29.01.2008, Aula der Universität Bamberg
Fotos von der Eröffnung: Gertraud Gerner
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Ende Januar 2008 wurde die Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie feierlich in der Aula der Universität Bamberg (Dominikanerbau) eröffnet. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Bischof von Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Prof. Dr. Wolfgang Huber hielt den Eröffnungsvortrag "Ökumene der Profile". (Ganz unten auf dieser Seite können Sie den Vortrag als Ganzes und den Artikel des "Fränkischen Tags" vom 31.01.2008 in pdf-Form herunterladen; dazu ein SWR- und ein BR-Radiointerview mit Prof. Bedford-Strohm.)
Prof. Dr. Bedford-Strohm, der Initiator der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle, begrüßte die rund 450 anwesenden Zuhörer und Zuhörerinnen. Das breite Interesse gab einen kraftvollen Impuls für den Beginn der Forschungstätigkeit an der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie.
Öffentliche Theologie möchte in eine breite Öffentlichkeit hineinwirken - und hat zugleich als wichtige Gesprächspartnerin die Kirche. So war es für Herrn Bedford-Strohm eine besondere Ehre und Freude, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Eröffnung der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle begrüssen zu können.
Die Kirche ist heute Teil einer pluralistischen Gesellschaft mit vielen Orientierungsangeboten. Wenn die Frage gestellt wird, an welchen Orten eigentlich über grundsätzliche Orientierungen nachgedacht wird, wenn nach den Quellen sozialen Zusammenhalts gefragt wird, dann spielen die Kirchen aber nach wie vor eine zentrale Rolle.
Damit die Kirche von ihren eigenen Überlieferungen her begründet und kompetent zu diesen Fragen öffentlich Stellung nehmen kann, braucht sie öffentliche Theologie. Öffentliche Theologie hat die Aufgabe, im interdisziplinären Austausch mit den anderen Wissenschaften an der Universität und im kritischen Gespräch mit der Kirche in den Orientierungsfragen der Gesellschaft Ressourcen der Kommunikation zu erarbeiten, die die Relevanz religiöser Orientierungen deutlich machen.
Die Forschungsstelle trägt den Namen Dietrich Bonhoeffers und dahinter darf ruhig auch eine programmatische Absicht vermutet werden. Nach wie vor gibt Bonhoeffers Theologie und Ethik wegweisende Impulse für heute.
Schon im April 1933, wenige Tage nach den ersten konkreten Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen die Juden, hat Dietrich Bonhoeffer einen Vortrag mit dem Titel „Die Kirche vor der Judenfrage“ gehalten, in dem er das Verhalten gegenüber den Juden als Unrecht kennzeichnet und der Kirche drei Wege weist, wie sie sich dem Staat gegenüber verhalten soll. Neben dem Weg der Hilfe für die Opfer (heute Diakonie und Caritas) und dem Weg des Widerstands (den er später selbst gegangen ist) beschreibt Bonhoeffer darin einen weiteren Weg, der genau das zum Ausdruck bringt, worum es bei öffentlicher Theologie geht - so Prof. Bedford-Strohm. In Situationen, in denen es die Möglichkeit gibt, öffentliche Aufmerksamkeit im Protest gegen Ungerechtigkeit zu erlangen, muss die Kirche den Staat zur Verantwortung rufen. Die EKD tut dies etwa immer wieder, indem sie Denkschriften erarbeitet und veröffentlicht.
- Zugleich mit der Eröffnung der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle wurde das Jubiläum "200 Jahre Evangelisch in Bamberg" begangen. Der Bamberger Evangelische Dekan Sperl begrüßte die Gäste im Namen der evangelischen Kirche "vor Ort". Dekan Otfied Sperl und Prof. Dr. Bedford-Strohm betonten ihre Freude darüber, dass es zu einer Zusammenarbeit zwischen dem Lehrstuhl für Systematische Theologie mit Schwerpunkt Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen und dem Evangelischen Dekanat gekommen war. (Rechts sehen Sie Dekan Otfried Sperl und Prof. Bedford-Strohm.)
In seiner Einleitung zum Vortrag des Ratsvorsitzenden verwies Prof. Bedford-Strohm darauf, wie sehr Bischof Huber in seiner Person alles das verbinde, was die neue Forschungsstelle kennzeichnet: Bischof Huber ist Herausgeber der Reihe „Öffentliche Theologie“ und hat diesen Begriff in Deutschland maßgeblich mitgeprägt. Außerdem ist er der Sprecher des Herausgeber-Kreises der großen neuen Dietrich-Bonhoeffer-Werk-Ausgabe. Die Ökumene ist eines seiner Lebensthemen.
Dann ergriff der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber das Wort, indem er zu Beginn fragte: Was hat das Thema "Ökumene der Profile" mit dem Anlass des Vortrags, der Eröffnung der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie zu tun?
Unter Öffentlicher Theologie versteht man die Reflexion von Fragen öffentlicher Relevanz im Lichte theologischer Traditionen. Öffentliche Theologie tue das, so Bischof Huber, im Vertrauen darauf, dass die theologische Perspektive hilfreiche Orientierung in diesen Fragen geben könne – eine Orientierung, die Christen ebenso zu Gute kommt wie der Öffentlichkeit im Ganzen. Aber was bedeutet es für die Aufgabe öffentlicher Theologie, dass von theologischen Traditionen im Plural die Rede sein muss? Fördert die kirchliche und theologische Vielstimmigkeit die öffentliche Resonanz dessen, was der christliche Glaube zur Orientierung in der Gegenwart beitragen kann? Welchen ökumenischen Weg sollen die christlichen Kirchen gehen, wenn sie es als ihren Auftrag ansehen, die christliche Daseinsgewissheit in den Orientierungskonflikten der Gegenwart wirksam zur Geltung zu bringen?
Bischof Huber nahm auch auf die Situation in Bamberg Bezug, wo öffentliche Theologie schon deshalb als ökumenische Theologie betrieben wird, weil evangelische und katholische Theologie hier gleichberechtigt vertreten sind (und eng zusammenarbeiten). Und auch das gesellschaftliche Umfeld, so Bischof Huber, lege das nahe: eine über die Jahrhunderte hin katholisch geprägte Region, in der die evangelischen Gemeinden gleichwohl ihr zweihundertjähriges Jubiläum feiern können. Das in Bamberg geläufige Wort „Evangelische gibt’s hier nicht“ erinnere in Wahrheit an eine vergangene Zeit; die Zuwanderung von Evangelischen in den Zeiten von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg hat zu den Veränderungen das Ihre beigetragen.
(Rechts sehen Sie den Präsidenten der Otto-Friedrich-Universität Prof. Dr. Ruppert und links neben ihm die Dekane der Bamberger Fakultäten, die zur Eröffnung erschienen.)
- Doch sei es besonders auch der Namenspatron der neuen Forschungsstelle, so Bischof Huber weiter, der zu einer ökumenischen Reflexion geradezu nötige. Dietrich Bonhoeffers Wirken war schon vor dem Beginn der Herrschaft Adolf Hitlers in einem erstaunlichen Umfang ökumenisch geprägt - und sein ungewöhnliches theologisches Profil entwickelte sich aus seiner Zuwendung zur sichtbaren Gestalt der Kirche als theologischem Problem.
Bischof Huber entfaltete im Folgenden eine Diagnose der gegenwärtigen ökumenischen Situation und charakterisierte die aus seiner Sicht heute vordringlichen ökumenischen Aufgaben. Am Ende stand die Frage, "ob wir mit bleibenden ökumenischen Differenzen rechnen müssen – und was das bedeutet".
Die Beantwortung der letztgenannten Frage ist ökumenisch umstritten. Bilden bleibende konfessionelle Differenzen ein unüberwindliches Ärgernis für die Ökumene? Bischof Huber plädierte für den titelgebenden Ansatz der "Ökumene der Profile". Zur Ökumene der Profile gehört zunächst die Ernsthaftigkeit, die jeweils für die Kirchen unaufgebbaren theologischen Einsichten auszusprechen und zu vertreten.
Bischof Huber verwies auf die „Leuenberger Konkordie“, mit der die Reformationskirchen 1973 ein Grundmodell dafür entwickelten, wie man bei bleibenden Differenzen dennoch Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und damit auch eine Kirchengemeinschaft der lutherischen, reformierten und unierten Kirchen ermöglichen kann.
Dieses Einheitsmodell der "Leuenberger Konkordie" entspricht dem Augsburgischen Bekenntnis von 1530, das in seinem siebenten Artikel feststellt: Es genügt für die Gemeinschaft der Kirchen, „in Bezug auf die Lehre des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente“ übereinzustimmen. Aus dem siebenten Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses - so der Ratsvorsitzende weiter - spricht die theologische Grundüberzeugung, dass die Einheit der Kirchen nicht nur als das Ergebnis unserer kirchlichen Bemühungen und ökumenischen Anstrengungen, sondern als eine im Glauben und im kirchlichen Bekenntnis vorgegebene und anerkannte Wirklichkeit zu verstehen ist. Das ist eine Einheit, die Vielfalt nicht unterdrückt, sondern würdigt. Es ist eine Einheit, die im Dialog auf die Wahrheit in der Position des anderen achtet.
(Rechts sehen Sie den evangelischen Regionalbischof und Oberkirchenrat im Kirchenkreis Bayreuth, Wilfried Beyhl, den Bamberger Dekan Otfried Sperl und Prof. Bedford-Strohm, wie sie den Ausführungen von Bischof Huber zuhören.)
Am Ende seines Vortrags hielt Bischof Huber fest: Auf der Basis eines solchen Einheitsmodells müsste sich der Umgang mit ökumenischer Pluralität keineswegs als Hindernis einer Öffentlichen Theologie erweisen. Vielmehr könnten die Kirchen in ihrer konfessionellen Vielfalt zu "Vorreitern für eine in Frieden gestaltete und der Freiheit dienende Pluralität" werden. Die Kirchen, so Bischof Huber, sollten und könnten sich so wechselseitig davor bewahren, das Recht, verschieden zu sein, zu vergessen. Ein solches Modell der Einheit in Vielfalt kann auch für das Zusammenleben der Verschiedenen in der Gesellschaft ein Beispiel sein.
(Rechts ein Blick darauf, wie Bischof Huber nach dem Vortrag den Applaus empfing.)
Den vollständigen Vortrag von Bischof Huber können Sie hier als pdf-Datei herunterladen.
Und hier können Sie den Artikel im "Fränkischen Tag"vom 31.01.2008 zur Eröffnung der Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie finden (ebenfalls als pdf).
Zu einem SWR-Radiointerview mit Prof. Bedford-Strohm über die Forschungsstelle gelangen Sie über diesen
link: Wählen Sie die Sendung vom 31.01.2008.
Und ein
Radio-Interview mit Prof. Bedford-Strohm, das am 03.02.2008 im Bayerischen Rundfunk (B5 aktuell) ausgestrahlt wurde, finden Sie hier - springen Sie in der Audiodatei zu Minute 6:40 und Sie hören einen vierminütigen Beitrag über die Dietrich-Bonhoeffer-Forschungsstelle für Öffentliche Theologie!
Und ein Artikel auf der Website von "Radio Bamberg" zur Eröffnung findet sich hier!
Ein Artikel aus dem
"Rheinischen Merkur" vom 07.02.2008(jpg) über die Forschungsstelle und die Eröffnung.
Weitere Zeitungsartikel und Radiodateien finden Sie auf der Seite " Transfer: Öffentliche Theologie außerhalb der Universität".
Mehr über den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland können Sie auf der Website der EKD erfahren -
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