungen christlichen Kontextes spreche, so auch in der Karl Rahner Akademie in Köln.
Viele Juden zeigen sich sehr interessiert daran und streben nach gegenseitigem Verständnis. Es ist jedoch auch oft so, dass Juden meinen, genug über die Christen zu wissen, mit denen sie in dieser Gesellschaft zusammenleben. Es ist leider immer noch eine Minderheit, die sich engagiert.
Dialog soll für beide Seiten Gewinn bringend sein, außerdem „without compromising“, so dass keine der beteiligten Seiten sich in irgendeiner Art selbst aufgibt, sondern jeder seinen je eigenen Standort hat.
Zunächst war da nur Hass auf Deutschland. Das ist ja verständlich. Man fühlte sich als Deutscher enttäuscht. Dann hab ich geschrieben und die Dinge für mich verarbeitet. Interessant ist, dass ich mich im Grunde bei Beginn meiner Reisen nach Deutschland gegenüber meinen jüdischen Mitbürgern verantworten musste, warum ich nach Deutschland zurückgehe. Seitens kanadischer Christen bekam ich ermutigende Worte zugesprochen. Sie waren sehr an einer Art Versöhnung interessiert, empfanden wohl auch eine Mitschuld im Sinne einer Mitverantwortlichkeit an dem Geschehenen.
Wir brauchen eine bessere Welt. Es besteht die Gefahr eines neuen „religiösen Krieges“. Dann das Überleben des Staates Israel, der für die Juden notwendig ist. Besonders am Herzen liegt mir die Erhaltung einer geistigen Lebensart: Da gibt es Kunst, Musik, Kultur. Nicht jeder muss religiös sein, aber man soll nach Höherem streben, nicht rein hedonistisch in den Tag leben. Mensch zu sein, das gilt es. Man soll in seinen Ansichten bescheiden sein, tolerant gegenüber den Empfindungen und Sichtweisen anderer Menschen, nicht so leben als habe man die Wahrheit in der eigenen Tasche. Es gilt, sorgfältig seinen Weg zu suchen und nicht die zu verachten, die einen anderen Weg gehen. Verschiedene Wege führen zum Ziel.
News Sommersemester 2006 vom 19.06.06