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Die Medien – Giftspritze oder Heiltrank?

Die 18. Bamberger Hegelwoche zum Thema „Macht und Verantwortung der Medien“

Von Eva-Maria Spreitzer, Patrick Winkler und Martin Nejezchleba

„Hegel hat verloren“...

...nannte Siegfried Weischenberg seinen Vortrag über den Status quo der Medien im 21. Jahrhundert (Bilder: Gemälde von Jakob Schlesinger; Quelle: Wikipedia; Julian J. Rossig)

Schlag auf Schlag – Wie viel Gewalt verträgt das Fernsehen? Diese Frage beantwortete Thomas Gruber aus München

Kontroverse Diskussionen auf der Hegelwoche (von links): Claus Strunz, Siegfried Weischenberg, Ulrike Leutheusser, Helmuth Jungbauer, Ernst Elitz und Heribert Prantl (Bild: Pressestelle)

Der abendländische Weg zu einer freiheitlichen Gesellschaft war steinig. Aber an dessen vorläufigem Ende stehen Errungenschaften wie die Pressefreiheit, die aus der demokratischen Grundordnung nicht mehr wegzudenken sind. Wie gehen die Medien mit ihrer Freiheit, mit ihrer Macht und Verantwortung um? Auf der 18. Hegelwoche vom 12. bis 14. Juni diskutierten Medienvertreter und Wissenschaftler in Bamberg zu diesem Thema.

Zu Beginn der 18. Bamberger Hegelwoche am 12. Juni skizzierte der Bamberger Philosophieprofessor und Organisator der Hegelwochen Dr. Roland Simon-Schaefer den geschichtlichen Entwicklungsprozess hin zu einer freiheitlichen Gesellschaft. Nahtlos daran anknüpfen konnte dann der Hauptreferent  Prof. Dr. Siegfried Weischenberg, der sich über den Ist- und den Soll-Zustand der Medien Gedanken machte.

Der Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg ist zugleich gelernter Journalist und arbeitete jahrelang für verschiedenste Printmedien, unter anderem für die ZEIT und den SPIEGEL. Kritisch beleuchtete er, welcher Kritik die Medien heute ausgesetzt sind, wie sie arbeiten und fragte, ob sie ihrem Auftrag noch gerecht werden.

Die Gesetze des Marktes

„Hegel hat verloren“, so Weischenberg in Bezug auf die heutige mediale Arbeitsweise. Die Medien bringen sich demnach selbst in Gefahr, wenn sie sich in immer stärkerem Maße den Gesetzen der Kommerzialisierung unterwerfen. Zwar sei kein „Ende der vierten Gewalt“ zu befürchten, aber die Medien müssten ihrem Aufklärungsanspruch wieder gerechter werden. Weischenberg betonte jedoch auch, dass die Medien sich in einem unauflösbaren Dilemma befänden: Einerseits sind sie die vermeintlich objektive Instanz, die Informationen bereits stellt und zur Aufklärung und Bildung des Bürgers in der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft beiträgt – andererseits stehen hinter den Redaktionen große Medienkonzerne, die den Gesetzen des Marktes gehorchen und vorrangig Umsatz machen müssen.

Was also tun, um die Kritikfähigkeit der Medien zu erhalten? „Eine verbesserte Ausbildung von Journalisten und ein Ausbau von Medienkompetenz“, so Weischenberg, seien Bausteine auf dem Weg zu einem „emanzipierten Umgang“ mit den Medien. Auch der Zuschauer müsse kritisch bleiben und die Rolle der Medien stets hinterfragen.

Mit Bildung gegen Gewalt ankämpfen

Gibt einen Zusammenhang zwischen der Gewalt im realen Leben und Gewaltdarstellungen in den Medien? Flimmert zu viel Gewalt über unsere heimischen Bildschirme? Fragen, die spätestens nach dem nächsten Amoklauf wieder die Schlagzeilen beherrschen werden. Fragen, die Politiker immer wieder zu den gleichen Schlussfolgerungen führen: Verbote sollen vor Gewaltnachahmungen schützen.
Fragen, die so alt sind, wie die Medien selbst, stellte Prof. Dr. Thomas Gruber, Intendant des Bayerischen Rundfunks am zweiten Tag der Hegelwoche fest. Der Referent sprach sich in der AULA der Universität Bamberg für eine sachliche, objektive und an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte Diskussion aus. „Ein Plädoyer für mehr Differenziertheit“ nannte Roland Simon-Schaefer das Referat des ehemaligen ARD-Vorsitzenden mit dem Titel „Schlag auf Schlag. Wie viel Gewalt verträgt das Fernsehen?“, das mit den Worten schloss: „Sie sind jetzt vielleicht enttäuscht. Ich habe weder Opfer noch Täter genannt.“

Aber eben darum ging es Gruber. Die Medien seien nur einer von vielen Faktoren, die zur Gewaltanwendung im Alltag führen könnten. Es handele sich um komplexe Situationen, die der Honorarprofessor der Universität Bamberg mit den Vorgängen in einem Reagenzglas verglich: „Es ist niemals nur eine Substanz, die eine chemische Reaktion hervorruft. Erst der richtige Mix sorgt für die Explosion.“

Die Verantwortung liegt in unserer Hand

Die Einführung des zweiten Tages der diesjährigen Hegelwoche leistete wiederum der Bamberger Philosoph Simon-Schaefer. Er nannte provokativ „vier Instanzen der Inkompetenz unserer Gesellschaft“: Wissenschaft, Politik, Medien und, an oberster Stelle, der mündige Bürger. In einem Parcours durch verschiedene Epochen der Philosophiegeschichte führte er das Publikum zu einer unangenehmen Erkenntnis: Die Verantwortung und Macht der Medien liegt in unser aller Händen. Man könne sich nicht zurücklehnen und Journalisten oder Medienkonzerne alleine für Schieflagen in unserer Gesellschaft verantwortlich machen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam dann auch Hauptreferent Gruber. Auch seine Antwort auf die Fragen nach Verträglichkeit von Gewalt im Fernsehen lautete: Neben einer verantwortungsvollen Gestaltung der Medien sei vor allem die Vermittlung von Kompetenz im Umgang mit Medien wichtig. Als Spiegel der Realität würden diese unglaubwürdig, wenn man völlig auf Gewalt verzichtet. Ansetzen sollte man auch laut Gruber bei der Bildung. Denn die Debatte um Gewalt in den Medien ist zumeist eine Debatte um deren Wirkung auf Jugendliche.

Sind die Medien also frei von Schuld und Verantwortung? Die Antwort darauf ist dennoch ein klares Nein. Studien belegen, dass es vor allem bei intensivem Medienkonsum zu einer Verschiebung der Realitätswahrnehmung kommt. Die Folge seien Abstumpfung gegenüber Gewaltdarstellungen und weniger Einfühlungsvermögen, was im schlimmsten Fall zu Nachahmungen führen kann. Eine Absage erteilte Gruber jedoch einer generellen Verbannung von Gewalt aus fiktionalen und informativen Medien. „Gewalt gehört schließlich, auch wenn dies eine traurige Erkenntnis ist, zur Natur des Menschen.“

Podiumsdiskussion am dritten Tag

„Die Medien sind uns gegeben, es ist an uns zu entscheiden, ob wir damit Gift verspritzen oder einen Heiltrank brauen.“ Die Journalistin Ulrike Leutheusser zitierte als Denkanstoß diese Worte Adolf Grimmes bei der abschließenden Podiumsdiskussion der 18. Bamberger Hegelwoche am 14. Juni. Dieses Zitat wurde dann von den hochkarätigen Medienvertretern und Journalisten hitzig und kontrovers diskutiert.

Vor dem Hintergrund der immer schärferen Konkurrenz, dem steigenden ökonomischen Druck und einer nicht enden wollenden Rationalisierung an „Inhaltsproduzenten“, fragte Leutheusser nach der Verantwortung der Journalisten. Prof. Ernst Elitz, Intendant des Deutschlandradios, mochte in seinem Programm in dieser Hinsicht keine Nachlässigkeiten erkennen. „Es gibt auf jeden Fall den Trend, dass die Zuhörer wieder klarer informiert werden wollen. Dann darf man sich als Journalist auch ruhig meinungsstark geben, Kontroversen wecken“. Elitz sah aber auch die Gefahr, dass der Quote wegen bedenkliche Inhalte aufgegriffen würden: „Journalisten haben es natürlich gerne, wenn ihnen viele Menschen zuhören“.

„Boulevardisierung“ mit Verantwortung?

Genau das sah der renommierte Journalistikprofessor Dr. Siegfried Weischenberg als größte Gefahr an. „Alles und jeder kann heute zum Thema der Medien werden. Diese Mechanismen lassen sich nicht kontrollieren“, so das Fazit des Autors zahlreicher journalistischer Standardwerke. Zu lösen seien derartige Tendenzen der „Boulevardisierung“ nur durch Medienkompetenz, nicht durch Medienkritik oder gar Verweigerung.
Ein Thema, mit dem sich Claus Strunz, Chefredakteur der BILD am Sonntag, täglich beschäftigt. Nur weil Inhalte auf eine unterhaltsame Weise präsentiert würden, seien sie noch lange nicht verantwortungslos oder gar von minderer Qualität, so Strunz. Der Chef der auflagenstärksten Sonntagszeitung Deutschlands versteht den moralischen Zeigefinger gegen den Boulevard nicht. „Gerade durch unsere scharfe Beobachtung üben wir unsere Funktion als vierte Gewalt im Staate aus“, sagte Strunz. Wenn bestimmte Themen ausgeklammert würden, dann würde Verrat am Auftrag begangen, so die Antwort des Chefredakteurs in Bezug auf den häufigen Vorwurf des Missbrauchs der unschuldigen „Berichterstattungsobjekte“. Strunz formulierte sein Fazit ganz im Sinne der Bildzeitung kurz und einprägsam: „Große Buchstaben, große Verantwortung.“

Gefahr der informationslosen Hülsen

Ein Plädoyer für Qualitätsjournalismus hielt hingegen Heribert Prantl, Ressortleiter für Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung. „Journalismus wird zur Gefahr, wenn er sich mit der Produktion von informationslosen Hülsen begnügt. Diese Art von Journalismus ist hohl.“ Für ihn gilt nach wie vor der Grundsatz: Guter Journalismus kostet Geld und Zeit, eine bloße Profitorientierung führe in den Abgrund.

Der Verleger des Medienhauses Fränkischer Tag, Dr. Helmuth Jungbauer, machte zwei negative Trends aus, mit denen sich die Medien konfrontiert sähen: Ökonomisierung und Boulevardisierung. So bleibe einem Regionalblatt wie dem Fränkischen Tag nur eine Besinnung auf seine Stärken, dem Regionalen. Nötige Strukturänderungen seien daneben nicht vermeidbar: „Wer sich nicht anpasst, ist schnell weg vom Fenster.“ Dass aber manchmal durch derartige Einsparungen die Qualität leide, konnte der Verleger nicht völlig von der Hand weisen, dies betraf vor allem den Einwurf eines Zuhörers, es gebe zu viele Rechtschreibfehler in Jungbauers Zeitung.

Was gibt es Neues von Paris Hilton?

Roland Simon-Schaefer fasste die kontroversen Ansatzpunkte über Qualität und damit über die Verantwortung der Medien zusammen: „Sind die Medien nicht so, wie die Nutzer sie letztendlich wollen?“ So müsse man sich darüber hinaus fragen, ob es wirklich die „Banalitäten“ seien, die den Journalismus verderben – oder nicht eher die Konzentration der Medienkonzerne. Deshalb scheute sich Simon-Schaefer auch nicht zu fragen: „Was gibt es Neues von Paris Hilton?“. Schließlich merkte schon Aristoteles an: „Was nicht geschrieben steht, ist nicht passiert.“

Mitschnitte und Bildergalerien finden Sie in Kürze [ hier...]

Publikation zur 17. Bamberger Hegelwoche erschienen

Der Band „Europa weiter denken“ erschien jüngst im Bamberger Universitätsverlag. Weitere Informationen finden Sie [ externer Link folgt hier...]

News Sommersemester 2007 vom 19.06.07