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Biedermeier in Rost?

Luginbühls Schrottplastiken erregen noch immer die Gemüter. Der Philosoph Roland Simon-Schaefer wundert sich, dass sich Bambergs Bürger von ?ollen Kamellen? schocken lassen. Bei vielen Studierenden wächst das Interesse an der Kunst aus Altmetall.

Von Caroline Alsheimer

Seit Mai stehen in der Bamberger Innenstadt zwanzig Plastiken aus Altmetall des Schweizer Künstlers Bernhard Luginbühl. Neben dem Schönleinsplatz und dem Alten Rathaus wurde auch An der Universität 5 als Standort ausgewählt; ein rostroter ?Jadeanker? ruht vor der ehemaligen Teilbibliothek 4. In der Stadt mit Ambitionen auf den Titel der Kulturhauptstadt Europas sind die zusammengeschraubten und -geschweißten Ausstellungstücke aus Schrott umstritten. Viele Bürger haben sich in Leserbriefen im ?Fränkischen Tag? über die ?Verschandelung? ihrer Stadt beschwert. Studierenden der Domstadt begegnen dagegen der eigenwilligen Kunst des Schweizers nach anfänglicher Skepsis mit wachsendem Interesse.

 

Anregendes ?Schrott-Recycling?

Nach einer ersten Eingewöhnungszeit empfinden viele von ihnen die tonnenschweren Plastiken Luginbühls, bestehend aus Baggerschaufeln, Abrissbirnen und Schiffsschrauben, als Bereicherung: ?Das ist Schrott-Recycling?, erklärt Claudia Huber. Verschleiß und Alterung, Vergänglichkeit und Wiederverwertung von Materialien in einer Wegwerfgesellschaft, das alles behandle der Schweizer in seinen Plastiken. Die Psychologiestudentin schlendert gerne an den Luginbühlschen Artefakten vorbei, denn der rostige Baustahl und die Riesenkugeln ?regen die eigene Vorstellungskraft an?. Hanna Spengler, Studentin der Germanistik, erfreut sich ebenfalls an Luginbühls Plastiken. Sie wünscht sich allerdings zusätzlich Informationsschilder zur Kunst in der Stadt, ?diese könnten das jeweilige Kunstwerk erläutern?.

 

Schilder mit Erläuterungen, eine Idee, die auch von Karl-Konrad Seufert, Professor für Kunstpädagogik und Kunstdidaktik an der Universität Bamberg, stammen könnte. Werden Laien unvermittelt mit moderner Kunst konfrontiert, sei eine anfängliche Abwehrhaltung ganz natürlich; auch unter Studierenden: ?Viele meiner Studenten sind mit dieser Form von Kunst anfangs skeptisch umgegangen.? Nach Diskussionen haben sich die meisten jedoch den Plastiken geöffnet und seien vorsichtiger damit geworden, vorschnell zu urteilen. Viele haben die von den Schrottteilen ausgehende Assoziationskraft als eine ?wesentliche Quelle der Luginbühlschen Inspiration? erkannt.

 

Verschlafenes Bamberg

Die ablehnende Haltung vieler Bürger gegenüber Luginbühl wertet Seufert als ein Phänomen, dass Aufschluss gibt über das "fehlende Bewusstsein für Kunst" in der Bevölkerung. Drastischer drückt sich der Philosophie-Professor Roland Simon-Schaefer aus. Er nennt die Domstadt ein mediales Dorf: "Bamberg ist eine entzückende Barockstadt für Antiquitätenkäufer. Dass olle Kamellen die Bürger schocken, zeigt, wie verschlafen die Stadt ist." Schließlich habe Luginbühl mit seinem ?Biedermeier in Rost, mit Kunst, die in den sechziger Jahren ihre Konjunktur hatte", kaum Chancen auf aktuellen Kunstmessen. Der Philosoph sieht durch Luginbühl aber eine Chance für die Stadt und ihre Einwohner: "Das Barockensemble tut gut daran, sich eines Kontrastes zu bedienen." Simon-Schaefer hofft durch die so anwesende Moderne auf einen fruchtbaren Dialog zwischen Bürgern und Kunst.

 

Der Bamberger Kunsthistoriker Kurt Ruppert lobt den pädagogischen Ansatz des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, mit moderner Kunst im öffentlichen Raum auf die Einwohner Bambergs zuzugehen. Positiv sei auch, dass den oftmals nicht gerade von Kunst verwöhnten Studierenden an ihrem Studienort die Möglichkeit gegeben wird, ästhetische Erfahrungen zu machen, die ?ihren im Regelfall üblichen kulturellen Einzugsbereich und Erfahrungsraum erheblich erweitern?. Spuren einer solchen Begegnung sind seit kurzem am ?Jadeanker? zu sehen, wo ein unbekannter Graffitikünstler Luginbühls Plastik verziert hat.

 

Auch Holzmodelle und Druckgraphiken

Bernhard Luginbühl wurde am 16. Februar 1929 in Bern geboren. Von 1945 bis 1948 absolvierte er an der Kunstgewerbeschule eine Bildhauerlehre. Seitdem arbeitet er als freier Künstler. Auf der Suche nach neuen Materialien und Ausdrucksformen stieß Luginbühl schon früh auf Schrott. Seit den fünfziger Jahren setzt er sich mit diesem Medium auseinander. Heute lebt Luginbühl zusammen mit seiner Familie in Mötschwil. Er gehört zu den bedeutendsten lebenden Bildhauern.

 

Neben den Plastiken in der Innenstadt werden noch bis zum 12. September in der Villa Concordia kleinere Werke, darunter zahlreiche Holzmodelle und Druckgraphiken, des mittlerweile 75-jährigen Künstlers ausgestellt. Der Eintritt beträgt 2 Euro, für Studierende 1 Euro.

Die Öffnungszeiten sind dienstags von 18 bis 21 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr. Weitere Informationen über zur Großplastikenausstellung finden Sie im Internet: www.villa-concordia.de

 

News Sommersemester 2004 vom 08.06.04