Vortrag von Eugen Drewermann Höhepunkt der Ringvorlesung zum Thema "Märchen"
"Wie sollen wir die Sprache Gottes verstehen, wenn wir unfähig sind, die Sprache aus Kindertagen zu begreifen?" Eugen Drewermanns Vortrag über ein grausiges Grimm-Märchen lockte zahlreiche Zuhörer in die AULA.
"Wie sollen wir die Sprache Gottes verstehen, wenn wir unfähig oder unwillig sind, die Sprache aus Kindertagen zu begreifen?" Mit dieser Frage unterstrich Eugen Drewermann am 20. Januar in der AULA der Universität die Bedeutung von Märchen auch für die Religion. Der Vortrag des bekannten Theologen und Psychotherapeuten aus Erwitte war der Höhepunkt der Ringvorlesung "Märchen. Geschichte - Psychologie - Medien", die der Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur (Prof. Dr. Ortwin Beisbart) und der Lehrstuhl für Volkskunde/Europäische Ethnologie (Prof. Dr. Bärbel Kerkhoff-Hader) im Wintersemester organisiert hatten. Unterstützt wurde die Veranstaltungsreihe durch die Märchen-Stiftung Walter Kahn.
In elf Vorträgen haben dabei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen von der Germanistik bis zur Musikwissenschaft für multiperspektivische Einblicke in die Märchenforschung gesorgt. Für Eugen Drewermanns Vortrag Ende Januar wechselten die Organisatoren sogar in die AULA, wo über 300 Besucher Drewermann zuhörten. Kein Wunder, schließlich war Drewermann nicht nur in den 1980er Jahren durch seine Kritik an der katholischen Kirche in die Schlagzeilen geraten, sondern gehört seit langem zu den begehrtesten Rednern in Europa, wenn es um Fragen zu Religion, Bibelauslegung und Märchen geht.
Viele Gelegenheiten zur Grausamkeit
Dass er seinen guten Ruf als Redner nicht umsonst genießt, davon konnte sich auch das Bamberger Publikum überzeugen. In knapp zwei Stunden bot Drewermann eine tiefenpsychologische Interpretation des Märchens "Das Mädchen ohne Hände". "Die wenigsten von Ihnen haben dieses Märchen wohl gelesen. Es eignet sich für Kinder überhaupt nicht", erklärte Drewermann zu Beginn seiner Erläuterungen. "Der Bogen von Grausamkeit und Angst" spannt sich in dem "Mädchen ohne Hände" von einem zunächst nur leichtfertigen Handel eines Müllers mit dem Teufel über den bewussten Verkauf und die Verstümmelung der eigenen Tochter bis hin zur böswilligen Zerstörung der späteren Ehe des Mädchens, ebenfalls durch den Eingriff des Teufels.
Der "Interpretations-Trick" Drewermanns bestand darin, die Sprache wörtlich zu nehmen und das Märchen als biografische Geschichte zu lesen. "Wir müssen die seelischen Prozesse begreifen, dann verstehen wir die Märchen - und auch die Bibel." Ergebnis seiner höchst aktuellen Auslegung war unter anderem die Tragik des Vaters und ein "depressiver Charakter" des Mädchens, das sich dem Vater scheinbar nicht widersetzt. Die grausame Variante der körperlichen Verletzung des Mädchens stelle in einer solchen Interpretation nur eine überspitzte symbolische Darstellung des psychologischen Geschehens dar: "Es gibt viele Gelegenheiten, jemandem die Hände abzuhacken." Im Fortgang des Märchens, der Ehe der Müllerstochter mit einem König, sah der Theologe und Therapeut die Ängste der Kindheit dann nur verdrängt, nicht aufgearbeitet.
"Der Bote muss nur schlafen am Fluss"
Einige durch den Teufel vertauschte Botschaften können deshalb die Ehe bedrohen. "Im Unbewussten genügt ein Moment der Unaufmerksamkeit. Der Bote muss nur wie hier schlafen am Fluss." Bei aller Grausamkeit hat das Märchen doch ein gutes Ende. Die Müllerstochter, das Mädchen ohne Hände, muss zwar den Königshof zunächst verlassen und in die Einsamkeit ziehen. Dort entwickelt sie sich allerdings von der bisherigen Abhängigkeit zur Selbstständigkeit und findet zu sich. Äußeres Zeichen: Ihre vom Vater abgehackten und vom König durch Silber ersetzten Hände wachsen wieder nach. Als ihr Mann, der König, sie schließlich nach langer Suche findet, erkennt er sie fast nicht wieder. Auch er muss die Beziehung erst neu definieren, das Mädchen nicht mehr als Bedürftige, sondern in seiner Eigenständigkeit lieben lernen.
Die meisten Märchen handelten von einem solchen menschlichen Prozess des Reifens und Liebens, hob der Referent hervor. Themen der Religion hingegen seien Angst und Schuldfragen. Wie beides ineinander greife, so Drewermann, zeige das Märchen vom "Mädchen ohne Hände".
Uni Bamberg News vom 09.02.05
Zum Märchen "Das Mädchen ohne Hände" beim Projekt Gutenberg: