Sie machen sich mit „dem Objekt“ vertraut und versucht es bis ins kleinste Detail zu verstehen. Das betrifft den materiellen Aufbau wie die Entstehungsgeschichte. Außerdem spürt man den Einflüssen nach, die „das Objekt“ im Lauf der Zeit verändert haben. Restaurierungswissenschaftler sind Spurenleser.
Spurenlesen ist aber nicht immer einfach. Dabei unterscheidet man zwischen einer materiellen Ebene, der „Denkmalsubstanz“, zu der das Schadensbild und die Korrosionsgeschichte gehören, und einer geistig-inhaltlichen Ebene, zu der künstlerische, technologische und historische Aspekte zählen. Zur Erklärung unverständlicher Erscheinungsbilder oder rasanter Zersetzungsprozesse genügen manchmal alleine handwerkliches oder kunsttechnologisches Know-how, manchmal pure geistes- und naturwissenschaftliche Kenntnisse. Meist braucht man aber von beidem etwas.
Restaurieren ist eine Tätigkeit, bei der die Anforderungen der Praxis im Vordergrund stehen. Das Profil des Restaurators entspricht dem des Arztes in der Medizin. Kennzeichnend ist die empirische und angewandte Forschung an und von Einzelobjekten. Wissenschaftliches Grundwissen ergänzt lediglich praktische und manuelle Fertigkeiten und soll zur kritischen Methode befähigen.
Wissenschaftliche Zusatzqualifikationen ermöglichen den Einstieg in die Forschung, die kunsthistorisch-geisteswissenschaftlich, analytisch-naturwissenschaftlich oder kognitiv-informatorisch sein kann. Dabei widmet sich die Restaurierungswissenschaft Einzelproblemen der Restaurierungsdisziplin. Am bekanntesten sind die im englischen Sprachraum etablierten Conservation Sciences, die, dem anglo-amerikanischen Verständnis einer kontrollierbaren Welt entsprechend, naturwissenschaftlich strukturiert sind und technisch-materielle Aspekte in den Vordergrund stellen.
Allen Differenzierungen in den Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften gemeinsam ist jedoch der wissenschaftsmethodische Ansatz, der immer systemisch-interdisziplinär und selten rein systematisch-disziplinär ist. Restaurierung und Restaurierungswissenschaft sind ein Paar, das der Medizin und der klinischen Forschung gleicht – nur die Zielgruppen sind verschieden.
Das Studienangebot versucht die Welt der Restauratoren und ihrer Wissenschaftler verständlich zu machen (und für die Sache zu werben). Dabei konzentriert sich die Vorlesung zum einen auf die Erläutung der restaurierungswissenschaftlichen Methode, der „Bestandsaufnahme“. Sie ist der erste Schritt zur Behandlung und den Voruntersuchungsprozeduren in der Medizin vergleichbar. Zum anderen werden die Diagnose des Zustands der Objekte auf der Grundlage der Voruntersuchungen und die Zusammenstellung von Therapieoptionen behandelt.
In der Vorlesung KONSERVIERUNGSWISSENSCHAFTEN für Masterstudenten und Nebenfachstudierende werden die Ziele, die Projektierung und die Umsetzung von Restaurierungen erläutert. Im Mittelpunkt stehen die in der Baudenkmalpflege bestimmenden Materialien Naturstein, Putz und Glas; besondere Aufmerksamkeit gilt der Auswirkung von Umweltfaktoren und dem Einfluss der Restaurierungs- bzw. Konservierungsgeschichte. Thematischer Schwerpunkt im Wintersemester (GRUNDLAGEN) ist die Bestandsaufnahme (Bestands- und Zustandserfassung) und die Interpretation der Untersuchungsergebnissen (Diagnose).
Behandelt werden u.a. die Eigenschaften ausgewählter historischer Baumaterialien und die wissenschaftliche Erfassung und Bearbeitung von Befunden. Der zweite Teil der Vorlesung im Sommersemester (MATERIALIEN UND METHODEN) geht auf wissenschaftlich vorbereitete Restaurierungen und Konservierungen und deren Umsetzung in die Praxis ein (Therapie). In einer Übersichtsdarstellung werden die Eigenschaften und Applikationen von und die Erfahrungen mit historischen und modernen Konservierungsmaterialien gezeigt.
Ein Seminar zur RESTAURATORISCHEN BESTANDSERFASSUNG vertieft die theoretische Auseinandersetzung mit den Objekten der Baudenkmalpflege. Vermittelt werden die Bestandsaufnahme und die Aufstellung eines denkmalpflegerischen Erhaltungskonzepts unter Einbeziehung EDV-gestützter Methoden. Grundlage ist die VDI- Richtlinie 3798, die am Bamberger Lehrstuhl für Kulturinformatik entwickelte Software MMS ( MOBILE MAPPING SYSTEM) und eine von den Universitäten Passau und Bamberg entwickelte
Archivierungssoftware ( DIGITALES DOMBAUARCHIV).
Seminare über historische Arbeitstechniken sollen die Grundlagen für das Verständnis kunsttechnologischer und werkstoffkundlicher Fragestellungen legen. Im Wechsel werden für Nebenfachstudierende Blockveranstaltungen zur Herstellung, Verarbeitung und Restaurierung von GLAS, WERKSTEIN, METALLGUSS und METALLAUFLAGEN angeboten. Im laufenden Sommersemester SS 2006 läuft beispielsweise das Proseminar HISTORISCHE ARBEITSTECHNIKEN: METALLE II, der so genannte „Vergoldungskurs“ , der zusammen mit dem Institut für Kunsttechnik und Konservierung des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg ausgerichtet wird.
Die INTENSIVWOCHE RESTAURIERUNGSWISSENSCHAFTEN ist leider nur für Masterstudenten offen. Das (sehr kompakte) Seminar im SS 2006 widmet sich dem Material Kalk bzw. Kalkstein. Ausgehend von den Rohstoffen werden die historische und heutige Erschließung und Bearbeitung bis zum Werkstein bzw. Wandputz und die Konservierungsoptionen zur Erhaltung historischen Oberflächen behandelt. Ein Exkursionstag führt in historische Kalksteinbrüche, ein Kalksteinwerk (Leitung: Prof. Koch, Institut für Paläontologie der Universität Erlangen) und Kalkstein verarbeitende Betriebe (Dombauhütten; Leitung: Prof. Drewello). Es schließen sich praktische Tätigkeiten (vom Löschen und Anlegen einer Kalkgrube über das Aufbringen von Kalkputzen, das Kalken und den Freskoanstrich; Leitung: Restaurator Thomas Seidenath) und die Erstellung einer wissenschaftlich begleiteten Befundung einer Barockfassade an (Erstellung von Stratigraphien mit begleitender IR-spektroskopischer und lichtmikroskopischer Analyse).