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D.H. Lawrence in Europa

Anglisten diskutierten in Bamberg über die Rezeption des englischen Romanciers D.H. Lawrence

Von Lina Muzur

Sein Roman "Lady Chatterley's Lover" brachte ihm den Ruf eines Skandalautors ein. Bis heute ist D.H. Lawrence' Rang als Autor umstritten. Ein CBS-Symposium widmete sich jetzt seiner Rezeption in Europa.

Sein Roman "Lady Chatterley's Lover" brachte ihm den Ruf eines Skandalautors ein. Bis heute ist D.H. Lawrence' Rang als Autor umstritten. Ein CBS-Symposium widmete sich jetzt seiner Rezeption in Europa.

Der englische Romancier D.H. Lawrence zählt zur Riege der "umstrittenen" Autoren. Die Werke des 1930 verstorbenen Dichters rufen bis heute gegensätzlichste Reaktionen hervor, von unreflektierter Verurteilung bis zu fragwürdiger Überhöhung zur literarischen Kultfigur. Der Literaturwissenschaft gilt Lawrence als herausragender Vertreter der englischen Moderne; den Ruf als Skandalautor, den ihm vor allem sein letzter Roman "Lady Chatterley's Lover" aus dem Jahr 1928 einbrachte, wurde er jedoch bis heute nicht los.

 

Der Vorwurf der Obszönität, der gegen diesen Roman noch in den sechziger Jahren erhoben wurde, ist dabei nur Ausdruck einer über Jahrzehnte hinweg reichenden rezeptionsgeschichtlichen Kontroverse, die Lawrence' literarischen Rang genauso betrifft wie seinen Ruf als Person. Weshalb Prof. Ginette Katz-Roy (Universität Paris) die Wappendevise der Stadt Paris heranzog, um die Höhen und Tiefen der Anerkennung bzw. Nicht-Anerkennung dieses Autors zu beschreiben: "Von Wellen geschüttelt, doch nie versunken"

 

Kritik von Links wie Rechts

Warum sich die Geister scheiden, wenn von Lawrence die Rede ist, und vor allem welche Wirkungen sein Werk in den verschiedenen europäischen Ländern erzielte, war Thema des von Prof. Dr. Christa Jansohn, Leiterin des Bamberger Centre for British Studies (CBS), und von Prof. Dr. Dieter Mehl (Universität Bonn) organisierten Symposiums "The Cultural Appropriation of D.H. Lawrence in Europe" vom 10. bis 11. Dezember in Bamberg.

 

Nach fünfzehn Vorträgen von Lawrence-Experten aus Ost- und Westeuropa wurde deutlich, welche Faktoren für die Literaturrezeption entscheidend sind. Es sind einerseits die politischen und ökonomischen Zustände im jeweiligen Land und andererseits die Qualität der Übersetzungen. Am Beispiel Frankreich wurde deutlich, welche Phasen seine Rezeption durchlaufen hat. In den 1930er Jahren, so die französische Anglistin Ginette Katz-Roy, als in Frankreich die ersten Übersetzungen seiner Werke erschienen, entstand das Bild eines psychotischen Künstlers, der "Sexualität einem ethischen Wert gleichsetzte". In Norwegen dagegen kritisierten ihn die Linken wegen seiner angeblich faschistischen Tendenzen, während ihm die Rechten einen zu freizügigen Umgang mit Sexualität vorwarfen, erklärte Peter Fjågesund (Telemark University College, Porsgrunn). Seit den sechziger Jahren steigt jedoch Lawrence Popularität stetig, und zwar in beiden Ländern. Laut Katz-Roy ist Lawrence heute in Frankreich ein respektierter und respektabler Schriftsteller, der an Universitäten genauso präsent sei wie in den Medien und in philosophischen Diskussionen. Fjågesund beschreibt das Interesse der Norweger für Lawrence als halbherzig, die Menge an Verweisen und Diskussionen zu seinem Werk als bescheiden.

 

Qualität der Übersetzungen entscheidend

Wie wichtig die Qualität der Übersetzung für die Vermittlung des englischen Romanciers in eine andere Kultur ist, zeigte auch Prof. Stefana Roussenova von der Universität Sofia. Sie verglich eine frühe Übersetzung von "Sons and Lovers" ins Bulgarische mit einer aktuellen und stellte fest, dass diese der älteren in vielerlei Hinsicht, wie im Umgang mit stilistischen Problemen, der Wiedergabe von Dialekt, der visuellen Details und der Metaphorik überlegen sei. Den Mangel an modernen Übersetzungen in Dänemark beklagte dagegen Dorrit Einersen (Universität Kopenhagen).

 

Die weiteren Vorträge widmeten sich der kulturellen Aneignung von D.H. Lawrence in Russland, der tschechischen Republik, in Frankreich und Deutschland, Polen und Portugal, mit seinen Leistungen als Übersetzer ins Italienische und seinem Verhältnis zu England. Abgerundet wurde das Symposium durch die Lesung des Londoner Autors Geoff Dyer, der aus seinem genreübergreifenden Buch "Out of Sheer Rage" las, das zahlreiche Anspielungen auf Leben und Werk D.H. Lawrences enthält.

 

News Wintersemester 2004/2005 vom 21.12.04