Erwin Panofsky: Korrespondenz 1910-1968. Eine kommentierte Auswahl in fünf Bänden.
Erwin Panofsky (1892-1968) war einer der bedeutensten und einflußreichsten Kunst-historiker und Kulturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Schon seinen Generations-genossen galt er als 'Einstein der Kunst-geschichte'. Panofskys Korrespondenz ist der unbekannte Teil seines OEuvres. Aus einer Sammlung von ca. 27000 Briefen hat der Herausgeber in 22jähriger, kulturwissen-schaftlich fundierter Forschungsarbeit eine Auswahl getroffen, die das ganze Leben und Schaffen Panofskys widerspiegelt. Auf fast 7000 Seiten findet der Leser über 3800 Briefe ediert und kommentiert. Sie sind durch Verzeichnisse sowie umfangreiche, 'sprechende' Register erschlossen. Beigegeben ist die vollständigste Panofsky-Bibliographie, die je gedruckt wurde. Sie weist über 94 unbekannte bibliographische Einheiten nach.
Die Auswahlausgabe der Panofsky-Korrespondenz versteht sich als Beitrag zur Mikrohistorie des Lebens und Wirkens von Erwin Panofsky, der keine Autobiographie hinterlassen hat. Darüber hinaus bietet sie Einblicke in die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive einer exzeptionellen Persönlichkeit, wobei die Wissenschafts-, Sozial-, Personen- und Institutionengeschichte besondere Schwerpunkte bilden.
Während der erste Band (erschienen 2001, LIII, 1142 Seiten, 65 Abb.) die Spanne vom Beginn des Studiums bis zum Heimischwerden Panofskys in Princeton nachzeichnet, umfasst der zweite Band (erschienen 2003, XXVIII, 1363 Seiten, 47 Abb.) die Kriegs- und unmittelbare Nachkriegszeit. Der im Juli 2006 erschienene dritte Band (XXXV, 1382 Seiten, 52 Abb.) umfasst die Korrespondenz der Jahre 1950-1956 und zeigt den Wissenschaftler auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Nicht weniger als sieben Monographien hat Panofsky in dieser Zeit veröffentlicht, darunter bis heute unersetzte Werke wie "Early Netherlandish Painting" und "Meaning in the Visual Arts". Die Briefe zeigen ihn aber auch als engangierten, politisch interessierten Bürger.
Der im Herbst 2008 erschienene Band IV der Korrespondenz fügt dem bisherigen Korpus fast achthundert unbekannte Briefe und Dokumente hinzu, die zeigen, in welchem Maße Panofsky in den Jahren 1957 bis 1961 im wissenschaftlichen Diskurs nicht nur amerikanischer, sondern zunehmend auch europäischer Kunsthistoriker zum Zentrum wird. Selbst aus dem osteuropäischen Raum wendet man sich, mitten im Kalten Krieg, um Rat, Hilfe, Anerkennung an ihn. Etwas verblüfft und nicht ohne Selbstironie entnimmt Panofsky dem Brief eines Studenten, dass sein Werk nunmehr Gegenstand von Seminaren geworden sei. Seine Überzeugung "the discussion of method spoils their application" bleibt zwar bestehen, in diesem Zusammenhang direkt auf Methodenfragen angesprochen bezieht er jedoch dezidiert Stellung. Ebenso treten neue Aspekte in Panofskys Verhältnis zur abstrakten bzw. gegenstandslosen Kunst zutage. Nicht nur als Kunsthistoriker ist Panofsky gefragt, man sieht in ihm den Universalisten. Dies belegt z.B. die Einladung zur Veranstaltung "Man’s Contracting World in an Expanding Universe", bei der es um die Abschätzung der Folgen des rasanten technisch-naturwissenschaftlichen Fortschritts geht. Und auch sein Engagement für wissenschaftliche Freiheit und für Frieden zwischen den atomar erstarkenden Supermächten ist ungebrochen. Der Nobelpreisträger Linus Pauling kann ihn bei einem Aufsehen erregenden Aufruf zum Stopp der Ausbreitung von Atomwaffen als Mitunterzeichner gewinnen.
Mit Band V (XLIV, 1466 Seiten, 112 Abb., 1 Audio-CD), der im April 2011 erschienen ist, kam das Projekt der Auswahl-Ausgabe an sein Ende. Das in drei Abteilungen gegliederte Korrespondenz-Korpus dieses Bandes führt an 852 neue Texte heran. 59 davon bilden einen wichtigen Nachtrag zu den vorausgehenden Bänden, 8 betreffen 'Nachklänge' aus den Jahren 1969 bis 1971.
Panofsky zeigt zwischen 1962 und dem Beginn seiner Krankheit zum Tode Mitte Dezember 1967 trotz zunehmender Altersbeschwerden und nagender Selbstzweifel eine weiterhin erstaunliche Schaffenskraft und Agilität. Er verfasst zahlreiche Aufsätze, nimmt nicht ungern Vortragseinladungen an, berät nimmermüde junge und alte Kolleginnen und Kollegen aus den verschiedensten Disziplinen und bereitet durch Vorlesungen an der New York University sein letztes großes Werk "Problems in Titian. Mostly Iconographic" vor. Das seit der Übersiedling der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg von Hamburg nach London unter einem Unstern stehende Werk "Saturn and Melancholy", eines der Kultbücher des 20. Jahrhunderts, das Panofsky bis 1938 am nachhaltigsten gefördert hatte, erblickt 1964 endlich das Licht der Öffentlichkeit. Es sind die letzten Lebensjahre aber auch Jahre schwerer Erschütterungen für den großen Pan: Politisch werfen die Kuba-Krise und die Ermordung John F. Kennedys Schatten auf sein Leben, persönlich belastet ihn eine zunehmende Vereinsamung: Er hat den Verlust enger Freunde zu beklagen, wie den des Historikers Ernst Kantorowicz, des Kollegen Paul Coremans, auch des von ihm bewunderten J. Robert Oppenheimer. Gänzlich aus Leben und Arbeit wird Panofsky durch den Tod seiner Frau Dora gerissen. Verzweifelt sehnt er sich nach dem Austausch mit deutschen Freunden: Er, der sich die englische Sprache wie kaum ein zweiter Emigrant anverwandelt hatte, empfindet nun das Fremde des Idioms und die Fremdheit im Wesen der amerikanischen Freunde. Seine zweite Frau, die junge deutsche Kunsthistorikerin Gerda Soergel, eröffnet ihm neue Lebensfreude und damit erneut den Weg zur Musik, die für den Mann, der so vielen Studenten den Weg zum Kunstverständnis erschlossen hatte, nicht Zerstreuung, sondern die Essenz des Lebens ist. Auf zwei Europareisen inspirieren ihn noch einmal neue Eindrücke; er hält Vorträge in Italien und Schweden und lässt eine Flut akademischer Ehrungen nun auch in Deutschland an sich heran: Die Aufnahme in den Orden Pour le mérite wird zum symbolischen Höhepunkt und zur Kadenz eines exzeptionellen Forscherlebens. Das Jahresende 1967 und das Frühjahr 1968 sind von Panofskys Krankheit zum Tode geprägt.
a) Deutsche Forschungsgemeinschaft
b) Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf
c) Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung
d) Stiftung Volkswagenwerk, Hannover
e) Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung
f) Center for Advanced Study in the Visual Arts (CASVA), National Gallery
of Art, Washington, D.C.
g) Institute for Advanced Study, Princeton, NJ
h) Getty Center for the History of Art and the Humanities, Los
Angeles, CA
i) Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Wuttke, Dieter (Hrsg.): Erwin Panofsky: Korrespondenz 1910-1936. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2001 (Erwin Panofsky: Korrespondenz 1910-1968. Eine kommentierte Auswahl in fünf Bänden. Bd. I) . - LIV, 1142 Seiten.
Wuttke, Dieter (Hrsg.): Erwin Panofsky: Korrespondenz 1937-1949. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2003 (Erwin Panofsky: Korrespondenz 1910-1968. Eine kommentierte Auswahl in fünf Bänden. Bd. II) . - XXVIII, 1363 Seiten.
Wuttke, Dieter (Hrsg.): Erwin Panofsky: Korrespondenz 1950-1956. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2006 (Erwin Panofsky: Korrespondenz 1910-1968. Eine kommentierte Auswahl in 5 Bänden. Bd. III) . - XXXVI, 1382 Seiten.
Wuttke, Dieter (Hrsg.): Erwin Panofsky: Korrespondenz 1957-1961. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2008 (Erwin Panofsky: Korrespondenz 1910-1968. Eine kommentierte Auswahl in 5 Bänden, Bd. IV) . - XL, 1388 Seiten.
Wuttke, Dieter (Hrsg.): Erwin Panofsky: Korrespondenz 1962-1968. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2011 (Erwin Panofsky: Korrespondenz 1910-1968. Eine kommentierte Auswahl in 5 Bänden, Bd. V). - XLIV, 1466 Seiten, 1 Audio-CD.