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"Are there any motions on the floor?"

Wie entstehen UN-Resolutionen? Außerhalb der Verhandlungsräume, in kleinen Gruppen. Manchmal gar auf dem Fußboden. Bamberger Studierende übten sich bei den Vereinten Nationen in New York in der Kunst der Diplomatie.

Von Stefanie Hülle

New York, wir kommen! Wir, 14 Studierende der Soziologie, Politologie und Wirtschaft, bekamen im April dieses Jahres die Gelegenheit, die Arbeit von Diplomaten einmal selbst auszuprobieren. Schirmherr war der Bamberger Lehrstuhl für Internationale Politik.

 

Angolas neue Repräsentanten

"National Model Of United Nations" (NMUN): so heißt das Projekt, zu dem jährlich über 3000 Studenten aus aller Welt in New York zusammenkommen. Das 1947 gegründete NMUN gehört zu den weltweit größten und professionellsten politischen Simulationen, selbst die UN stellt ihre Hauptgebäude zur Verfügung.

 

Jede teilnehmende Universität stellt eine Delegation von Studierenden, die ein Land oder eine Nichtregierungsorganisation (NGO) in den verschiedenen Komitees der UN wie dem Sicherheitsrat oder der Generalversammlung vertreten. Ziel ist es, diplomatisches Verhalten zu lernen, politische Theorie in die Praxis umzusetzen und schließlich durch internationale Kontakte die Völkerverständigung voranzubringen. 1987 nahmen erstmals auch deutsche Studierende teil.

 

Die Universität Bamberg bekam von den ehrenamtlichen Organisatoren in New York das Land Angola zugewiesen. Wichtiges Kriterium für die Zuordnung war die Größe der Gruppe und damit die Anzahl der Komitees und UN-Gremien, in das die Delegation für ein Land Vertreter "entsenden" konnte.

 

Nuklearfreie Zonen und die Zukunft Nordkoreas

Vor der Reise nach New York stand die Vorbereitung auf dem Programm. Schließlich sollte das südwestafrikanische Land Angola bestmöglich vertreten werden. Ein Tutorium des verhandlungserfahrenen Bamberger Dozenten Dr. Sebastian Oberthür und Erfahrungsberichte anderer NMUN-Teilnehmer halfen weiter: Wir lernten typische diplomatische Verhaltenscodes und Abstimmungsverfahren und recherchierten Themen, die auf der Tagesordnung der Komitees standen.

 

Dort sollten beispielsweise in der Internationalen Atomenergiebehörde die stabile Zukunft Nordkoreas, in der Generalversammlung die Etablierung von nuklearfreien Zonen oder in der Weltintelligenzbehörde Patentschutz und Zugang zu Medikamenten diskutiert werden. Um die Reise zu finanzieren ? immerhin sollte die Konferenz im Hilton in Manhattan stattfinden ? mussten wir Sponsoren finden.

 

Von den Wänden bröckelt der Putz

Am 6. April, dem ersten Konferenztag, fanden sich alle Bamberger Teilnehmer in New York ein. Die Stadt der Wolkenkratzer, Menschenmassen und gelben Taxis hatte sie in ihre Arme geschlossen. Der Diplomatenalltag begann mit einer Eröffnungsfeier im UN-Hauptgebäude. Nach langen Sicherheitskontrollen liefen wir, stolz und aufgeregt, endlich die elegant geschwungenen Treppen zum großen Konferenzsaal der Generalversammlung hinauf.

 

Ein wenig enttäuschend war, dass das Gebäude so einfach und funktional gestaltet ist, an einigen Stellen bröckelt sogar der Putz. Der Saal der Generalversammlung ist jedoch beeindruckend: Ein goldfarbener Teil der Wand bildet den Rahmen für das Emblem der Vereinten Nationen, und in riesigen Runden sind die Sitzplätze für die Delegierten aller Länder darum herum angeordnet. Die Begrüßungsrede hielt Jean-Marie Guéhenno, der UN-Untergeneralsekretär für Friedensmissionen.

 

In den verschiedenen Konferenzsälen des Hilton fanden die ?Komitees? und ?UN-Organe? ihren Platz. Unentbehrliches Utensil dabei ist das ?Placard? ? ein längliches Pappschild, das den Schriftzug des vertretenen Landes trägt. Es dient dazu, die Präsenz eines Repräsentanten und seine Stimme bei Abstimmungen zu signalisieren. Ohne das Placard ist es unmöglich, sich unter den vielen Delegierten auch nur einen Sitzplatz zu erkämpfen.

 

Fußboden-Diplomatie

Die Verhandlungen beginnen meist mit einer formellen Begrüßung und einem so genannten ?Roll Call?. Indem jedes Land aufgerufen wird, prüft man Anwesenheit und Wahlbereitschaft. ?Are there any motions on the floor?? Mit dieser Frage lädt der Vorsitzende zu den Anträgen der Diplomaten ein. Dabei geht es zunächst um die Reihenfolge der Themen, die diskutiert werden sollen: Die Vertreter der Seychellen heben zuerst ihr Schild. Die Redezeit soll festgelegt werden. Danach die Vertreter Kongos: Die Unterbrechung der offiziellen Verhandlungen wird gewünscht. Und so weiter ... Die anschließenden Abstimmungen über die Anträge bestimmen, auf welche Weise die Verhandlung fortgeführt wird.

 

Üblicherweise werden die Verhandlungen unterbrochen und mit einer Diskussion auf informeller Ebene ? dem so genannten Caucus ? fortgesetzt, wenn wichtige inhaltliche Angelegenheiten zuerst zwischen den Ländervertretern geklärt werden müssen. Dazu gehört etwa die Reihenfolge der zu diskutierenden Themen. Später debattiert man vor allem über Teile der Resolutionen, die in jedem Komitee verabschiedet werden sollen. Die Caucus-Phase bietet die optimale Gelegenheit, mit anderen Vertretern zu koalieren, Allianzen zu bilden und Landesinteressen mitzuteilen.

 

Oft entstanden Grüppchen, die außerhalb des Verhandlungssaals auf Fluren und Fußböden diskutierten und Resolutionen entwarfen. Innerhalb dieser kleinen Interessensgruppen fand dann die eigentliche Diplomatie statt: Hier war es besonders wichtig, verschiedene Meinungen zu akzeptieren, kompromissbereit zu sein und zugleich den richtigen Umgangston zu wahren. Natürlich dominierten oft die englischen und amerikanischen Muttersprachler die Debatten, da sie schneller und energischer kommunizieren konnten ? allerdings nicht immer mit Rücksicht auf korrekte diplomatische Umgangsformen.

 

Wie Politik gemacht wird

In den folgenden Tagen verabschiedeten wir auf diese Weise mehrere Resolutionen und Reports. Auch wenn wir mit unserer Arbeit die Probleme der Welt nicht lösen konnten: Die Erfahrung, selbst einmal bei internationale Verhandlungen mitzumischen, mitzuerleben, wie Politik gemacht wird und wie diplomatische Teams funktionieren, war einzigartig.

 

Voraussichtlich wird auch im kommenden Jahr eine Bamberger Delegation nach New York fahren. Wer diese einzigartige Gelegenheit, graue Unitheorie in diplomatische Praxis umzusetzen, nutzen will, meldet sich am besten bei katrin.sommerfeld@gmx.

 

News Sommersemester 2004 vom 02.06.04