Universitäre Forschung, praxisnahe Lehre und Sicherung gefährdeter Bodendenkmäler:
Exposé für eine Lehrgrabung
Der Donauraum um Ingolstadt in römischer Zeit: Fragen und Probleme
Viele der uns bekannten ländlichen römischen Siedlungen sind weit mehr durch intensive landwirtschaftliche Nutzung als durch Baumaßnahmen bedroht. Gegründet auf guten Böden, oft in stark erodierenden Hanglagen, ist ihre Gefährdung ein schleichender, oft viel zu spät wahrgenommener Prozess. Aufgrund der Baustrukturen und archäologischen Funde ist die zeitliche und funktionale Einordnung solcher Plätze oft sehr leicht vorzunehmen, der Informationsgehalt für kulturhistorische Aussagen aber kaum ausreichend. Doch gerade für siedlungsgeschichtliche Fragestellungen, die über die militärische Komponente bei der Erschließung neuer Gebiete im römischen Reich hinausgehen, sind wir auf diese Quellengattung angewiesen.
Betrachten wir einige Fragestellungen im Kleinraum Nassenfels, die sich aus der Besetzung der nördlich der Donau gelegenen Gebiete durch die Römer ergeben: hier wurden bisher in erster Linie die ungünstigen Geländeverhältnisse am Donausüdufer und die fruchtbaren Böden auf der linksseitigen Flussseite als Grund für die Verlegung der Truppen angeführt.
Vertraut man der Inschrift aus dem Kastell Kösching, nach der das Lager 80 n. Chr. angelegt wurde, so kann auch das Kastell in Nassenfels in den 80er Jahren des 1. Jahrhunderts als Holz-Erde Kastell angelegt worden sein. Neben dem intensiv diskutierten Problem der Existenz und des Nachweises einer einheimisch-vorrömischen Bevölkerung bleibt bislang auch die Frage, wer diese Truppenlager versorgte, unbeantwortet. Gleichfalls ist zu klären, wann die ersten villa rusticae aufgebaut wurden und wer ihre Besitzer waren.
Schon zum Ende des 1. oder im ersten Jahrzehnt des 2. Jahrhunderts ändert sich die Situation in diesem Gebiet grundlegend: Durch den Bau des Kastells Pfünz verliert Nassenfels seine militärische und strategische Bedeutung. Aus dem Lagerdorf entwickelte sich nun eine Zivilsiedlung, der vicus Scutarensium. Unter siedlungsgeschichtlichen Aspekten stellen sich nun Fragen, wie sich diese Veränderungen auf das Siedlungswesen allgemein und insbesondere auf die ländliche Besiedlung in dieser Siedelkammer ausgewirkt haben. Inwieweit kann ein noch nachzuweisender weiterer Landesausbau mit Gutshöfen mit der Stationierung der legio III Italica in Regensburg in Verbindung gebracht werden? Und schließlich: welche Aussagen können zum Ende der ländlichen Besiedlung während der Reichskrise des 3. Jahrhunderts getroffen werden, als die Provinz Raetien massiven Bedrohungen durch germanische Stämme ausgesetzt war? All diese Fragen können unter dem Aspekt der Erforschung und Rekonstruktion einer antiken Siedellandschaft und ihres Wirtschafts- und Sozialgefüges zusammengefasst werden.
Organisation und Methoden
Die Beantwortung dieser komplexen Fragen ist nur über problemorientierte und längerfristig angelegte feldarchäologische Forschungstätigkeit zu realisieren. Die Professur für Archäologie der Römischen Provinzen der Otto-Friedrich-Universität Bamberg will sich dem beschriebenen Problemkreis im Rahmen von Lehr- und Forschungsgrabungen annehmen, mit dem langfristigen Ziel, einen neuen Beitrag zur Siedelgeschichte der Donauregion in römischer Zeit zu leisten. Durch die bevorstehende Kooperation mit der Außenstelle Ingolstadt der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts ist zugleich ein Partner im Untersuchungsgebiet vorhanden, welcher im Rahmen seiner eigenen Feldforschungen bereits wichtige Impulse für die Präzisierung der beschriebenen Fragestellungen gegeben hat (Dr. C.-M. Hüssen). Die römische Villa von Gaimersheim scheint aufgrund dieser Anknüpfungsmöglichkeiten, aber auch aufgrund ihres guten Erhaltungszustandes, insbesondere auch im Hinblick auf die Vollständigkeit des Ensembles für unsere Forschungen besonders geeignet zu sein.
Zur Vorbereitung des Projektes sind zunächst die Informationen aus der Fachliteratur und den Ortsakten des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege zu erfassen und in einem über den Projektzeitraum zu pflegendes, tragfähiges Informationssystem zusammenzustellen.
Neben den Erkenntnissen, die aus der Luftbildarchäologie gewonnen werden, können dann auch gezielt geophysikalische Methoden zum Einsatz kommen.
Präzise Informationen, die es ermöglichen, auf oben genannte Fragestellungen tragfähige Antworten zu finden, werden jedoch nur durch Ausgrabungen zu erlangen sein. Dabei können bei besonders gefährdeten Objekten zunächst durch Sondagen der Erhaltungszustand und der zu erwartende Informationsgewinn geklärt werden.
Durch die Zusammenarbeit mit der Römisch-Germanischen Kommission und dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege können zweifellos organisatorische und inhaltliche Synergieeffekte erzielt werden. Sowohl die Befund- als auch die Fundauswertung der Grabungen könnten durch Lehrveranstaltungen sowie Bachelor- bzw. Masterarbeiten an der Universität Bamberg erfolgen. Im Hinblick auf übergeordnete siedlungsgeschichtliche Fragestellungen bestehen auch enge Anknüpfungspunkte an die benachbarten archäologischen Disziplinen der Universität Bamberg und anderer Universitäten (Ur- und Frühgeschichte; Archäologie des Mittelalters).
Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit ist neben einer zeitnahen Auswertung von Grabungsergebnissen und deren Publikation auch die Zusammenarbeit mit Museen der Region (z.B. Marktmusegeplant, Konzept und Präsentation könnten wiederum im Rahmen von Lehrveranstaltungen erfolgen, freilich mit ideeller und organisatorischer Unterstützung der lokalen Gemeinden.
Das beschriebene Konzept ist nur durch einen engen Informationsaustausch zwischen den einzelnen Partnern und mit Unterstützung durch die lokalen Behörden erfolgversprechend. Es kann dann aber neue Erkenntnisse zur Geschichte eines Siedelraumes zwischen Eisenzeit und frühem Mittelalter liefern, die sowohl für die Orts- und Lokalgeschichte als auch für die Provinzialrömische Forschung Bedeutung sind.