In Erdkundebüchern war Breunsdorf bei Leipzig lange Zeit Paradebeispiel für ein Straßendorf. Sein Abbruch durch Braunkohlebagger bot Archäologen eine einmalige Gelegenheit.
Auch wenn der Name vielleicht unbekannt sein mag, so dürfte doch vielen Breunsdorf bei Leipzig zumindest indirekt bekannt sein: Lange Jahre diente der Ort in Erdkundebüchern und Schulatlanten als Paradebeispiel für ein typisches Straßendorf. Doch warum widmete man am 11. Mai dieser sächsischen 600 Seelen-Gemeinde die Auftaktveranstaltung des Archäologischen Kolloquiums? Bereits nach den ersten einleitenden Dias wurde dies schnell deutlich: Wunderte man sich vielleicht zunächst noch über die riesigen Braunkohlebagger in bedrückender Nähe zum Dorfrand, so boten die anschließenden jüngeren Dias ein Bild der Zerstörung. 1994 hat Breunsdorf aufgehört zu existieren. Das Stichwort lautet Devastierung. Das Dorf wurde komplett abgebrochen und musste dem Tagebau weichen.
Fundgrube für Mittelalter-Archäologen
Für die 600 Einwohner dürfte der Abbruch ihres Dorfes einen dramatischen Lebenseinschnitt bedeutet haben, für Wissenschaftler der verschiedensten Fachgebiete bot er hingegen eine einmalige Gelegenheit: Bauforscher, Historiker, Volkskundler, Archäologen, ja sogar Botaniker arbeiten bis heute die Ortsgeschichte in einem bislang vergleichslosen Projekt auf. Unter den Forschern war auch Dr. Hauke Kenzler vom sächsischen Landesamt für Archäologie in Dresden, der den Bamberger Studierenden seine Forschungsergebnisse anhand von Dias in einem prägnanten und informativen Vortrag präsentierte.
Am Anfang stand die Enttäuschung. Keiner der 1994 noch stehenden Bauernhöfe stellte sich als älter als 270 Jahre heraus. Eine Besonderheit, die für ganz Sachsen charakteristisch ist, so Kenzler. Dennoch lassen sich die Ausgrabungen in Breunsdorf ohne Zweifel als Mittelaltergrabung bezeichnen, da die entdeckten Vorgängerbauten ungleich älter waren. Mit rund 20 Hektar sei das Projekt zugleich auch die größte Mittelaltergrabung in Deutschland. Über 15 000 Funde wurden in der Zeit der Grabungen unter den Höfen, der Kirche und dem Friedhof von den Archäologen der Erde entlockt.
Siedlung um den Gottesacker
Vieles, so Kenzler, sei an baulichen Entwicklungen in Breunsdorf ganz nach bekannten Schemata abgelaufen: Die spätgotische Dorfkirche mit ihrem um 1500 gebauten Dachstuhl beispielsweise durchlief ganz regelmäßig die vorhergehenden Architekturstile. So lässt sich heute mit den Methoden der modernen archäologischen Forschung ein erster Bau um ca. 1200 rekonstruieren und schrittweise die Veränderung hin zum spätgotischen Bau aufzeigen. Ein Brunnen, der sich auf das Jahr 1138 datieren lässt, gehöre, so Kenzler, zu den ältesten Bereichen des Dorfes, das urkundlich erst 1267 erstmals erwähnt wird.
Erstaunliche Ergebnisse ergab auch die Untersuchung der Gebäudereste unter der freigelegten Dorfstraße: Gebäude aus dem 12. Jahrhundert reihen sich in ungeregelter Struktur um den auf einer Anhöhe gelegenen Friedhof. Ein klarer Verweis also darauf, dass Breunsdorf nicht immer ein Straßendorf par excellence gewesen sein kann. Diese und zahlreiche andere Erkenntnisse, die man bei der Erforschung des Ortes gewonnen habe, werden nun in einer eigenen Reihe veröffentlicht. Das Dorf selbst aber, so Dr. Hauke Kenzler nicht ohne einen Hauch von Wehmut, existiere nunmehr nur noch in Dokumentationen. Die Braunkohlebagger werden sich vermutlich noch im Laufe dieses Jahres durch das Siedlungsgebiet gefressen haben. Ein Schicksal, das Breunsdorf mit gut 50 anderen Dörfern der Umgebung teile.
Archäologische Themen ins Blickfeld gerückt
Kenzlers Ausführungen über die Erforschung Breunsdorfs bei Leipzig standen am Anfang der fünf Vorträge des Archäologischen Kolloquiums im Sommersemester 2004. Ausgerichtet wird das Kolloquium auch dieses Jahr von der Professur für Ur- und frühgeschichtliche Archäologie, der Professur für Islamische Kunstgeschichte und Archäologie sowie vom Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, bei der Hauke Kenzler zum Wintersemester eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent antreten wird.
Auch in den nächsten Wochen werden jeweils dienstags um 19.15 Uhr noch vier weitere Veranstaltungen im Hochzeitshaus, Am Kranen 12 (Raum 201) die Möglichkeit dazu geben, sich über aktuelle archäologische Forschung zu informieren. Auf dem Programm stehen ausgewählte Arbeitsbeispiele der Burgenforschung (25. Mai), die ältesten Nachweise für das Rad in Bayern (8. Juni), neue Feldforschungen in Zafar/Jemen: die Hauptstadt von Himyar (22. Juni) sowie Siedlungs- und Landschaftsarchäologie (6. Juli).
News Sommersemester 2004 vom 17.05.04