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Oh mein Gott, wir sind Papst!

Im Gespräch mit Ratzingerschüler Wolfgang Beinert

Von Konstantin Klein

Papst Benedikt XVI. während seines ersten "Urbi et Orbi" am 19. April 2005. (Bild: wikipedia.org)

Als »Papstmacher« wurde Joseph Ratzinger gehandelt, doch dann wurde der Kurienkardinal selbst zum Subjekt der Wahl: „Seit die Botschaft am 19. April um 18:43 Uhr verkündet wurde, stand das Telefon bei mir in Pentling nicht mehr still,“ berichtete Wolfgang Beinert, Schüler Papst Benedikts XVI. und emeritierter Theologieprofessor der Universität Regensburg in einem Vortragsabend in der Katholischen Hochschulgemeinde Bamberg (KHG). Unter dem Titel »Das theologische Profil des Papstes« sprach er über die geistige Herkunft und das theologische Programm, aber auch über private Erlebnisse mit seinem ehemaligen Lehrer.

Er finde es bemerkenswert, so Wolfgang Beinert zu Beginn seines Vortrags, welches Interesse an der Person Ratzingers, generell am Papsttum an den Tag gelegt werde: „Mir erscheint das in gewisser Weise entgegengesetzt zum säkularen Zeitgeist der Postmoderne. Auf einmal interessiert sich die ganze Welt für einen tief religiösen Menschen.“ Auch der Beinerts Vortragsabend in der KHG, der in Kooperation mit den theologischen Mentoraten stattfand, lockte rund 100 Besucher in die Veranstaltungsräume in der Friedrichstraße. Sehr geteilt sei die Entscheidung des Konklave in der ganzen Welt aufgenommen worden, merkte Dr. Alfons Motschenbacher, Leiter der KHG Bamberg, an. »Wir sind Papst« titelte doppeldeutig-patriotisch die Bildzeitung, »Oh, mein Gott - Ratzinger ist Papst« lautete die Reaktion der Taz. Wolfgang Beinert hingegen fiel es schwer, seine Eindrücke von diesem 19. April 2005 in Worte zu fassen. Viel Zeit zum Sinnieren hatte er damals auch in der Tat nicht, denn fast täglich werde er seitdem von Zeitungs- oder Fernsehjournalisten zu seinem ehemaligen Lehrer befragt. So kommentierte Beinert die Amtseinführung Benedikts XVI. für das ZDF.

Linientreue zu Rom

Kennen gelernt hatte er den heutigen Papst 1963 während des Zweiten Vaticanums in Rom. Beinert studierte gerade an der Gregoriana und traute sich anfangs nicht, den schon damals berühmten Theologen anzusprechen. Vier Jahre später sollte er Assistent bei Ratzinger in Tübingen werden. Kurz umriss Beinert den Lebensweg seines ehemaligen Lehrers, der 1927 in der bayerischen Diözese Passau geboren wurde. 1953 promovierte der spätere Papst Benedikt XVI. in München, wo er vier Jahre später auch seine Habilitationsschrift einreichte. Es folgten Lehrtätigkeiten in Bonn und Münster. 1967 wechselte Wolfgang Beinert nach Tübingen, wo Ratzinger gerade eben Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik geworden war. „Seine Vorlesung wurde bereits damals in alle Hörsäle des Hauptgebäudes übertragen,“ erinnert sich sein Schüler und beschrieb ein ganz ungewohntes Bild des heutigen Papstes: Ratzinger musste als Fakultätsdekan bei einem Fest ein Bierfass anstechen, was dem etwas scheuen Theologen keiner zutraute. „Aber er hat nur zwei Schläge benötigt  - das Erstaunen war ziemlich groß,“ berichtet Beinert. Doch schon kurz nach Ratzingers Wechsel nach Tübingen veränderten sich die Zustände tiefgehend: „Joseph Ratzinger war durch die Studentenproteste zutiefst erschüttert.“ Der eher liberale Professor habe sich Vorwürfe gemacht, dass er durch seine offene Haltung mitschuldig sei am allgemeinen Ordnungsverfall der Studentenrevolte. Erst damals, so Beinert, sei es zum Wandel Ratzingers gekommen. „Er wollte dann der Kultur- und Sittenlosigkeit Paroli bieten.“ Beinert zeigte deutlich auf, dass Ratzinger fortan versuchte, durch Strenge, neoplatonische Philosophie und Linientreue zu Rom gegen das „Herunterdiskutieren des Glaubens“ und den allgemeinen Werteverfall vehement vorzugehen.

Nur ein ‚Übergangspapst’

Joseph Ratzinger sah und sieht sich bis heute als Teil des wissenschaftlichen Diskurses, so Beinert, der seinen ehemaligen Lehrer als ‚mächtig durch seine Redegewandtheit’ beschreibt. „Joseph Ratzinger kann denken, das weiß jeder. Aber alle fragen sich: Kann er auch umdenken?“ so brachte Beinert auf den Punkt, was sich zur Zeit die ganze Welt fragt. Es sei eine schwierige Aufgabe für Benedikt XVI., so Beinert, auf die divergierenden Forderungen der Gegenwart Antworten zu finden, die zufrieden stellen ohne sich zu verbiegen. Erschwert werde dies, merkte der Ratzingerschüler mit einem Blick auf das Alter seines Lehrers an, dass Ratzinger nur ein ‚Übergangspapst’ sein könne. Natürlich, schob er nach, seien eigentlich ja alle Päpste ‚Übergangspäpste’. „Aber er kann entscheidende Weichenstellungen vornehmen“, konstatierte Beinert und stellte Vermutungen an, ob nicht in näherer Zukunft, in etwa zehn bis fünfzehn Jahren, vielleicht wieder ein Konzil einberufen werden könne. Von seinem ehemaligen Lehrer brauche man keinen spektakulären Neuanfang erwarten, so Beinert, allerdings sei Ratzinger auch kein Mann, der bloß an der Oberfläche kratze: „Wichtige Fragen stehen an“. Auch wenn der ehemalige Kurienkardinal und Präfekt der Glaubenskongregation schwerlich seine Grundeinstellung ändern werde, so stellte Beinert doch fest, dass die scheue Ängstlichkeit und Distanz seines Lehrers, die dieser seit den sechziger Jahren an den Tag gelegt hatte, verschwunden sei. So beendete Beinert seinen Vortrag, indem er positiv in die Zukunft blickte, hoffend, dass Benedikt XVI. die Erwartungen, die die Welt an ihn stelle, auch erfüllen könne. Dass Beinert davon überzeugt ist, wurde in seinem sicherlich nicht ganz unparteiischen, aber doch stets um objektive Kritik bemühten Vortrag sehr deutlich. 

Uni Bamberg News vom 16.12.05