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"Denn der Krieg ist etwas Bestialisches"

Ein ?europäischer Weltbürger? aus dem 17. Jahrhundert wird wiederentdeckt: Das deutsch-tschechische Comenius-Kolloquium hat begonnen. Die Ideen des tschechischen Philosophen Comenius von einem kreativen Frieden auf der Welt sind aktueller denn je.

Von Oliver Pfohlmann

Mehr Lob geht wohl nicht: Dr. Werner Korthaase, Vorsitzender der Deutschen Comenius-Gesellschaft (Berlin), beglückwünschte die Stadt und die Universität Bamberg nicht nur zu ihrer Forschungsstelle für ?Interkulturelle Philosophie und Comeniusforschung?. Er bezeichnete diese in seiner einführenden Rede zum Auftakt des deutsch-tschechischen Kolloquiums auch rundheraus als einen ?Glücksfall für Deutschland?. Werde doch hier an der überfälligen Wiederentdeckung eines ?europäischen Weltbürgers? gearbeitet, der heute fast nur noch als Pädagoge bekannt sei, aber mit seinen modernen Ideen, etwa für ein ?Weltfriedensgericht?, eine Weltorganisation der Wissenschaften und ein Konzil für alle Weltreligionen, seiner Zeit weit voraus gewesen sei.

 

?Lehrer der Völker?

In Tschechien wird der große mährische Philosoph Jan Amos Comenius (1592-1670) noch heute als ?Lehrer der Völker? bezeichnet. Wäre er es nur tatsächlich geworden, klagte Korthaase: Die Weltkriege wären der Menschheit erspart geblieben. ?Denn der Krieg ist etwas Bestialisches?, heißt es im philosophischen Testament des als Sohn eines Müllers geborenen Philosophen, der Jahrzehnte lang vor Religions- und Bürgerkriegen, Tod und Vertreibung auf der Flucht war. Anders als die von Kant im ruhigen Königsberg ersonnenen Konzepte zum Weltfrieden basierten Comenius? heute so überaus modern wirkenden Vorschläge auf leidvollen eigenen Erfahrungen, betonte Korthaase.

 

Prof. Max Peter Baumann, Dekan der Fakultät Pädagogik, Philosophie, Psychologie, erinnerte daran, wie wichtig es angesichts des Zusammenpralls der Kulturen im Zeichen des Terrors sei, das Projekt eines Weltethos, wie es Comenius verfolgt habe, fortzusetzen: ?Jenseits der Ethnisierungs- und Globalisierungsfallen ist der interkulturelle Dialog nötig?, mit dem Ideal einer ?planetarischen Aufmerksamkeit?, so Baumann. Das bis Freitag, 16. April im Schloss Geyerswörth stattfindende deutsch-tschechische Kolloquium bezeichnete er als ?einen Schritt auf diesem langem Weg?.

 

Zahlreiche Gäste, Wissenschaftler und Interessierte aus Deutschland, Tschechien und der Schweiz waren am Dienstagvormittag im Rokokosaal des Alten Rathauses zum Auftakt der viertägigen Veranstaltung erschienen, die anlässlich des 75. Geburtstages von Prof. Heinrich Beck stattfindet. Prof. Erwin Schadel, Leiter der Bamberger Comenius-Forschungsstelle, bedankte sich bei den Sponsoren, die diese Veranstaltung möglich gemacht hatten, darunter das Bayerische Sozialministerium. Er machte nachdrücklich auf die geistige Verwandtschaft von Comenius und Beck aufmerksam: ?Beide sind unverbesserliche Optimisten?, so Schadel, ?für beide ist eine integrale Weltauffassung kennzeichnend.? Das Anliegen der beiden Denker, die Suche nach Wegen zu einem Weltfrieden, deutlich zu machen, sei das Ziel des Kolloquiums.

 

Gefestigte Beziehungen zwischen Bamberg und Olmütz

Die besondere Aktualität von Comenius? Philosophie hob in ihrem in Vertretung verlesenen Grußwort die Bayerische Sozialministerin Christa Stewens hervor, unter deren Schirmherrschaft das internationale und interdisziplinär orientierte Kolloquium steht.. Das Bamberger Kolloquium verknüpfe die weitreichenden Reformbestrebungen dieses modernen Denkers des 17. Jahrhunderts mit dem in vielen Jahren durchgeführten interkulturellen Forschungsprojekt Heinrich Becks, würdigte die Ministerin die Leistungen des Jubilars. Nicht zuletzt diene das Kolloquium dazu, die Beziehungen zwischen der Bamberger Forschungsstelle und der Olmützer Palacký-Universität zu intensivieren. ?Auch mit Blick auf die unmittelbar bevorstehende Erweiterung der Europäischen Union ist eine solche deutsch-tschechische Kooperation im wissenschaftlichen Bereich wertvoll und zukunftsweisend?, so die Ministerin.

 

Die weiter gefestigten Beziehungen zwischen der Bamberger Otto-Friedrich-Universität und ihrer tschechischen Partneruniversität in Olmütz unterstrich die Rektorin der Palacký-Universität, Prof. Jana Mačáková: ?Ich bin überzeugt, dass diese Kontakte weiter bestehen bleiben werden, denn gerade in ihnen lebt Comenius? Idee von kreativer Zusammenarbeit der Denker aus verschiedenen Ländern weiter.?

 

Als Vertreter der Stadt Bamberg nutzte Bürgermeister Werner Hipelius die Gelegenheit, den tschechischen Gästen die kulturelle Bedeutung der Domstadt nahe zu bringen. Das Kolloquium bezeichnete er, auch mit Blick auf Bambergs Ambitionen in Sachen Europäische Kulturhauptstadt, ?als richtigen Weg zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit?. Den Jubilar Prof. Heinrich Beck beglückwünschte er zu dem ihm für seine langjährigen Leistungen und Verdienste verliehenen ?Bundesverdienstkreuz am Bande?.

 

Krieg als Vater aller Dinge?

Sichtlich gerührt nahm der so Geehrte die Glückwünsche entgegen und bedankte sich bei seinen Kollegen, vor allem bei Prof. Erwin Schadel und Prof. Arnulf Rieber, sowie der Stadt für das große Geschenk, das ihm mit dieser Tagung, einem ?europäischen und interkulturellen Ereignis?, gemacht werde. Beck erinnerte an Comenius? Definition von Frieden als einem Zustand der Ruhe aufgrund von Ordnung, ?so dass sich alles in Sicherheit befinde?. Eine zunächst konservativ scheinende Idee, die in Gegensatz zu jener von Heraklit und Hegel vertretenen Position stünde, wonach der Krieg der Vater aller Dinge sei. Die Spannung zwischen diesen beiden Positionen werde auch in vielen der kommenden Vorträge zu spüren sein, prophezeite Prof. Beck.

 

Das deutsch-tschechische Kolloquium ?Johann Amos Comenius ? Vordenker eines kreativen Friedens? anlässlich des 75. Geburtstages von Prof. Dr. h.c. Heinrich Beck findet vom 13.-16.4. im Schloss Geyerswörth, Bamberg, statt. Infos und Programm unter: www.uni-bamberg.de/ppp/philosophie/jac.html.

 

News Sommersemester 2004 vom 13.04.04