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15 Eckpunkte einer abgestimmten Universitätsentwicklung

"Vision UniBay 2010" - verheißungsvoll klingt der Titel der Entwicklungsperspektive, die Bayerns Universitätspräsidenten und -rektoren am 18. Juli dem bayerischen Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Dr. Thomas Goppel, in Form eines Papiers überreichten. Rektor Prof. Dr. Dr. Godehard Ruppert über die Bamberger Konsequenzen.

Von Pressestelle / Rektor Prof. Dr. Dr. Godehard Ruppert

Die Präsidenten und Rektoren der 11 bayerischen Universitäten haben am 18. Juli 2004 dem bayerischen Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Dr. Thomas Goppel, in Kloster Irsee ein gemeinsam erarbeitetes und verantwortetes Eckpunktepapier überreicht, in dem den skizzierten Strukturkonzepten für die einzelnen Universitäten 15 Eckpunkte einer künftig abgestimmten Entwicklung der bayerischen Universitäten vorangestellt ist. Sie finden hier einen längeren Auszug aus dem Papier "Vision UniBay 2010" sowie Erläuterungen zu den Risiken und Chancen der Umstrukturierungen für Bamberg von Rektor Prof. Dr. Dr. Godehard Ruppert.

 

Zum Download des kompletten Papiers "Vision UniBay 2010" als PDF-Datei

 

 

Eckpunkte einer abgestimmten Universitätsentwicklung

 

1. Ein Rückbau der Ingenieurwissenschaften und Angewandten Naturwissenschaften ist weder qualitativ noch quantitativ möglich. Im Gegenteil: Unser Land leidet mittlerweile an einem eklatanten Mangel an Kompetenz in den Technikwissenschaften. Gefährdet ist deshalb auch unsere Technologieführerschaft.

 

2. Die Naturwissenschaften haben ein Effizienzproblem. Sie bedürfen angesichts ihres hohen Ressourcenbedarfs einer Profilschärfung und angesichts der hohen Abbrecherquoten einer kritischen Studierendenauswahl. Das betrifft die Chemie, Physik und Biologie gleichermaßen. Lösungsansätze sind die Konzentration der Standorte, die Schwerpunktbildung und regionale Allianzen.

 

3. Die Geistes-, Kultur-und Sozialwissenschaften haben an manchen Universitätsstandorten in Bayern eine teils hochdifferenzierte, teils zersplitterte Struktur. Die Bildung von Zentren - profiltypisch für die jeweilige Universität - ist unerlässlich. Überhaupt nur so ist die Fortführung von Fächern mit geringer Nachfrage an wenigstens einem Standort in Bayern noch leistbar.

 

4. Für die Theologie kommt dem Staat und den Kirchen die Aufgabe zu, überkritische, d.h. national und international kompetitive Standorte sicherzustellen. Bezüglich der leistungsbezogenen Ressourcenausstattung innerhalb der Universitäten kann auch die Theologie keinen Sonderstatus einnehmen.

 

5. Die Rechtswissenschaften müssen neu geordnet und im Profil geschärft werden. Die einseitige Staatsorientierung der Juristenausbildung muss aufgegeben werden. So wird auch die überfällige Standortkonzentration möglich.

 

6. Die Wirtschaftswissenschaften sind an den bisherigen Standorten mit klar unterscheidbaren Profilen beizubehalten.

 

7. Die Erdwissenschaften sind vielfach redundant und relativ wenig nachgefragt. Ihre Zusammenfassung an wenigen Standorten ist angezeigt. Betroffen sind insbesondere die Mineralogie, Geologie und Paläontologie.

 

8. Die Agrar- und Forstwissenschaften sind selbst im Flächenstaat Bayern nur zu halten, wenn sie sich auf die wissenschaftlichen Kernkompetenzen konzentrieren, auf die Biowissenschaften aufbauen und mit verwandten Fächern und Institutionen arbeitsteilig kooperieren. Kapazitätseinsparungen sind unverzüglich vorzunehmen.

 

9. In den Sportwissenschaften steht nicht nur die hochschulübergreifende Arbeitsteilung zur sofortigen Einsparung von Ressourcen an, sondern auch die Stärkung der Wissenschaftlichkeit. Die Sportpraxis ist auf das Allernotwendigste zu beschränken.

 

10. Die allgemeine Lehrerbildung kann nicht an jedem Standort beibehalten werden. Sinnvolle Einsparungen lassen sich nur dann erzielen, wenn an deutlich weniger Standorten als bisher die Grund- und Hauptschullehrerausbildung angeboten wird. Die Lehramtsstudiengänge müssen modularisiert werden, um die bestehende ineffiziente Parallelführung von Studiengängen zu vermeiden. Zur qualitätsvollen Angleichung der bayerischen Lehrerbildung an die Vorgaben des Bologna-Prozesses sind wettbewerbliche Modellversuche an einzelnen Universitäten sofort zu realisieren.

 

11. Die Hochschulmedizin ist in die Konsolidierung und Profilbildung einzubeziehen. Dazu erscheint eine Reduktion in den einzelnen Bereichen wie auch eine Konzentration der Standorte unausweichlich. Die klinische Forschung ist zu forcieren.

 

12. Die Leitungs- und Entscheidungsstrukturen sind an internationalen Standards auszurichten und am Bedarf der einzelnen Universitäten zu optimieren. Ein Aufschub ist nicht möglich. Einbezogen werden die positiven Erfahrungen jener Universitäten, die von der Experimentierklausel nach Art. 135 BayHSchG Gebrauch machen.

 

13. Der Wissenschaftsraum München verpflichtet sich aufgrund seiner Größe, seiner fachlichen Vielfalt und seiner internationalen Bedeutung zu einer gemeinsamen Strukturpolitik, die diesem Anspruch auch wirklich gerecht wird. Ähnliches gilt für den Hochschulraum Nordbayern.

 

14. Die Fort- und Weiterbildung der von den Universitäten ausgebildeten Fachkräfte ? seit 1998 gesetzlicher Auftrag ? bedarf wettbewerbsfähiger Organisationsformen. Allein schon aufgrund der demographischen Entwicklung und der damit verbundenen Veränderung der Arbeitsmärkte wird daraus eine Zukunftsaufgabe der Universitäten par excellence.

 

15. Im Zuge der Modularisierung des Hochschulstudiums (Bologna-Prozess) müssen die einzigartigen Vorteile, die das deutsche Hochschulwesen bietet, im Verhältnis Universität - Fachhochschule an konkreten Einzelmodellen weiterentwickelt werden.

 

Die bayerischen Universitätsspitzen unterstützen die Politik bei der Umsetzung dieser Eckpunkte. Hinzuweisen ist auf den Befund, dass die Ausbauziele an den neu gegründeten Universitäten vielfach nicht erreicht sind. Mit Blick auf die Qualität der Wissenschaftsvielfalt Bayerns sind die Anstrengungen konsequent fortzuführen.

 

 

Blick auf die Otto-Friedrich-Universität Bamberg

 

Als Leistungsfelder über die Grenzen der sechs universitären Fakultäten hinweg identifiziert die Hochschule:

 

- Sprachbasierte Kulturwissenschaftliche Area-Studies, European and Oriental Studies

- Mediävistik einschließlich praktische Kunstwissenschaften und Kulturgutsicherung

- Sozial- und Verhaltenswissenschaften, Behavioral Studies

- Wirtschaftswissenschaften mit dem Focus auf Europa und den internationalen Raum

- Angewandte Informatik

 

Die Universität Bamberg benötigt zur weiteren Profilierung zusätzliche Ressourcen, und zwar in den Bereichen Judaistik, Religionswissenschaft, Germanistische Mediävistik, Komparatistik, allgemeine Sprachwissenschaft, Kunst- und Kulturgeschichte der Slavia, Geschichte Mittel- und Osteuropas, Arabistik, Architekturgeschichte (zu Denkmalpflege), Archäologie des Provinzialrömischen Raumes, Spezielle Psychologie, Neuropsychologie, Spezielle Betriebswirtschaftslehre Wirtschaftspädagogik, Wirtschaftsinformatik (Öffentliche Informationssysteme), Angewandte Informatik (Anwendungen in den Sozial-/Verhaltenswissenschaften), Mensch-/Computer-Kommunikation (in der Informatik).

 

Durch die zu erzielenden Einsparmaßnahmen müssten dringend auch Ressourcen im Bereich des befristet beschäftigten Mittelbaus geschaffen werden (derzeitige Quote Professuren / Assistenten 0,8).

 

Rückzugsbereiche sind:

 

- Lehramt Hauptschule

- Fachhochschul-Fachbereich ?Soziale Arbeit? mit 17 Professuren

- Musikwissenschaft (sofern nicht Konzentration der Standorte in Bamberg stattfindet), Kunstpädagogik, Arbeitswissenschaft, Andragogik

- Rechtswissenschaften

 

Die Politik der Bildung von Exzellenzzentren, in denen Forschungs- und Lehraktivitäten gebündelt werden, wird fortgesetzt. Zu den bereits vorhandenen Zentren für Mittelalterstudien und für Interreligiöse Studien sowie dem Centre for European Studies sollen künftig ein ?Zentrum für Didaktische Forschung und Lehre? und ein ?Zentrum für Interdisziplinäre Informatik? hinzukommen.

 

Generell wird in dem Papier von den Rektoren und Präsidenten festgehalten:

 

Die Universität Bayern e.V. geht aufgrund der Aussagen des Bayerischen Ministerpräsidenten davon aus, dass die eingesparten Mittel an den Hochschulen verbleiben werden. Der sich derzeit abzeichnende Mittelumfang reicht aber nicht annähernd aus, um beispielsweise

- die steigenden Studierendenzahlen abzubilden,

- eine qualifizierte Internationalisierung voranzubringen,

- den verschärften internationalen Wettbewerb ? auch im Hinblick auf die Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa ? zu bestehen.

 

Zur Bewältigung der Kostenstruktur wird der Staat nicht darum herumkommen, die Universitäten nach ihrer Effizienz, d.h. nach der Relation zwischen Input und Outcome (Quantität und Qualität der Ergebnisse) zu finanzieren. Hier steht ein Paradigmenwechsel für das Verhältnis Staat ? Universität an.

 

Die starren Kapazitätsverordnungen sind ein besonderes Hindernis zur Bewältigung von Quantität und Sicherung von Qualität. Für die Entwicklung der bayerischen Universitäten ist ein Master-Plan mit den Meilensteinen 5, 10 bzw. 15 Jahre erforderlich. Nur so lassen sich Einzelschritte in einen planbaren Gesamtzusammenhang stellen. Dies betrifft u.a. auch die Bau- und Sanierungsmaßnahmen, aus denen endlich Bau- und Sanierungskonzepte werden müssen. Im Rahmen verbindlicher Gesamtkonzepte sind auch bisher ungewohnte Veränderungen durchführbar, ohne dass es zu Leistungsverlusten mit Siegern und Besiegten kommen muss.

 

Diese großen Planungshorizonte haben der bayerischen Wissenschaftspolitik trotz der vielen respektablen Einzelleistungen bisher gefehlt. Die Zukunft des Staatshaushalts bringt uns aber jetzt in die gleiche Lage wie jedes andere Bundesland, nur mit dem Unterschied, dass Bayern tiefer stürzen kann.

 


 

Rektor Prof. Dr. Dr. Godehard Ruppert zu Fragen der Umstrukturierung und zum zeitlichen Ablauf

 

Haben die Rektoren und Präsidenten nun ein Strukturkonzept vorgelegt oder ist es doch ein Sparpaket?

 

?Der derzeitige Umstrukturierungsprozess ging nicht von den Universitäten aus, sondern war die Antwort, wie der verordnete Sparprozess bei steigenden Studierendenzahlen strukturell so zu gestalten ist, dass die Qualität der Universitätsbildung national und international nicht zurückfällt. Wir haben unsere Arbeit immer so begriffen, dass wir nicht Abbau betreiben, sondern Umbau. Die Universitäten haben dem Staatsminister einen gemeinsam getragenen Vorschlag unterbreitet, der ihrer Verantwortung für die Hochschulen gerecht zu werden sucht. Damit kann man nicht auf den Beifall aller hoffen, weil Einsparungen nicht zu realisieren sind, ohne konkrete Folgen.?

 

Eine Frage bewegt dabei die Öffentlichkeit offenbar ganz besonders: Was wird aus dem Lehramtsstudium?

 

?Zum einen ganz generell: Die Lehrämter an Gymnasien, Realschulen und beruflichen Schulen sind von den derzeitigen Konzentrationsprozessen nicht betroffen, soweit nicht einzelne Unterrichtsfächer an einzelnen Orten aufgegeben werden müssen. Zum anderen: Die Ausbildung für das Lehramt an Grundschulen soll in Bamberg weiterhin angeboten werden. Die Universität Bamberg hat gerade in diesem Bereich in den letzten Monaten große Erfolge erzielt bei der Drittmitteleinwerbung für die Reform der Lehrerbildung im Grundschulbereich (240.000? vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft) und für die Begleitforschung zum Verlauf von Bildungskarrieren insbesondere beim Übertritt vom Kindergarten in die Grundschule (Genehmigung einer Forschergruppe mit u.a. Personalmitteln für einen Lehrstuhl von der Deutschen Forschungsgemeinschaft).

Damit ist von unabhängigen Gutachtern und Gremien die Leistungsfähigkeit der Universität Bamberg im Bereich der Grundschulausbildung nachdrücklich belegt worden. Es ist ausgesprochen sinnvoll, diese Stärke weiter zu stärken und die Grundschullehrerausbildung hier zu konzentrieren. Mit der Personal- und Lehrkapazität des bisherigen Bayreuther Lehrstuhls für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik lässt sich dies auch relativ leicht auffangen.

Anders sieht die Situation im Bereich des Hauptschullehramtes aus. Bamberg hat hierfür relativ schlechte Voraussetzungen, weil die gesamten Naturwissenschaften nur von zwei Akademischen Räten vertreten werden. Entsprechende naturwissenschaftliche Ressourcen in Bamberg aufzubauen, erscheint nicht sinnvoll. Eine Ausbildung ohne Natur- und Technikwissenschaften andererseits erscheint bei den Anforderungen, denen künftige Hauptschullehrerinnen und ?lehrer sich zu stellen haben, ebenfalls nicht sehr sinnvoll.?

 

Bedeutet das einen Nachteil für Oberfranken, wie er von Lokalpolitikern bereits befürchtet wird?

 

?Seit Jahren werden an den oberfränkischen Universitäten ausgebildete Lehrer nicht in Oberfranken, sondern bei Einstellung in den bayerischen Staatsdienst in der Regel in den Regierungsbezirken Schwaben oder Oberbayern eingesetzt. Einzelne fachdidaktische Disziplinen beklagen seit Jahren, dass es ihnen nicht gelingt, von ihnen ausgebildete exzellente jüngere Lehrerinnen und Lehrer als Praktikumslehrer zugeteilt zu bekommen, weil sie eben nicht in Oberfranken tätig sind.

Darüber hinaus hat die flächendeckende Einführung der sechsstufigen Realschule bekanntermaßen den Bedarf an Hauptschullehrern nicht erhöht. In dieser Situation muss nicht jedes Lehramt in Halbmarathondistanz im Freistaat angeboten werden. Der Bedarf an Hauptschullehrern lässt sich fraglos realisieren mit einem Ausbildungsangebot ? wie von den Rektoren und Präsidenten vorgeschlagen ? an künftig nur noch 6 statt 9 Universitäten in Bayern. Es erscheint keine unzumutbare Entfernung, wenn oberfränkische Studierende des Hauptschullehramtes an Nürnberg oder Würzburg verwiesen werden müssten.

Man kann nicht einerseits fordern, dass Flexibilität und Mobilität für Arbeitnehmer heute eine Selbstverständlichkeit sein müsse und auch größere Entfernungen zum Arbeitsplatz zumutbar seien, für die künftigen Lehrer dieser Arbeitnehmer müssen diese Argumente dann doch auch gelten. Diesen Widerspruch wird die Öffentlichkeit kaum verstehen.?

 

Verabschieden Sie sich damit nicht von einem wichtigen Ausbildungsauftrag?

 

?Die Universitäten sind gern bereit, alle bisherigen Studienangebote weiterzuführen und noch zusätzlich neue anzubieten. Das geht allerdings nicht ohne Geld und Stellen! Unsere Verantwortung für die derzeitige und kommende Studentengeneration (Zunahme der Studierendenzahlen zwischen 1999 und heute bereits 20%; bis 2010 sind weitere 30% zu erwarten) gebietet es, die vorhandenen Ressourcen sehr streng und kontrolliert einzusetzen. Daher müssen wir Einschnitte vornehmen. Es ist übrigens wenig hilfreich, in diesem Prozess regionale Notwendigkeiten in den Vordergrund zu stellen.?

 

Sie sehen also eher Chancen als Risiken?

 

?Dabei ist nicht zu vergessen, dass wir in den beiden oberfränkischen Universitäten den derzeitigen Umstrukturierungsprozess auch dazu nutzen, die beiden Universitäten in ihren Stärken zu stärken. Dies dient unseres Erachtens oberfränkischen Interessen deutlich mehr als der Erhalt der Hauptschullehrerausbildung in Oberfranken, denn faktisch geht es nur darum. Andere Bereiche der Lehrerbildung werden nicht eingeschränkt, sondern qualitativ sogar gestärkt.

Und was heißt hier Risiken. Jede Veränderung birgt Risiken, keine Veränderung übrigens auch. Das Risiko kann doch nur darin bestehen, dass die Politik unsere Vorlage nicht goutiert. Der Sprecher der Rektoren und Präsidenten, Kollege Herrmann, hat gesagt, wir hätten dem Minister mit unseren Überlegungen eine Steilvorlage gegeben. Das sehe ich auch so und kalkuliere, um im Bild zu bleiben, dass ein bayerischer Minister den Elber-Effekt kennt: Wer Steilvorlagen versemmelt, kann sich als Stürmer nicht halten, soll heißen: Der Minister muss ein politisches Interesse an der Realisierung unserer Vorschläge haben ? und ich bin sicher, dass ihm dies sehr wohl bewusst ist.?

 

News Sommersemester 2004 vom 21.07.04