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"Das Handwerk des Tötens"

Über Fiktion und Realität in der Literatur Norbert Gstreins

Von Pressestelle

Mit seinem 2003 erschienenen Roman hatte der gebürtige Tiroler Norbert Gstrein eine Debatte im Feuilleton ausgelöst.

"Das Handwerk des Tötens"

"Wie ist es, jemanden umzubringen?" - Das und mehr erfuhren die Zuhörer an der Universität Bamberg bei der Lesung des Autors Norbert Gstrein in der Reihe "Literatur in der Universität".

Eigentlich harter Tobak für einen lauen Sommerabend: Norbert Gstreins Roman "Das Handwerk des Tötens", der sich mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien beschäftigt. Doch rund 40 Interessierte besuchten trotz Kellerwetter die Lesung des Suhrkamp-Autors, der auf Einladung des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literaturwissenschaft als Gast der Reihe "Literatur in der Universität" las.

Mit seinem 2003 erschienenen Roman hatte der gebürtige Tiroler eine Debatte im Feuilleton ausgelöst über die literarische Verarbeitung von Fakten: Wie soll ein Autor mit Realität und Fiktion umgehen? Ausgangspunkt war die Widmung Gstreins, die er seinem Text vorangestellt hatte: "Zur Erinnerung an Gabriel Grüner (1963-1999), über dessen Leben und Tod ich zu wenig weiß, als dass ich davon erzählen könnte." Grüner war als Reporter für den stern unterwegs, als er am 13. Juni 1999 im Kosovo erschossen wurde. Gstrein nahm das Schicksal des Journalisten, mit dem er in losem Kontakt stand, zum Anlass, ein Buch darüber zu schreiben, "wie man über Krieg schreiben kann bzw. nicht schreiben kann", so der Autor bei seiner Lesung in Bamberg.

"Das Handwerk des Tötens"

Parallelen zu Grüner kann der Leser auch im Roman entdecken: Christian Allmayer, ein österreichischer Reporter, der seit Beginn des Jugoslawien-Krieges aus der Kriegsregion berichtet, kommt im Sommer 1999 im Kosovo um. Paul, Schriftsteller und Reisebericht-Verfasser, der Allmayer aus Studienzeiten kennt, macht sich auf Spurensuche auf dem Balkan. Er möchte einen Roman über diesen zum "Fall" gewordenen Journalisten schreiben. Zusammen mit seiner Freundin Helena, die dalmatinische Wurzeln hat, und dem namenlosen Ich-Erzähler reist er durch die früheren Kriegsgebiete in Kroatien und Bosnien, um sich inmitten der immer noch sichtbaren Zerstörungen ein Bild von der Arbeit eines Kriegsberichterstatters zu machen.

Dreifache Perspektive

Bereits auf formaler Ebene hat diese dreifach vermittelte Perspektive des Buches bei den Kritikern Kontroversen hervorgerufen: Iris Radisch bezeichnete diese literarische Spielfigur aufgrund der "fehlenden Virtuosität des Autors" als "angestaubt", "pflichtmäßig und mechanisch". Heribert Kuhn hingegen zeigt sich in seiner Rezension in der Frankfurter Rundschau beeindruckt von dieser "Schachtelung", die eine Distanzierung schaffe, die bei allem Abstandhalten gleichzeitig Platz für eindringliche Schilderungen von "Entwirklichung, Mord und Krieg" lasse.

Wie ist es, jemanden umzubringen?

Das erfuhren auch die Zuhörer an der Universität Bamberg bei der Lesung Gstreins. Als Leitfaden für seine Textauswahl diente dem Autor die im Roman immer wieder aufgeworfene Frage "Wie ist es, jemanden umzubringen?". "Es gibt in meinem Roman eine Situation an der serbisch-kroatischen Front, in der ein kroatischer Kriegsherr Allmayer auffordert, es doch selbst auszuprobieren, nachdem der ihm die Frage gestellt hat (...). Dann drückt er ihm ein Gewehr in die Hand und nötigt ihn, es auf einen serbischen Gefangenen anzulegen, den er zuvor über das Niemandsland zwischen den feindlichen Stellungen gejagt hat. Das ist der Kern der Geschichte", so Gstrein in einem Interview mit dem STANDARD. Und auch bei seiner Lesung in Bamberg brachte er eben diese zentrale Textstelle zu Gehör. Wie lange kann ein Kriegsberichterstatter lediglich Beobachter bleiben, wann wird er selbst zum Beteiligten?

Vorwurf und Entgegnung

Den Vorwürfen, Gstrein sei pietätlos mit dem Schicksal Grüners umgegangen " "üble Nachrede" unterstellte ihm gar Iris Radisch", entgegnete der Autor mit einem Essay "Wem gehört eine Geschichte?", der 2004 bei Suhrkamp erschien. Auch aus ihm las er markante Stellen vor und stellte sich anschließend der Diskussion mit dem Publikum. Hier plauderte der Schriftsteller dann auch aus dem literaturbetrieblichen Nähkästchen: wer mit welcher Taktik und welchem Vorwurf versucht hatte, das Erscheinen des Romans zu verhindern, und wie in den Feuilletons regelrecht das Jagdfieber ausgebrochen war, alle im Text Gstreins auftauchenden Figuren und Positionen zu Krieg und Schreiben zu entschlüsseln. Dabei habe er lediglich versucht, das Schreiben über Krieg durch das Einbauen der verschiedenen Verhaltens- und Vorgehensweisen von Intellektuellen und Schriftstellern in Bezug auf Krieg zu reflektieren. Seine Antwort, so Gstrein, sei ein großes NEIN zu allen Positionen: "So kann man nicht über Krieg schreiben."

Einer Frage aus dem Publikum musste sich Gstrein zum Abschluss noch stellen: Wie weit hat er selbst die Position eines Beobachters verlassen und ist so durch das Schreiben des Romans "Kriegsteilnehmer" geworden? Gstreins Antwort: Durch die gebrochene Perspektive sei er nur "Beteiligter in den Nachkriegslandschaften", zum Glück nie selbst in den Krieg involviert gewesen. Die Leere dieser Nachkriegslandschaften sei jedoch sein größter schriftstellerischer Antrieb gewesen.

Die Debatte um das Verhältnis von Realität und Fiktion in der Literatur konnte dieser Abend natürlich nicht entscheiden. Aber er konnte Denkanstöße geben - und auch Anregungen für neue Lektüre.

News Sommersemester 2005 vom 01.08.05