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Fachkurs Albanien 2012

Nachwuchswissenschaftler untersuchen Prozesse der Migration, Emigration und Remigration in Albanien

 

Über die Professur für Migrations- und Transformationsforschung an der Universität Bamberg bestehen seit längerer Zeit enge Beziehungen zu verschiedenen geographischen Institutionen in Südosteuropa, die bereits mehrfach zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit und Festigung dieser Kooperationen führten.

Mit Fördermitteln des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) wurde in der Zeit vom 7. bis 15. Oktober 2012 ein Projekt durchgeführt, das im Rahmen des DAAD-Sonderprogramms „Akademischer Neuaufbau Südosteuropa“ mit Mitteln des Auswärtigen Amtes die Optimierung von Forschung und Lehre in Albanien und im Kosovo unterstützt. Neben den Dozenten Prof. Dr. Dhimiter Doka, Prof. Dr. Bilal Draçi (beide Universität Tirana), Prof. Dr. Daniel Göler (Universität Bamberg), setzte sich die Gruppe aus albanischen, kosovarischen und deutschen Teilnehmern im fortgeschrittenen Bachelor- und Masterlevel bzw. in der Promotionsphase zusammen.

Die Gruppe setzte sich aus albanischen, kosovarischen und deutschen Teilnehmern zusammen. Nicht alle Teilnehmer befinden sich auf diesem Bild [Foto: Zamira Ndregjoni]

 

Mit dem Thema „Migration, Emigration und Remigration“ wurde eine in Albanien hochaktuelle Problematik behandelt. Die albanische Gesellschaft ist seit jeher durch eine hohe räumliche Mobilität über die Staatsgrenzen hinaus charakterisiert. Somit überrascht es nicht, dass innerhalb der familiären Strukturen häufig mindestens ein Familienmitglied im Ausland einer ökonomischen Tätigkeit nachgeht. Aktuell ist in Albanien jedoch eine Re-Migrationswelle auszumachen, deren Ursachen in den jüngeren Entwicklungen im Nachbarland und EU-Mitgliedstaat Griechenland zu finden sind. Hierbei scheint die Wirtschaftskrise und die damit verbundenen negativen Auswirkungen für albanische Arbeitskräfte auf dem griechischen Arbeitsmarkt ein wesentlicher Faktor für die Rückkehr zu sein. 

Um die individuellen Beweggründe für die Rückkehr nach Albanien angemessen und differenziert in Erfahrung zu bringen, wurde methodisch auf qualitative Leitfadeninterviews zurückgegriffen, die jeweils in kleinen Gruppen durchgeführt wurden. Ein Blockseminar zu Beginn des Fachkurses ermöglichte den Teilnehmern die Reflektion über wissenschaftstheoretische Ansätze und die damit verbundenen Methoden, mit dem Ziel, die Interviews unter wissenschaftlichen Gütekriterien durchzuführen.

Ein Blockseminar zu Beginn des Fachkurses sollte die Teilnehmer auf die Interviewsituationen vorbereiten [Foto: Daniel Göler]

 

Die Befragungen fanden an drei verschiedenen Orten in Südalbanien statt, in deren regionalen Kontext sich jeweils spezifische Fragestellungen bezüglich der Rückkehr präzisieren ließen. Neben allgemein biographischen Fragen wie Geburtsort, Alter oder Familienstand wurden insbesondere migrationsbezogene Fragestellungen behandelt, die Beweggründe sowohl für die Emigration als auch für die Remigration aufzeigen.

Die Stadt Korça dient aufgrund ihrer geographischen Nähe zur griechischen Grenze häufig als „Sprungbrett“  für Migrationen nach Griechenland. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Region lediglich als ein Transit-Ort angesehen werden kann oder ob es sich hierbei möglicherweise um einen permanenten Niederlassungsort für Remigranten handelt.

Die Befragungen fanden in Kleingruppen statt, inhaltlich wurden Informationen über biographische und migrationsbezogene Aspekte erfragt [Foto: Gregor Glötzl]

 

Eine andere Situation ergibt sich in Himara, einem kleinen Ort an der Albanischen Riviera, in dem die griechische Minderheit eine wichtige Rolle bei der Emigration wie bei der Remigration spielt.

"Arbeiten, wo andere Urlaub machen" [Foto: Daniel Göler]

 

Eine dritte Gruppe führte die Befragungen letztlich in der Welterbestadt Gjirokaster durch. Dort ergibt sich eine ambivalente Situation bezüglich der städtischen Morphologie. Neben dem ursprünglichen Siedlungskern, der heute als Altstadt den Welterbestatus innehat, wurde mit der in kommunistischer Zeit erbauten Neustadt ein zweites Zentrum geschaffen, welches sich in den letzten 20 Jahren extrem dynamisch entwickelt hat. Fragestellungen, die mit dieser Ambivalenz einhergehen, bezogen sich bei den Befragungen darauf, inwieweit die Remigranten zurück in die Altstadt ziehen und evtl. somit zur Reaktivierung des historischen Stadtkerns bzw. dessen Erhaltung beitragen können.

Blick auf die Altstadt von Gjirokaster, UNESCO-Welterbe [Foto: David Sauerwald]

 

Individuelle Migrationsbiographien lassen sich in sog. „Geographical Paths“ abbilden. So können Dauer und Aufenthaltsorte während der häufig anzutreffenden Step-by-Step-Migration sowie besondere Ereignisse innerhalb der Lebensphase einer Person leicht nachvollzogen werden:

Mittels der Informationen aus den Interviews lassen sich biographische Details und Aufenthaltsorte der Migration in "Geographical Paths" visualisieren [Kartographie: H. Steffgen-Belz]

 

Als erste Ergebnisse kristallisiert sich heraus, dass die Gründe für eine Remigration nicht ausschließlich auf die verschärfte Arbeitsmarktsituation in Griechenland zurückzuführen sind, diese Entwicklung aber dennoch als ‚constraint‘, also ein äußerer Zwang, Wirkung zeigt. In vielen Fällen waren die albanischen Emigranten bereits gut in die Aufnahmegesellschaft integriert, sodass eine Rückkehr oftmals mit dem Verlust sozialer Kontakte sowie dem Gefühl, „fremd“ im eigenen Land zu sein, einhergeht. Zu dieser Problematik kommen verstärkend Zukunftsängste dazu, beispielsweise, wie sich die Kinder in einer neuen Schulumgebung zurechtfinden oder dass die Remigranten, bedingt durch distinktive Merkmale wie eine sprachlich-kulturelle griechische Prägung, mit Diskriminierungen konfrontiert werden

In einer Abschlussbesprechung konnten bereits erste Ergebnisse festgehalten werden [Foto: Daniel Göler]

 

Dennoch sind nicht alle Rückwanderungen als ein ‚return of failure‘ (Cerase 1974) anzusehen. Die Entwicklungen in Griechenland lassen sich ebenso als Impuls für eine Rückwanderung ansehen unter denjenigen Migranten, die eine Handlungsoption „Rückkehr“ stets eingeplant hatten. In den meisten Fällen haben die Remigranten eigenunternehmerische Initiativen entwickelt und beispielsweise Cafés und andere Kleingewerbe eröffnet. Aufgrund der neuen, bislang unbekannten Situation einer Re-Migrationswelle hat der albanische Staat bisher nur unzureichende Maßnahmen ergriffen, die Remigranten zu unterstützen und die Weichen für eine erfolgreiche Wiedereingliederung in die albanische Gesellschaft zu stellen. Im Rahmen des Fachkurses wurde die Problematik aus einem geographischen Blickwinkel untersucht, wodurch nicht nur die Beteiligten neue Erkenntnisse und Erfahrungen gesammelt haben, sondern darüber hinaus auch auf den Handlungsbedarf für die Politik aufmerksam gemacht werden konnte.

Ein Poster mit weiteren Inhalten und Bildern zum Fachkurs befindet sich im Aufenthaltsraum des Hochzeitshauses.

 

David Sauerwald