31.01.13
Die Studie wird zum einen, um Verständnis überhaupt zu ermöglichen, eine Geschichte der Bamberger Heil- und Pflegeanstalt St.Getreu und damit einer kleinstädtischen, dennoch überregionalen, in ein streng katholisches Milieu gebetteten Anstalt an der Schnittstelle von Stadt und Land schreiben: hier soll der Ort untersucht werden, der die 'Irren' als soziale Gruppe definiert, der 'Vernunft' von 'Wahnsinn' zu scheiden vorgibt.
Zum anderen wird die Studie, Gedanken und Methoden der Disability Studies aufgreifend und hinterfragend, im Rahmen einer Disability History von der Grundannahme der 'Behinderung' als gesellschaftlicher Zuschreibung ausgehen. Die 'Irren' in St.Getreu sollen dabei als Subjekte, nicht als Objekte eigener Geschichte erfahren werden. Wer sind die, die in die Anstalt gelangen? Warum kamen sie dorthin? Und auch: was sagt all dies über diejenigen aus, die sie dorthin gebracht haben, welche Vorurteilsstrukturen werden deutlich?
In Konsequenz wird die Studie also keine reine Institutionengeschichte noch eine Medizingeschichte schreiben: vielmehr erhebt sie den Anspruch, anhand der Leitkategorie 'Behinderung' indirekt zu einer katholisch-kleinstädtischen Gesellschaftsgeschichte beizutragen, in der Handlungsspielräume und Widerstand der 'Irren' gegen gängige Exklusionspraktiken eruiert, 'Schwellen' der Anstalt (nach Cornelia Brink), der Übergangsbereich zwischen 'Wahnsinn' und 'Vernunft' aufgezeigt werden sollen.
Die Geschichte der Kriegsgefangenen (und auch der „Zwangsarbeiter“) im Zweiten Weltkrieg in Bamberg stellt ein Desideratum der Forschung dar. Gemeinsam mit dem Kollegen Christophe Woehrle wird diese Lücke anhand von Forschungen vornehmlich im Bamberger Staats- und Stadtarchiv gefüllt. Ein erstes Ergebnis dieser Zusammenarbeit stellt das Publikationsprojekt: Das Tagebuch des französischen Kriegsgefangenen Bernard Delachaux (1914 – 1942) dar.
Der Franzose Bernard Delachaux geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Bis 1942 wurde er in Bamberg gefangen gehalten, wo er verschiedene Arbeiten verrichten musste. Am 23.03.1942 wurde er in Bambergs Innenstadt „auf der Flucht“ erschossen.
Das Tagebuch des Bernard Delachaux wurde Christophe Woehrle und Andreas Ullmann vom Sohn des Erschossenen, Albert Delachaux, übergeben: wir werden es mit der Korrespondenz Bernard Delachaux‘ quellenkritisch publizieren, um so umfassenden und in der Forschung bislang raren Einblick in die Lebenssituation eines französischen Kriegsgefangenen in einer streng katholischen Kleinstadt im Nationalsozialismus am Schnittpunkt von Stadt und Land zu bieten.
„Arisierungen“ von Geschäften in Bamberg wurden bereits untersucht (Fichtl u.a. (Hg.): ‚Bambergs Wirtschaft judenfrei‘. Die Verdrängung der jüdischen Geschäftsleute in den Jahren 1933 bis 1939. Bamberg 1998); dass ebenso Wohnraum und Immobilienbesitz „arisiert“ wurden, beachtete die Forschung dagegen bislang nicht. Anhand der Ergebnisse einer quellenkundlichen Übung soll dieses Forschungsdesideratum mit der Publikation eines Artikels in den Berichten des Historischen Vereins Bamberg geschlossen werden.