Ringvorlesung des Zentrums für Mittelalterstudien eröffnet

Sein ‚sonderbares’ Verhalten zeugt von taktischem Geschick: Heinrich II. (Bild: Miniatur aus dem Sakramentar Heinrich II., heute in der Bayerischen Staatsbibliothek München; Quelle: Wikimedia)
Den Bischöfen auf der Allerheiligensynode des Jahres 1007 in Frankfurt bot sich ein wahrlich seltsames Bild: Der gesalbte, militärisch erfolgreiche Herrscher Heinrich II. warf sich vor ihnen zu Boden und flehte sie an, ihm ihre Zustimmung für die Gründung des Bistums Bamberg zu erteilen. Wie kam es zu einer solchen Szene, und was lag Heinrich II. daran, gerade dieses Bistum einzurichten? Der Bamberger Mittelalterhistoriker Prof. Dr. Klaus van Eickels nahm sich das in unseren Augen sonderbare Verhalten zum Ausgangspunkt, mit seinem Vortrag zu „Bistumsgründungen um das Jahr 1000“ die diesjährige Ringvorlesung des Zentrums für Mittelalterstudien (ZEMAS) zu eröffnen. Pünktlich zum Bistumsjubiläum beleuchtet diese Vortragsreihe immer montags um 20 Uhr im Hörsaal 025 An der Universität 2 ganz unterschiedliche Aspekte zu Bistumsgründungen, dem Bamberger Bistum speziell und dessen Rolle in der Welt des Mittelalters.
Das Verfahren, das Heinrich II. wählte, sei gar nicht so außergewöhnlich, meinte Klaus van Eickels, der zudem der geschäftsführende Direktor des ZEMAS ist. „Emotionen öffentlich in dramatisch inszenierten Gesten zu äußern war ein wesentlicher Bestandteil der symbolischen Kommunikation mittelalterlicher Öffentlichkeit.“ – Daraus erkläre sich auch das dezidierte Fernbleiben eines von Heinrichs größten Gegnern bei der Bamberger Bistumsgründung: des Bischofs von Würzburg, dessen Diözesangewalt Bamberg bislang unterstand. Es gab, so Klaus van Eickels, keine Kultur des öffentlichen ‚Nein-Sagens’, jede offen geäußerte Ablehnung galt im Mittelalter als Provokation.
Welche Gründe lassen sich aber für die Bistumsgründung finden? Die Quellen nennen dazu ein Motiv eindeutig an erster Stelle: Heinrich wollte Christus als Erben einsetzen, da er auf eigene Kinder nicht mehr hoffen konnte. Ein Motiv, das durchaus ernst zu nehmen sei, so Klaus van Eickels: „Das eigene Seelenheil hing aus der Sicht der mittelalterlichen Gläubigen entscheidend vom fürbittenden Gebet ab. In erster Linie waren dazu die Nachkommen verpflichtet.“ – Wer nun allerdings wie Heinrich II. über keine eigenen Nachkommen verfügte, konnte geistliche Institutionen in Anspruch nehmen, die das Gebet als geistliche Dienstleistung gegen Bezahlung anboten. Einfacher hätte Heinrich es allerdings gehabt, wenn er dies etwa durch eine Klostergründung umgesetzt hätte, so van Eickels, der weitere Motive für die königliche Bistumsgründung anführte: Die konkrete Ausführung der Gründung sei von den Ordnungsvorstellungen und den politischen Zielen Heinrichs bestimmt gewesen.
Die Bistumsgründung ermöglichte Heinrich eine weitgehende materielle Entleerung der bayerischen Herzogsgewalt, die er auf Dauer nicht in seinen eigenen Händen halten konnte. Die Gründung eines Bistums stellte zudem für den König, erläuterte Klaus van Eickels, eine Gott wohlgefällige Tat dar. Für alle Könige und Kaiser des Mittelalters gelte, dass sie den ihnen als Herrscher zukommenden Schutz der Kirche auch als Verantwortung für die innere Ordnung der Kirche begriffen.
Van Eickels zeigte, dass Heinrich, der in Hildesheim eine Ausbildung zum Geistlichen erfahren hatte, ein besonders differenziertes Verständnis der kirchlichen Fragen zueigen war. Auch fühlte sich der König verpflichtet, die Ordnungsstrukturen der weltlichen Herrschaft und der Kirche seines Reiches so zu gestalten, dass sie dem Glauben und Seelenheil seiner Untertanen zuträglich war. Dazu gehörte, so van Eickels, auch die Bistumsorganisation. Bis in diesem Gebiet die Päpste im Zuge der Kirchenreform des 11. und 12. Jahrhunderts selbst entscheidend eingriffen, mussten also Herrscher wie Heinrich II. mit der Bistumsgründung von Bamberg oder etwa Otto der Große im Fall Magdeburgs und Merseburgs tätig werden. Heinrichs seltsames Verhalten, das – wie Klaus van Eickels zeigte – den Kommunikationsformen des Mittelalters entsprach, war also keineswegs nur frommer Selbstzweck eines kinderlosen Herrschers, sondern ein Schachzug in politischen und territorialen Ordnungsbestrebungen.
News Sommersemester 2007 vom 09.05.07