Das Dissertationsvorhaben beschäftigt sich mit der Entwicklung anglo-normannischer Schrift- und Erinnerungskulturen vom ausgehenden elften bis zum mittleren zwölften Jahrhundert. Vor dem Hintergrund verschiedener politischer, gesellschaftlicher und literarischer Wandlungsprozesse sowie im Kontext zunehmender Schriftlichkeit durchlebte die Geschichtsschreibung während des hohen Mittelalters entscheidende Veränderungen, die sich sowohl in der Funktion als auch in der Medialität der Texte widerspiegeln. Im Zuge der Hervorbringung, Überlieferung und Bewahrung kollektiver und identitätstiftender Traditionen wurde seit dem elften Jahrhundert verstärkt in das Medium der Schrift vertraut. Der zunehmend als spröde empfundene „Leim des Gedächtnisses“ (Orderic Vitalis) wurde systematisch durch das geschriebene Wort substituiert. Das Auf- bzw. Niederschreiben einer gemeinsamen oder als gemeinsam empfundenen Vergangenheit, die aus der Gegenwart des Schreibers heraus konstruiert wurde und gleichsam konstitutiv auf diese zurückwirkte, blieb daher über lange Perioden hinweg die Aufgabe eines ausgebildeten Expertenkreises.
Historiographische Texte sollen im Rahmen der Arbeit als wichtige Medien des kulturellen Gedächtnisses besprochen werden, mittels derer anglo-normannische Erinnerungsgemeinschaften ihre kollektiven Identitäten in der Gestalt kohärenter Vergangenheitserzählungen konstituierten und in historisch-literarischer Form artikulierten. Das frühe zwölfte Jahrhundert bildet in dieser Hinsicht ein wesentliches Schlüsselmoment. Am Übergang vom elften zum zwölften Jahrhundert formte sich nämlich in England und der Normandie eine neue Generation anglo-normannischer Geschichtsschreiber heraus, die es sich unter Ausprägung eines gegenüber den vorherigen Jahrhunderten deutlich modifizierten Erinnerungsbewusstseins zur Aufgabe machte, dezidiert „normannische“ bzw. „englische“ Geschichte zu schreiben und dabei gezielt auf berühmte Vorbilder wie Beda Venerabilis zurückschaute. Zwei Protagonisten dieser Generation sind der in England geborene und im Alter von zehn Jahren in das Benediktinerkloster von Saint-Évroult in der Normandie entsandte Orderic Vitalis (ca. 1075-1142) und sein Zeitgenosse und Ordensbruder William von Malmesbury (ca. 1085-1143), der ebenfalls gemischter Abstammung war, im Unterschied zu Orderic jedoch den Großteil seines Lebens auf englischem Boden zubrachte.