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Bambergs Vinzentinerinnen mit Kunstprojekt gewürdigt

Studierende der Kunstpädagogik setzen den Ordensschwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul im Innenhof der ehemaligen Staatlichen Frauenklinik Bamberg, dem Marcushaus, ein Denkmal.

Von Viktoria Jerke

Eine Gruppe von Studierenden befindet sich im Innenhof des Marcushauses. Sie diskutieren, während sie auf dem Rasen und den Wegen hin- und herlaufen. Erst formieren sie sich zu einem Viereck, dann zu einer Linie, schließlich zu einem Kreis, den sie mal enger, mal weiter ziehen; Fotos werden gemacht. Ab und zu hört man Wortfetzen wie "Stelen", "Köpfe" oder "Beton". Lange wird diskutiert, wo das Denkmal stehen soll. Selbst als es zu regnen anfängt, unterbrechen die Studenten und ihr Tutor die Suche nach dem optimalen Standort nicht. Schließlich soll das gemeinsame Projekt unter dem Titel "Die Anonyme Krankenschwester" wirkungsvoll präsentiert werden.

 

Revolutionärer Frauenorden

Die Bamberger Universität nutzt viele Gebäude, die ursprünglich einem anderen Zweck dienten. So ist die jetzige AULA eine ehemaligen Kirche des Dominikanerordens, und das Gebäude U9, wo heute die Anglistik untergebracht ist, diente einst als Feuerwehrhaus. Nicht anders verhält es sich mit dem Marcushaus, wo heute die Fakultät Pädagogik, Philosophie und Psychologie (PPP) untergebracht ist. Jahrzehntelang war es die Staatliche Frauenklinik. Schon 1804 wurde in Bamberg eine öffentliche Entbindungsanstalt mit einer Hebammenschule gegründet. Seinerzeit die fortschrittlichste Medizinalausbildungsstätte Deutschlands, wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg zur Staatlichen Frauenklinik und Hebammenschule Bamberg erhoben. Das Marcushaus, benannt nach dem berühmten Bamberger Arzt Dr. Adalbert Friedrich Marcus (1753-1816), wurde 1906 erbaut und bis 1968 als Frauenklinik genutzt, die später dem Klinikum eingegliedert wurde. Erst 1988 - nach Umbau und Sanierung des Altbaus - konnte die Universität einziehen.

 

Die Besonderheit der Frauenklinik lag in der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und den "Töchtern der christlichen Liebe", den Schwestern des evangelischen Ordens der Vinzentinerinnen, der 1633 in Paris vom Heiligen Vinzenz von Paul gegründet wurde. Im Vergleich zu anderen christlichen Orden gab es bei den Vinzentinerinnen weder ein ewiges Gelübde noch Klausur. Die Schwestern waren für die damalige Zeit revolutionär, weil sie als erste außerhalb von Klostermauern ohne Schleier und Ordenstracht arbeiteten. Ihre Hauptaufgabe war und ist bis heute die Betreuung von Alten, Kranken und Waisenkindern. Die Vinzentinerinnen arbeiteten in Bamberg bis zur Schließung des Hauses in den achtziger Jahren ehrenamtlich in der Staatlichen Frauenklinik. Von dieser Zusammenarbeit wissen heute allerdings nur wenige, denn eine besondere Würdigung haben die Schwestern für ihr Schaffen bis dato nicht erfahren.

 

Kunstprojekte mit frauenspezifischen Fragestellungen

Schon vor drei Jahren hat Doris Eggenhofer, akademische Oberrätin am Lehrstuhl für Kunstpädagogik und Kunstdidaktik, mit einem Kunstprojekt für Aufsehen gesorgt. Sie stellte die biblische Mörderin Judith in den Vordergrund einer Ausstellung, die in der U2 zu sehen war. Ihrem Fach attestiert die engagierte Kunstpädagogin einen besonderen Bezug zu frauenspezifischen Fragestellungen. Das liege nicht zuletzt am hohen Anteil weiblicher Studierender der Kunstpädagogik und Kunstdidaktik (95 Prozent).

 

Mit dem Projekt ?Die Anonyme Krankenschwester? will Doris Eggenhofer auf die aufopferungsvolle Tätigkeit der Vinzentinerinnen in Bamberg aufmerksam machen. Gibt es doch bislang nicht einmal eine Gedenktafel, die an die Schwestern erinnert. Das geplante Denkmal soll jedoch nicht einer einzelnen Schwester gedenken, sondern allen, die je in der Klinik gearbeitet haben, daher ?anonym?.

 

"Nicht selten haben die Schwestern ihr gesamtes Leben hier verbracht", so Eggenhofer. Lange habe sie die Idee zu diesem Vorhaben mit sich herumgetragen, bis sie zur Umsetzung einen fähigen Tutor in Gestalt des in Oberfranken ansässigen Bildhauers Martin Schambach gefunden habe. Gemeinsam wurde das Projekt geplant und als zweisemestrige Übung "Kunst im öffentlichen Raum I + II" angeboten.

 

Neun auf Stelen platzierte Büsten

Das Denkmal für die Schwestern wird aus neun Porträtbüsten bestehen, die auf Stelen platziert werden. Diese Büsten wurden von den Studierenden im Laufe eines Jahres angefertigt. "Eine Herausforderung ist das Projekt schon gewesen", bestätigt Iris, eine Lehramtsstudentin, denn keiner ihrer Kommilitonen hatte sich vorher mit Bildhauerei beschäftigt. Besonders schwierig sei das Modellieren der Köpfe gewesen, da kleine Fehler sofort auffielen. Auch erwies sich das Projekt schon bald als sehr zeitintensiv.

Im ersten Teil der Übung im vergangenen Wintersemester wurden die Arbeiten aus Ton geformt, was von allen Teilnehmern ein hohes Maß an künstlerisch-handwerklichem Niveau verlangte. Jetzt im Sommersemester wurden Negativformen aus Gips angefertigt und mit Beton ausgegossen, um so witterungsbeständige Arbeiten zu schaffen.

 

Neben dem künstlerischen Aspekt galt es auch, die organisatorischen Seiten des Projekts zu bedenken; einige Teilnehmer kümmerten sich ausschließlich darum. Plakate mussten entworfen, Ämter zur Genehmigung einer dauerhaften Ausstellung im Innenhof des Marcushauses kontaktiert werden. Auch eine lehrstuhlinterne Präsentation führten die Teilnehmer durch. "Auf jeden Fall konnte man eine Menge Erfahrungen sammeln, die auch für das spätere Berufsleben wichtig sein können", erklärten sie übereinstimmend.

 

Maximale Aufmerksamkeit als Ziel

Bis zur Aufstellung gibt es jedoch noch immer eine Reihe von Fragen zu klären. So müssen die Porträtbüsten gut platziert werden, um den maximalen Grad an Aufmerksamkeit zu erreichen. "Kunst muss entweder schockieren oder durch Masse beeindrucken, um wahrgenommen zu werden", erklärt Doris Eggenhofer. Daher sei die Position des späteren Denkmals von großer Bedeutung. Auch "die Höhe der Stelen spielt eine entscheidende Rolle", ergänzt Martin Schambach. So müssen sich die Teilnehmer mit Problemen auseinander setzen, an die sie bislang kaum gedacht haben. Viele Diskussionen sind nötig, um eine ideale Präsentation zu erzielen, und die feierliche Aufstellung muss organisiert werden.

 

Ideelle Unterstützung erhält das Projekt u.a. vom Dekan der Fakultät PPP, Prof. Dr. Max P. Baumann. Als dieser die im Rahmen der Hegelwoche 2004 in der AULA erstmals der Öffentlichkeit präsentierten Büsten sah, sagte er spontan zu, die Antragstellung - Kunst im öffentlichen Raum muss genehmigt werden - zu befürworten.

Die Stelen selbst werden von der Bauabteilung der Universität hergestellt. Der Lehrstuhl für Kunstpädagogik und Kunstdidaktik kam für die Materialkosten auf. Rechtzeitig zur Aufstellung soll das Projekt auch im Internet vorgestellt und dokumentiert werden. Zu der für das kommende Wintersemester geplanten Aufstellung werden viele Gäste erwartet, darunter auch Gäste, die einst dank den Vinzentinerinnen im Marcushaus das Licht der Welt erblickt haben.

 

News Sommersemester 2004 vom 03.08.04